Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 44 (1903)
- Issue
- Heft 13 (16.2.1903)
- Date
- 1903-02-16
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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und unserem Volke Ehre. Mr werden Alle helfen, aber Sie muffen sich dessen würdig zeigen!- Mitten im Gespräch, während dessen er ununterbrochen aus dem Fenster sah, indem er nicht einmal beliebte, mich anzublicken, Kat ein sehr hübsches, geputztes Fräulein heraus, blinzelte mit den Augen, als wolle es mich nur einmal sehen, näherte sich dem Vater, legte ihm die Hand auf die Schulter und flüsterte ihm, ohne mir auch nur mit dem Kopfe zuzunicken, lachend etwas in das Ohr. Dies war für mich das Zeichen, daß ich mich so schnell als möglich entfernen solle. Ich fühlte schon nur zu sehr, daß ich lästig sei. Ich schickte mich daher zum Rückzuge an. Mir selbst erschien dies dringend. Herr Mann dachte durchaus nicht daran, mich aufzuhalten. Sehr, obenhin verabschiedete er sich und kehrte in den Salon zurück, wozu er sichtlich große Eile hatte. Später erfuhr ich viel von seinen güten Werken, aber, sei es nun billig oder nicht, dies Alles war mir erklärlich durch die maßlose Eitelkeit dieses Menschen. Er hatte in der That das Verdienst, daß er in den schwierigsten Zeiten überall offen zu den Juden stand und ihrer sich öffentlich annahm, daß er seiner Abstammung sich nicht schämte, sondern sogar ihrer sich rühmte. Dafür aber wollte er auch überall sein Volk repräsentiren und sich, wo er nur konnte, mit seinem Namen eindrängen. Oft that er dies auch unnöthig und ungeschickt. Er war. wie ich schon erwähnte. der sichtbare Anführer. . Aber ihn umgab eine unsichtbare Phalanx von geschickten Rathgebern, die die Mittel schon kannten, mit denen man ihn leiten mußte, und wie man ihm die eigene Meinung unterschieben konnte, damit er sie als die seinige annehme. Durch die stets geöffneten Thüren der Eitelkeit konnte man in das Innere nur eintreten, nachdem man sich auf der Schwelle tief verneigte. Anerkannt als Oberhaupt und zur Arbeit benutzt, wie ein glänzendes Geräth, war er mit sich ganz zufrieden. Niemals malte einen Menschen die Außenseite besser. Klein, untersetzt', breitschultrig, sehr feist, etwas verwachsen, erschien er äußerlich fast immer unwillig .oder gedruckt von der Last der Arbeit, die auf seinem Kopfe lag, als trage er die ganze Welt auf seinen Schultern und wolle Jedermann fühlen lassen, daß nur eine Kraft, wie die seinige, dieser Bürde gewachsen sei. Im Privatleben spielte er die im französischen Theater bekannte Rolle du boumi bienfaisant. Im Grunde war er durchaus kein böser Mensch. Aber wer näher mit ihm verkehrte. überzeugte sich, daß seine israelitische Orthodoxie nicht aufrichtig war, und daß sie ihm nur als Werkzeug diente. In der That glaubte er ebenso an nichts auf der Welt, als andere Genossen derselben Sphäre. Er, wie mein Vormund, haßten, obgleich jeder in seiner Art, in gleichem Maße, den polnischen Adel. Ich, der ich dies Gefühl durchaus nicht theilie, sah in ihm nur eine leidenschaftliche Eifersucht, deren Veranlassungen mir verborgen waren. Sie erschien mir aber erniedrigend für uns. Nicht öffentlich zeigten sie dieses Gefühl. Sie lebten vielmehr sehr gut mit vielen Burgern, die ihren Adel am meisten zur Schau trugen, und befreundeten sich sogar mit ihnen. Leider aber glühte auf beiden Seiten in gleichem Grade unter dieser oberflächlichen Freundschaft der urewige, unversöhnliche. kindische Nationalhaß. Wollte man die Fehler und Lächerlichketten der Juden kennen lernen, brauchte man danach nur den Adel zu fragen und umgekehrt. Niemand kannte die schwachen Seiten beider Lager besser, als die heimlichen Antagonisten. Konnte man nicht auf etwas anderes losfchlagen, so schlug man beiderseits auf die unzähligen, lächerlichen Kleinlichkeiten, deren es natürlich überall in Fülle gab. Für einen so wißbegierigen und aufmerksamen Beobachter, wie ich es war. bot eine so lebhafte und volkreiche Stadt, wie Warschau, ein großes Feld dar. Vor Allem aber bemühte ich mich, das, was mich am meisten anging, kennen zu lernen, meine Mitbrüder, mein Volk. Von Kindhett an besaß ich eine glühende Anhänglichkeit an dasselbe, und mich beseelte der Wunsch für sein Wohl. Ich konnte mir nicht schmeicheln, daß ich. der Schwache, Unbekannte, ohne Einfluß, ohne Gelehrsamkeit, ihm nützlich werden könne. Eine innere Stimme sagte mir aber und trieb mich an. daß ich danach strebte. Ich träumte "oft, daß ich einmal für meine polnischen Mitbrüder ein zweiter Bar Maimon werden solle, um sie aufzurichten aus ihrem Verfalle. Ohne meinen Lieblingsgedanken aufzugeben — Sie werden darüber lachen" — fügte Jakob hinzu, „Etwas zu werden in Israel, verstand ich erst hier, auf diesem Grunde, wie schwer diese Aufgabe sei, wie man sich auf dieselbe vorbereiten müsse. Indem ich meine Pflicht erfüllte, und mich bemühte, die Welt und die Menschen kennen zu lernen, widmete ich mich wieder mit frischer Kraft dem Bibellesen und dem Nachdenken über das göttliche Gesetz. Diese in der Hauptstadt verlebte Zeit ließ mich die ungeheure Größe dessen erkennen, wonach ich trachtete, war aber für mich sehr lehrreich und voll der süßesten Träume. Fast täglich begegnete ich neuen Menschen und regte ich zu Gesprächen an.- Woher mir, einem so geringen Wesen, diese riesigen Pläne kamen, ich weiß es nicht. Als ich noch klein war, strebte ich danach, mit dem Geiste mich über Andere emporzuschwingen. nicht um sie zu beherrschen, sondern um sie aufzurichten. Die Unterdrückung meines Volkes war der Hauptanlaß meiner Träume. Als aber die Szene sich änderte, das Feld sich erweiterte, als ich mich noch kleiner werden sah inmitten dieser Mächte der Welb da zweifelte ich durchaus nicht an mir selbst, da erweiterte sich vielmehr mein Gesichtskreis und wuchsen meine Neigungen. Da sammelte ich mich gern in' meiner Seele, um das Ziel zu erreichen. Ich wollte mich weder übereilen, noch vorzeittg verrathen, bevor ich meiner