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Der Israelit · 1903-02-19 · Heft 14 (19.2.1903) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
44 (1903)
Issue
Heft 14 (19.2.1903)
Date
1903-02-19
Page
– (sequence 7)
Language
German
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303 9 e u l I f 11 p u. Von Hießert Kärrtern. 119 Beim Ankleiden ließ er das Morgengebet, das er von Anfang bis zu Ende wörtlich auswendig wußte, im Geiste Revue passiren. Er fing mit Adaun Olam an und hörte mit Olenu auf, und war ganz betroffen, wie der bei weitem größte Theil dieser Gebete bis auf verschwindend wenige Ausnahmen, nur rein menschliche Anliegen zum Gegenstände hatte, die mit einer bestimmten Religion oder gar Konfession gar nichts gemein haben. Er war ganz glücklich, daß er den größten Theil aller Gebete auch als Nichtjude, wie bisher, weiter beten könne, und» machte von dieser Entdeckung sofort Gebrauch. Beim Frühstück aß er zum ersten Male Brod. das seine Mutter nicht gebacken hatte, er trank Milch, die ihm gestern noch zu trinken verboten war; aber er that dies alles auf ausdrückliches Geheiß seines Pflegevaters, so ohne jedes Zureden, ohne jede Weigerung seinerseits, daß er sich über sich selber wundern mußte. Als dann Baron Korff mit ihm davon fuhr, glaubte er sich stark genug, alles standhaft zu ertragen, wenigstens hatte er den redlichen Willen dazu. Herzlich hatte sich die gräfliche Familie wie von einem Familienangehörigen von ihm verabschiedet, und der Graf hatte versprochen, sich in den nächsten Wochen einmal selber nach ihm umzusehen. Sein neuer Pflegevater war wie umgewandelt. Er war die Güte und Liebenswürdigkeit selbst, und der kluge Knabe, fühlte sofort heraus, daß diese biedere Herzlichkeit der Grundzug im Wesen seines neuen Pflegevaters war, während die Härte und das Mißtrauen, das der Baron gestern zur Schau getragen hatte, eben nur zur Schau getragen waren, aber seinem innersten, eigentlichen Wesen nicht entsprachen. Die Aufregung des gestrigen Tages, die denr Knaben auch den größten Theil der Nachtruhe gekostet hatte, machte sich jetzt geltend. Der Knabe schlief, nachdem sich der Wägen kaum in Bewegung gesetzt hatte, fest ein. Der Baron - bettete ihn sorgfältig und betrachtete jetzt mit herzlichem Wohlwollen die edlen, feingeformten Züge desselben, glücklich in dem Bewußtsein, daß er nun eine Seele auf Erden habe, die er sein Eigen nennen dürfe. Als Abraham erwachte, nahm der Graf zwei zusammengelegte Brödchen aus seiner Reisetasche. Eins aß er selbst, das andere reicht« er Abraham. Als dieser zwischen den Brödchen ein Stück feingeschnittenen Schinken erblickte, wies, er es zurück und sagte, er habe keinen Hunger. - >. , „Du nimmst wohl noch an dem Schweinefleisch - Anstoß?" bemerkte zärtlich der Graf. „Das darfst Du : ‘ jetzt ruhig genießen, versucht nur einmal, wie gut es ist."-. ■ „Herr Baron," entgegnete Abraham, „ichstoßennch? wirklich an dem Schweinefleisch und könnte es nicht s essen, für alles in der Welt. Vielleicht gewöhne ich mich noch daran, aber jetzt ist's mir noch zu fremd. Es ist nicht schön von mir, aber ich werde mich gewiß bessern. Der Talmud lehrt, man solle nicht sagen, ich esse kein Schweinefleisch, weil ich keine Lust dazu habe, sondern man soll sagen, Lust hätte ich schon dazu, aber, mein Vater im Himmel hat es mir untersagt. Es ist! also für die Juden nicht geboten, das Schweinefleisch ' verächtlich zu finden, sondern bei aller Anerkennung seiner Vorzüge lediglich weil es Gottes Wille ist, diesen Genuß sich zu versagen. Soweit habe ich es aber als Jude auch noch nicht gebracht. Wenn unsere Arbeiter - Wurst und Schinken aßen und uns Kindern .davon geben wollten, so hätten wir einen Widerwillen dagegen, und dieser Widerwille ist es, den ich wohl nicht so rasche überwinden kann." „Aber Abraham," entgegnete der Baron, ^,was man nicht kennt, liebt man nicht und haßt man nicht. Und dann gibt's ja auch Juden genug, die Schweine- . fleisch essen, und es schmeckt ihnen ganz gut."; „Was!" unterbrach Abraham den Baron, „JudenV essen Schweinefleisch? Das glaube ich nicht, es ist ihnen ja verboten." Der Baron bemerkte lächelnd: „Du glaubst es nicht? Ich habe es aber selber oft genug, mit eigenen :. Augen gesehen!"? „So? Das verstehe ich nicht. Der Talmud sägt ' doch —" „Höre, Abraham, den Talmud und. seine Aus'Hsprüche mußt Du Dir abgewöhnen. Ich möchte nicht,"-? daß Du ihn wieder erwähnst, das ist ein ganz schlimmes Buch, aus dem die Juden ihre ganze Verschlagenheit: und Halsstarrigkeit haben." „Haben Sie auch Talmud gelernt, Herr Baron?"?' fragte ganz unbefangen Abraham.' „Das fehlte mir auch noch," erwiderte lachend der- Gefragte, „wie kommst Du denn auf einen solchen Ge-- ■ danken?" „Ich glaubte es ganz sicher, weil Sie doch sonstnichts von seiner Schlechtigkeit wissen könnten? Ich habe schon einige Bände davon gelernt, aber etwas?- Schlechtes habe ich darin noch nie gefeHen.^7?.?* J)f +:f „Nein, ich weiß gar nicht, wie der Talmud aussieht," entgegnete der Baron. . „Aber..Pate;^Firmisn.^. der ein sehr gelehrter Geistlicher ist, und der .Dich mit den Wahrheiten der christlichen Kirche bekannt machen

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