Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 44 (1903)
- Issue
- Heft 13 (16.2.1903)
- Date
- 1903-02-16
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Frankreich. Paris, 12. Febr. Die todtgeglaubte Dreyfus- Affaire regt sich wieder in Frankreich. Schon bei der Untersuchung gegen die Schwindlerfamilie Humbert war vorübergehend davon die Rede. Der in der Humbert'schen Sache als Zeuge vernommene Oberst du Paty de Clam brachte eine Verbindung dieses Falles mit dem Dreyfushandel zu Wege. Nach seiner Aussage sei es der Einfluß der Frau Humbert gewesen, der seiner Zeit eine für Dreyfus günstige Entzifferung der einst vielbesprochenen Depesche des italienischen Militärattaches Obersten Panizzardi bewirkt habe. Sei es nun, daß diese Behauptung selbst den Franzosen zu thöricht erschien oder daß man in Frankreich überhaupt Scheu trägt, sich von jedem Windbeutel von neuem auf das Glatteis des Dreyfus-Handels führen zu lassen, jedenfalls schlug der Versuch, den Humbertschwindel mit der Dreyfus-Tragödie zu verquicken, gänzlich fehl. Die öffentliche Meinung kümmerte sich nicht darum. Nun tritt aber ein viel ernsterer Mann mit der Ankündigung,, daß er. demnächst neue, wichtige Enthüllungen über den Dreyfus-Prozeß machen werde, auf den Plan. Herr Jean Jaurös, der neugewählte sozialistische Vizepräsident der Kammer, will anläßlich der bevorstehenden Debatte über die Wahl des nationalistischen Abgeordneten Syveton auf den Dreyfus- Prozeß zu Rennes zurückkommen. Die Stimme des Herrn Jaurös hört man in. Frankreich. Man weiß, daß er nicht aus einem hohlen Fasse spricht. Man kennt ihn als einen Mann, der genau überlegt, was er zu sagen hat, und man zweifelt nicht daran, daß der Hieb, zu dem er jetzt gegen die Nationalisten ausholt, kein Lufthieb sein wird. Ueber den Inhalt dessen, was er vorzubringen gedenkt, sind auch schon bestimmte Andeutungen in die Öffentlichkeit gedrungen. Es handelt sich um die berühmten „geheimen Schriftstücke", um die angeblichen Briefe des deutschen Kaisers. Im Februar 1898 erzählte in einer öffentlichen Versammlung einer der traurigsten Helden des Norton'schen Dokumenten schwindelst Herr Lucien Millevoye, dem seine Leichtgläubigkeit damals das Abgeordnetenmandat gekostet hatte, das Schriftstück, das bei der Verurtheilung des.Hauptmanns Dreyfus ausschlaggebend gewesen, sei ein Brief des. deutschen Kaiser, worin es geheißen habe: .,Que cette Canaille de Dreyfus envoie au plus tot les pieces promises. Sign6: Guillanme.“ („Diese Kanaille von Dreyfus soll die versprochenen Stücke möglichst bald schicken. Gez.: Wilhelm.") Die „Vossische Zeitung" schreibt hierzu: - , Die „Nordd. Allg. Zg." verzeichnete damals die hierüber eingelaufenr Meldung und' fügte' hinzu: „Wir brauchend wohl kaum hervorzuheben, daß diese Angabejeglicher Begründung entbehrt." Diese Versicherung war für deutsche Leser überflüssig, und auf die französische Lärmpresse übte sie keine Wirkung. Das Einzige, was aus den damaligen französischen Agitationen ‘ als unzweifelhaft feststehend sich ergab, war die Thatsache, daß die Richter im Dreyfus-Prozeffe ihr Urtheil auf Grund von Schriftstücken-abgegeben hatten, von denen weder das Publikum noch der Angeklagte, noch dessen Vertheidiger Kenntniß gchabt hatten. Nun kam nach mehreren Jahren der Verbannung des Hauptmanns Dreyfus auf die Teufelsinsel der Revisionsprozeß von Rennes. Dreyfus würbe wiederum schuldig gesprochen, jedoch unmittelbar darauf begnadigt: die Freiheit hatte er erlangt, die ebenso ersehnte Ehrenrettung wurde ihm nicht zu Theil. Auch in Rennes sollen die „Kaisecbriefe" eine hervorragende Rolle hinter den Kulissen gespielt haben, auch dort soll mit ihnen hinter dem Rücken des Angeklagten und seiner Rechtsbeistände manipulirt worden sein. Ja, man will sogar wissen, daß den Richtern Briefe des Kapitäns an den Kaiser gezeigt worden seien. In diese dunklen Vorgänge will Jauros jetzt hineinleuchten. Hätte er nichts weiter zu sagen oder zu beweisen, als daß die be» treffenden Kaiserbriefe und Dreyfus-Briefe Fälschungen gewesen sind, so würde er sich vermuthlich die Mühe, die alten Dinge wieder aufzurühren, sparen. Denn mit dem Häuflein der Verblendeten, die auch heute noch an die Echtheit der Schriftstücke glauben, läßt sich nicht rechten. -Vermuthlich aber ist Jaurös in der Lage, allen Zweifel darüber zu zerstreuen, daß die Briefe, ebenso wie einst den Richtern des ersten Prozesses, auch den Richtern von Rennes im geheimen vorgewiesen worden sind, und daß sie auch diese bei der Urtheilsfällung beeinflußt haben. Und auch über die politisch noch wichtigere Frage, wer die Fälscher gewesen sind, wird Jaur^s jetzt voraussichtlich Auskunft geben können. Es bereitet sich also noch ein letztes Dreyfus-Gefecht vor," das hoffentlich mit einer Aufhellung der noch vorhandenen Geheimnisse und somit mit einem vollen Siege der Wahrheit endigen wird. Feuitleta Von Wobest Käntein. l18 „Herr Graf," entgegnete Feiwel, indem er den Baron ganz ohne ihn eines Blickes zu würdigen, ignorirte, „iL habe Nicht die Ehre, Herrn Baron von Korff zu kennen. Ich verdanke seine Bekanntschaft der Vermittlung Ew. Excellenz. Mit Ew. Excellenz habe ich allein verhandelt und möchte ich allein weiter verhandeln. Von der Ritterlichkeit und Menschlichkeit Ew.