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Der Israelit · 1903-02-19 · Heft 14 (19.2.1903) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
44 (1903)
Issue
Heft 14 (19.2.1903)
Date
1903-02-19
Page
– (sequence 4)
Language
German
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der den religiösen Fortschritt gefährde und nur die Reaktion in der Kirche und in der Polittk fordere. Frankfurt a. M., 16. Febr. Am 26. Januar sprach im „Verein für jüdische Geschichte und Literatur" Rabb. Dr. Porges aus Leipzig. Er verbreitete sich auf Grund der neueren Veröffentlichungen in den Etndes juives über die Verhältnisse der Juden in Frankreich im 13. Jahrhundert. Bei der engen Verbindung, in der die deutschen Juden mtt den französischen damals standen, kann man wohl annehmen, daß die Verhältnisse in Deutschland die gleichen waren. — Im 12. Jahrhundert waren die Juden in Frankreich sehr günstig gestellt; aber noch hatte Ludwig VII. die Augen nicht geschlossen, als sein Sohn Philipp August mit Erpressungen gegen die Juden vorging. Er war einer der Ersten, der den Juden die Rolle des Saugschwamms zuwies. Trotzdem sie sich der größten Redlichkeit im Handel befleißigten, konnten sie den böswilligen Beschuldigungen nicht entgehen. Zum Vermögensverfall trugen nicht nur die Vertreibungen, sondern auch die häufigen Annullirungen der Judenschulden bei. Den Todesstoß versetzte der habgierige Philipp der Schöne dem Wohlstand der Juden durch die Verbannung'von 1306; damit bereitete er aber auch dem Nationalwohlstand eine empfindliche Schädigung. Was den ihnen zum Vorwurf gemachten Wucher betrifft, so wurde er von Christen, Lombarden und Cahorsincrn in gleicher Weise betrieben und war nichts als ein durch die wirthschaftlichen Verhältnisse des Mittelalters hervorgerufenes, förmlich natürliches Uebel. — Am 9. Februar hielt Rabbiner Doktor aus Bruchsal einen Vortrag über die Juden in A msterda m zur Zett Rembrandt's. Amsterdam zeichnete sich stets durch Toleranz und durch Wohlihätigkeit aus. Es besaß zu jener Zeit schon eine wissenschaftliche Freischule mit holländischer Vortragssprache, eine Bibliothek mit öffentlichem Lesesaal und 54 Druckereien, auch solche für orientalische Sprachen. Die Künste, besonders die Malerei, blühten. Einer der hervorragendsten Maler war Rewbrandt, ein eigenartiger Mann schon in seinem Vornamen (er hieß mit Zunamen Harmentz von Ryn). Dieser Maler wohnte unter Juden und wählte mit Vorliebe jüdische Stoffe. Im Land der Freiheit richteten sich die aus Spanien und Portugal geflüchteten Juden wieder auf. Sie stellten aus ihren Reihen Offiziere, Dichter, Schriftsteller, Philosophen. Geographen u. s. w. Unter den von Rembrandt's Pinsel Verewigten befindet sich auch Manasse ben Israel, der schon im Mer von 18 Jahren Oberrabbiner von Amsterdam wurde. Ein Mann von ungewöhnlicher Gelehrsamkeit, stand Manasse mit den berühmtesten Gelehrten seiner Zeit in Briefwechsel. Es gelang ihm, Cromwell günstig für die Rückberufung der Juden nach England zu stimmen. Eins seiner Werke, eine Schrift über die Vision Daniels, ist Isaak Vossino gewidmet und von RemLrandt mit vier Le- ] rühmt gewordenen Kupferstichen versehen; dies Buch gehört zu den größten Seltenheiten. Die Betrachtung jener Epoche zeigt uns, daß sie Männer aus jüdischem Stamme hervorgebracht, die auf der Menschheit Höhen wandelten und den Stolz unserer Natton stets bilden werden. Kassel, im Febr. Bei der „Hundertjahrfeier" der Gesellschaft „Humanität" hielt Herr Oberpräsident von Zedlitz-Trützschler folgende Ansprache: t „Meine geehrten Damen und Herren! Ich stehe unter dem starken Eindruck dieser erhebenden, ethisch und geisttg bewegten Feier, unter dem Eindruck des Berichteten über die Erfolge dieser Gesellschaft in hundert Jahren. Wenn ich nach dem Vortrage des Herrn Vorsitzenden die Zahlen der letzten Jahre mit hundert multiplizire, so bekomme ich nach Taufenden zählende Scharen, die ihre sittliche und ihre wirtschaftliche Existenz den Zielen, den Arbeiten und den Unterstützungen dieser Gesellschaft in diesem Zeitraum verdankt haben. Das ist wirklich eine große Sache, die nicht bloß Sie berührt, nicht bloß diese Gesellschaft, auch nicht bloß Ihre Stammes- und Religionsgemeinschaft, eine Sache, die weit über diese Grenze hinaus reicht und die anzuerkennen auch meine Aufgabe und meine gern geübte Pflicht ist. Aber ich stehe auch unter dem Eindrücke der Bedeutung der idealen Ziele, welche in dieser Gesell schaft bis auf den heutigen Tag geübt wurden. Sie ist entstanden in einer Zeit, welche die Grundlagen für eine ganz neue Weltentwickelung gelegt hat. Diese Grundlagen sind bis auf den heutigen Tag in uns wirksam, zweifellos in vielen Beziehungen auch nach unerwünschten Seiten hin. Doch würde unsere ganze heutige Lebensauffassung. das Verhältniß der Menschen zu einander, auch das Verhältniß der Völker zu einander undenkbar sein ohne jene Grundlagen und Ziele, die im Anfang des vorigen Jahrhunderts auf uns überkommen sind. Diese Ziele und Ideale gepflegt zu haben, ist ein anderes Verdienst der feiernden Gesellschaft, vielleicht in einem engeren Kreise, als man allgemein annimmt, aber immerhin reiht sich Arbeit an Arbeit, idealer Sinn an idealen Sinn. Es war auch mir in besonderem Maße erfreulich, daß man die Ideale pflegt auf dem Boden des Goiteswortes, unter göttlicher Auffassung . des Menschenberufes. Auch das auszusprechen als Mensch ist mir in diesem Kreise und bei dieser Feier Bedürfniß. und so möge denn die Gesellschaft „Humanität" Weiter blühen und gedeihen. Sie möge nach der wirthschaftlichen, nach der sozialen, wie der ethischen Seite ihrer Aufgabe erfolgreich wirken in ihr zweites Jahrhundert hinein. An Leitern und Geleiteten, an Mitgliedern und Mitarbeitern möge sie wachsen und blühen alle Zeit. Das wünsche ich von Herzen." (Lebhafter Beifall.)

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