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Der Israelit · 1903-02-19 · Heft 14 (19.2.1903) · page 8

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Journal
Der Israelit
Volume
44 (1903)
Issue
Heft 14 (19.2.1903)
Date
1903-02-19
Page
– (sequence 8)
Language
German
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304 wird, hat es mir oft erzählt. Ihn kannst Du darüber fragen." . „Hat der Pater Firmian den Talmud?" fragte Abraham. „Ich brenne vor Verlangen, einmal etwas Schlechtes aus dem Talmud zu erfahren, aus dem ich bis jetzt so viel Schönes und Gutes gelernt habe." „Pater Firmian hat sehr viele, gelehrte Bücher," erwiderte der Baron. „Ob er einen Talmud hat, wirst Du bald erfahren. Aber wie gesagt, wir wollen über den Talmud nichts sprechen, den mußt Du Dir ganz aus dem Kopfe schlagen." Abraham hing, in die Wagenecke gedrückt, schweigend seinen Gedanken nach, und auch der Baron folgte diesem Beispiele. Bei Zlbraham wurden die Zweifel immer ernster, ob es ihm beim besten Willen möglich sein werde, sich in die neue Lebensweise zu fügen, und den Baron beschäftigten dieselben Bedenken. Er hielt große Stücke auf die Erziehungsweisheit des Pater Firmian, aber als er sah, wie ungeahnt tief die Anhänglichkeit an die Satzungen des Judenthums in dem jugendlichen Herzen Wurzel geschlagen, ward er ernstlich besorgt. Die Nacht war längst hereingebrochen, als sie in dem Schlosse des Barons ankamen; empfangen von der Frau Baronin und dem Pater Firmian. Die Baronin war eine Frau von kaum dreißig Jahren; aus ihren Augen leuchtete eine ungewöhnliche Milde und Herzensgüte, aber sie sah so leidend aus, daß es selbst dem Knaben nicht entgehen konnte. Ehrerbietig küßte Abraham der Frau Baronin die Hand, diese aber führte den Knaben in die Mitte des Zimmers unter den großen Kronleuchter und musterte nun einige Sekunden den Knaben vom Scheitel bis zur Sohle. „Kurt, der Knabe ist mir in hohem Grade sympathisch," sagte sie auf französisch zu ihrem Manne, „wenn sein Inneres seinem Aeußeren entspricht, so glaube ich, daß wir den Rechten gefunden haben. Natürlich muß er noch viel Anstand und Sitte lernen, er weiß nicht einmal, daß man die Mütze abnimmt, wenn man ein fremdes Haus betritt; willst Du es ihm nicht sagen?" Bevor noch der Baron antworten konnte, bemerkte der Geistliche, der ehrerbietig in der Ecke des großen Zimmers stand, ebenfalls in geläufigem Französisch: „Verzeiht, gnädige Frau, wenn ich mir die Bemerkung gestatte, daß es wohl kein Mangel an Anstand, sondern eine Sitte der Juden ist, das Haupt immer bedeckt zu halten. Sie betreten sogar bedeckten Hauptes ihre Synagogen, und viele von ihnen tragen deßhalö unter dem Hute noch eine leichte Kopfbedeckung, damit sie, wenn sie auf der Straße zum Gruße den Hut ziehen, nicht unbedeckten Hauptes sind. Man wird dem Knaben diese Eigenart leicht abgewöhnen, aber es dürfte wohl rathsam sein, für heute Abend, wo wir und die ganze Umgebung ihm noch fremd sind, ihm diese unschuldige Eigenart zu lassen." Pater Firmian war ein würdiger Greis im Alter von etwa 60 Jahren. Aus dem fahlen Gesichte und dem schneeweißen, kurzgeschnittenen Kopfhaar, hoben sich ein paar kluge, dunkle Augen noch schwärzer ab. als sie vielleicht an und für sich waren. Es lag etwas Resignirtes. Abgeklärtes in diesen Augen, und um den Mund spielte ein Zug, der den aufmerksamen Beobachter die Schmerzen und Kämpfe ahnen ließ, welche dieser Kopf schon überwunden hatte.' Pater Firmian genoß das volle Vertrauen des von Korff'schen Ehepaares, und auch Abraham mochte eine Ahnung von dem edlen Herzen haben, das dieser besaß. Obwohl er kein Wort von dem verstand, was hier gesprochen wurde, so ahnte er doch aus dem Ton der Stimme, daß der Pater etwas ihm Günstiges gesagt habe. (Fortsetzung folgt.) Der „Israelit" erscheint wöchentlich zweimal, Montags and Donnerstags, jedesmal in mindestens zwei Bogen. Preis pro Bierteljahr bei der Post 3 Mark ohne Bestellgeld. Ausland entsprechend höher. Man abonnirt ganzjährlich, halbjährlich oder vierteljährlich. Alle Buchhandlungen und Postämter nehmen Bestellungen an. — Der Buchhandel verkehrt durch V. Iss. Stein ach er, Leipzig, Notzptah )b. — Inserate 25 Pfennig die viergespaltene Nonpareillezeile oder deren Raum. Preis der Zeile im Reclametheil 7ö Pfennig. — Directe Francozusendung unter Streifband pro Jahrgang für Deutschland und Oesterreich 14 Reichs-Mark oder 16 Kronen österr., sür's Ausland iS Mark, an die Expedition franco einsenden. Postzeitungsliste 3932 Telephon 10l5. Stellesuchende und sonstige Interessenten können auf Wunsch die jeden Dienstag und Freitag erscheinende „Kleine Ausgabe deS Israelis vier Wochen lang gratis und franco erhalten. Wünscht man den Empfang der „Kleinen Ausgabe^ längere Zeit, so kann man sich für 25 Pfennige das Vierteljahr, indeß ausschließlich bei der Post auf dieselbe unter Nr. 3033 abonnire». Auf Wunsch stunden wir die Zahlung deS JnserttonSbetragS an außer Stelle Befindliche bis nach Erlangung einer solchen. Inhalt (Sauptblatt): Die «rohen Schritte. — Zeitungsnachrichten und Correspondenzen: Deutschland: Berlin. Frankfurt a. Mllasicl. Fürth. Ungarn-. Neutra. Rnuland: Petersburg. — Feuilleton: Der Findling. (Fortsetzung). Jndalt der erst«« Beilage: Zeitungsnachrichten und Correspondenzen: Deutschland: Berlin. Bremen. Eniden. Halberstadt. Nuhrort, Nürnberg. Ungarn: Äasa. England . London. — Vermischtes, Inhalt der zweiten Beilage: Die geichäftliche Lage und deren Veränderung bei den Wiener Inden. — Zeitungsiiachri-a»-.» und Correspondenzen: Deutschland: Hamburg Oesterreich-. Wien. •„ _ Pädagogische Beilage: Statntische lleberücht der litb. Lehrerkonferenzen pro 1900. — Sprechsaal. Extra-Beilage: .Binjamin" von Dr. M. Lehmann. Verantwortliche Redaction: OScar Lehmann ln Mainz. — Expedition deS ^JSraelit". Schpttstraße Nr. L Mainz. Druck und Verlag der J.oh. Wirth'schen Hosbuchdruckeret AcUen-Eesellschast in Mainz. Hierzu vier BeUage«.

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