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Der Israelit · 1903-02-16 · Heft 13 (16.2.1903) · page 20

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Journal
Der Israelit
Volume
44 (1903)
Issue
Heft 13 (16.2.1903)
Date
1903-02-16
Page
– (sequence 20)
Language
German
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„Nun? Und wie fandest Du ihn?" fuhr er fort. „Ich fand ihn so beschäftigt," antwortete ich lächelnd, „daß ich mich ihm nicht sehr nähern konnte." Der Vormund sah. mich wieder scharf an, und errieth treffend, wie gewöhnlich, den Eindruck, den. jener auf mich gemacht. „Wie?" fragte er, „hat er Dich schlecht ausgenommen? Kühl?" „O nein! Er war beschäftigt!" „Nimm das nicht so genau!" sprach er lebhaft. „Er ist ein Bauer. Uebrigens ist diese Grobheit vielleicht ein wenig absichtlich. Im Grunde aber ist er ein sehr guter, braver Kerl!" Wir standen vom Tisch auf, die Damen traten in den Salon. Er aber zog mich mit sich in sein Zimmer. „Wie war das?" fragte er neugierig. „Erzähle, denn...." Ich schilderte ihm ausführlich meine ganze Anwesenheit und Unterhaltung bei Mann, ohne mich irLendwie perletzt dadurch zu zeigen, was ich auch in der That nicht war. „Ich bin noch jung," fügte ich hinzu. „Ich habe kein Recht, etwas zu beanspruchen. Zum zweiten Male dorthin zu gehen, verspüre ich aber durchaus keine Lust!" -,Jm Gegentheil," sprach stirnrunzelnd mein Vormund, „Du mußt hingehen, aber ohne die allzugroße übertriebene Bescheidenheit. Mit den Menschen im Allgemeinen muß man dreist sein, ohne-Impertinenz,' aber mit Selbstbewußtsein. Jemehr ein Mensch die andern geringschätzt, desto höher achten sie ihn, das ist ein allgemeiner Grundsatz. Erniedrige Dich nur, und sie werden Dich zertreten!" „Ja wohl," entgegnete ich, „das mag schon sein. Aber ich kann nicht anders Händeln, als es mir die Gelegenheit diktirt. Ich bin niemals dreist aus Verstand und Berechnung, noch auch bescheiden zu irgend einem Zwecke, sondern immer nur so, wie mich im gegegebenen Augenblicke meine Natur macht. Es ist gewiß schlimm, sich so wenig beherrschen zu können. Aber ich kann nicht anders!" „Dann allerdings werden sich der gnädige Herr niemals in der Welt zu rathen wissen?" rief lächelnd mein Lehrer. „Wer Einfluß haben will auf die Menschen und sich durchschlagen, muß mit ihnen unaufhörlich Komödie spielen, Demuth heucheln, wenn Stolz in ihm wallt, den Muthigen spielen, wenn er vor Furcht erbebt. Wo nicht, werden die Menschen ihn zertreten, beherrschen und hin- und herwerfen, wie sie wollen!" „Das ist ein trauriger Grundsatz," sprach ich. „Ich zweifle, daß ich mich ihm jemals anbequemen werde. Wir Häven verschiedene Prinzipe. Ich halte daS Leben für eine ernste Mission; Sie, verzeihen Sie mir, für eine Rolle im Schauspiel!" „Jawohl! Aber Du hältst die Menschen für besser, als sie sind. Und dies ist der ganze Unterschied des Systems!" rief mein Verwandter. „Dein System ist. schön vor dem Auge, aber schlecht in den Folgen. Das Herz offnen, den Gedanken enthüllen, das heißt fich den Menschen freiwillig zur Beute geben, die der Verstand für. nichts anderes, als für Feinde zu halten erlaubt!" „Ich aber möchte aus Gefühl. Ueberzeugung und Grundsatz," so erwiderte ich, „lieber in ihnen Brüder sehn!" Der Alte lächelte spöttisch und streichelte mich unter, das Kinn. „Mein Bester," fügte er hinzu, „nicht darum geht es, was Dir lieber, sondern was wirklich ist. Ich hätte mir nicht gedacht," sprach er fast mitleidig, „daß Du so kindisch sein könntest. Alle diese idyllischen Bilder der Menschenfreundlichkeit sind wunderhübsch aus Gemälden, Tapeten und Wandschirmen. Wer aber im praktischen Leben seine^Üerechnungen auf Utopien stützt, der irrt sich immer. Der Mensch ist auf Augenblicke gut, bisweilen auch recht brav. Im Grunde aber ist er mehr geneigt zum Bösen. Es . irrt also, wer auf Ausnahme-Momente rechnet, und nicht ans den normalen Zustand!" „Aber die Menschheit hat sich vervollkommnet!" rief ich aus. „Wieso? Wo denn?" fragte stirnrunzelnd mein Mentor. ,-Auch das sind Redensarten! Vervollkommnet hat sich die Werkstatt, das Werkzeug, das Essen, die Kleidung, der Handel! Nicht aber der Mensch! Vervollkommnet hat er sich, was ihm das Leben erleichtert. Aber es entsteht die Frage, ob diese Erleichterungen ihn verdorben oder gebessert haben! Die Menschen." fügte er, die Brauen runzelnd hinzu, „die Menschen muß man als Werkzeuge benutzen, aber nicht sich in sie verlieben. Das verblendet, und wer seines Weges geht, muß klar sehen. Fort, aus dem Wege mit dem Unöranchöaren, ohne Erbarmen! Geschickt ausbeuten die Fähigen — das ist meine Theorie! Empfindsamkeit führt zu nichts, ist eine Krankheit!" Je abschreckender auch die Theorie meines Verwandten sein mochte, diesmal verletzte sie mich nicht. Ich war schon zu gut auf sie vorbereitet. Das Gespräch führe ich nur im Hauptinhalte an, damit Sie den Mann besser kennen lernen. Dies war für mich ein entscheidender und denkwürdiger Tag. Er näherte uns einander und entfernte uns wieder. Nach einer Pause trat mein Verwandter vor mich hin, sah mich an und sagte leiser zu mir: „Weil ich Dir wohl will, nicht etwa aus krankhafter Empfindsamkeit," verbesserte er sich, „sondern um aus Dir einen für mich nützlichen Menschen zu machen, schulde ich Dir noch einen Rath. In Gesellschaft, geradezu auffällig und wie zur Schau, rühmst Du Dich und erinnerst unaufhörlich daran, daß Du Jude bist! Einmal ist dies lächerlich, und dann bei uns nicht Sitte. Es kann Dir also schaden." (Fortsetzung folgt.) ' Verantwortliche Redaktion: OScar Leb mann ln Mainz — Expedition des ^Israelit". Schottstrabe Nr. L Mainz., Druck und Verla« der Job. Wirtb'scheu Hofbuchdruckerei Actieng sellschaft in Mainz.

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