Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 44 (1903)
- Issue
- Heft 13 (16.2.1903)
- Date
- 1903-02-16
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
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selbst sicher war und die schwarze Seite dieser Welt erforscht hatte. Vor Nichts wäre ich zurückgeschreckt, aber ich war empört über die Kühle und den absoluten Unglauben. Die Atheisten stellten die überwiegende Mehrheit. Nicht mit Juden hatte ich zu thun, sondern mit Leuten, die jede Nationalität und Religion abgelegt und den Charakter verloren hatten. Nicht abgeschreckt durch die Bekanntschaft mit einer unserer Koryphäen, Herrn Mann, schritt ich weiter, indem" ich mich bemühte, denen näher zu treten, deren Meinungen, Urtheile, Eigenschaften und ausgebreitete Verbindungen den Vorrang zu haben schienen. Mit kleinen Unterschieden durch äußere Politur oder bäuerische Rohheit, waren dies nur unendliche Varianten eines einzigen Typus.' Nachdem ich ihrer müde geworden, schritt ich mit wahrer Freude zu den tieferen Klassen herab, bei denen, wenn nicht der Glaube, sy doch dessen Formen noch lebten. Hier wieder gähnte ein Abgrund zwischen Leben und — Glauben. Dies Alles überzeugte mich immer fester, daß mein Verbesserungsgedanke nicht zu gelegenerer Zeit gekommen, daß ich nicht in der Lage sei, ein, wenn auch nur unwürdiges Werkzeug Gottes zur Aufrichtung Israels werden zu können." Jwas blickte Jakob lächelnd an, dessen verklärtes, ernstes Antlitz von aufrichtiger, tiefer Begeisterung strahlte. „Wie?" fragte er, „verloren Sie diese Träume nicht auf dem Warschauer Straßenpflaster?" „Nein," erwiderte Jakob, „ich kam und ging mit ihnen. Ich trug ste hinaus, und werde sie, wenn ich zurückkehre, wieder mit hineintragen. Dieser Gedanke ist mein ganzes Leben!" „Leider!" entgegnete Jwas. „kamen Sie zu unrechter Zeit! Vorbei sind die Tage der Propheten und Gesetzgeber, vorüber jene Zeiten, da ein energischer Mann die Menge mit sich fortzog. Alle Proselytenmacherei ist eine Unmöglichkeit in der Gesellschaft, in der das Individuum eine so selbstständige Rolle spielt, wo Jeder sich selbst fühlt und sich gleichberechtigt hält mit Euch zum Räisonniren, Reformiren und zum Handeln nach seiner eigenen, inneren Stimme!" „Es wäre so, wie Sie sagen." rief Jakob, „hätte ich nicht in dem Maße, als sich die allgemeine Bildung hebt, die Verpflichtung, als jener neue Prophet mich auch an Geist und Tugend noch höher, als die aufgeklärte Menge, emporzuschwingen. Ihre Bemerkung ist treffend. Aber Alles wird sich entscheiden durch die Art und Weise desjenigen Menschen, der den entscheidenden Einfluß hat!" „Hegen Sie die Hoffnung, zu dieser erforderlichen Größe heranzuwachsen?" fragte ungläubig Jwas. „Ich weiß es nicht," antwortete Jakob ruhig. „Aber selbst das Ahnen dieser Sendung ist für mich deren Beweis. Ich kann erliegen durch meine Schuld. Aber in meiner Brust trage ich den Odem Gottes, der mich gehen heißt, auch wenn ich erliegen sollte." „O, armer Schwärmer!" flüsterte der Reisegefährte. „Welch'ein Loos wird Ihrer harren!" „Die Last dessen, was ich aufheben kann," fuhr Jakob fort, „ist mir wohlbekannt. An mich denke ich gar nicht. Für mich handelt es sich nur um das große Ziel, um eine Aufgabe, die so gewaltig ist, daß es schon werth sein würde, von ihr zerschmettert zu werden! Sie aber," fügte er seufzend hinzu, „Sie haben mich durchaus mißverstanden!" - ( „Thun Sie, obgleich, ich Ihnen fremd bin, als ob ich Sie hätte verstehen können," erwiderte Jwas, „denn auch ohne Sie begriffen zu haben, verehre ich Sie!" Und herzlich drückte er die Hand des Begleiters. „Wenig kenne ich die Juden und ihre Lehre. Aber ich habe Mitgefühl für Ihr Volk. Ihr Loos ist zum Theil daS Unsere. In einem jener Schulhandbücher, aus denen uns einst die Elementargeschichte erklärt wurde nach Art eines Katechismus, mit Fragen und Antworten, stellte der russische Pädagoge die geistreiche Frage: „Welches sind die Völker, die kein Vaterland haben?" Die amtliche Antwort hierauf ist: „Juden, Zigeuner und Polen!" Diese gleichsam boshafte Thorheit irgend eines russischen Klerikers blieb in meinem Gedächtnisse stecken seit der Zeit, da ich ste hörte. In der That ist zwischen unserem und Eurem Geschicke manche Ähnlichkeit, aber auch manche Verschiedenheit. Euer Unglück reicht in jene Zeiten zurück, wo man es mit der Rohheit des Volkskampfes einigermaßen entschuldigen kann. Das unsere ereignete und vollzog sich in einer Epoche, welche die Worte: Brüderlichkeit, Gesetz, Frieden und Freiheit auf ihre Fahne geschrieben hatte. In unserem Loose ist von Seiten der Feinde mehr Cynismus und eine weit härtere Schicksals-Ironie, die mit der ganzen Welt des neunzehnten Jahrhunderts im Widerspruche steht. — Doch kehren Sie zurück zu den Juden und erzählen Sie mir, wie Sie es in Warschau anfingen." „Nichts oder nur sehr wenig konnte ich dort euSrichten," sprach Jakob weiter. „Wie ein verständiger Landwirth untersuchte ich nur den Acker, den ich zur Saat bestimmt. Der Kern meiner Wahrnehmungen ist Ihnen zum Theil schon bekannt. Aber sie offenbarten sich mir in solcher Mannigfaltigkeit der Form, daß ich sie nicht mit einigen Worten schildern kann. Rings um jene beiden Haupttypen, meinen Verwandten und dessen Freund Mann, tummelten sich noch Tausend Andere, mehr oder weniger von Jenen verschieden, obgleich in den Hauptzügen ihnen nur zu ähnlich. Gleich nach meinem Besuche bei Herrn Mann fragte mich mein Vormund neugierig nach ihm. Gewiß wollte er nach dem Eindrücke, den dieser Mensch auf mich gemacht, den er vollkommen kannte, nicht sowohl diesen, als mich beurtheilen. „Warst Du bei Mann?" „Ja, ich war dort," erwiderte ich kurz und trocken. Er blickte mich forschend an.