Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 44 (1903)
- Issue
- Heft 13 (16.2.1903)
- Date
- 1903-02-16
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2446951-2449890-2449904--57659-2520380- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
280 düng der isr. Bürger kann durch Unterricht in bibl. Geschichte etc. soweit gefördert werden, wie es im Interesse des Staates liegt." Einmal stellte ich als Z i e l der Biirgerbildung die „religiös-sittliche" Bildung auf, und ich will dieses Ziel erreicht sehen durch Ertheilung — (nicht wie Hildenbrand es will: von Moralunterricht) — des lebenswahren Religionsunterrichts. Und da wagt man es, meinen Standpunkt mit dem Hildenbrands zu identifiziren. Himmelhoch ist er von dem des Sozialisten verschieden. Ja, er geht weit über den Standpunkt theologischer Politiker und juridischer Staatsrechtslehrer hinaus, welche als Ziel der Erziehung des Bürgers desparitätischenRechtsstaates nur die „sittliche" Bildung gelten lassen wollen, und erklären, Religiosität sei für Zwecke des Staates irrelevant, die aber trotzdem den Religionsunterricht als Mittel zur Erreichung dieses Ziels nicht entbehren können. Hildenbrand ist „Sittlichkeit" Ziel und Mittel der Bildung, mir ist religiöse Sittlichkeit das Ziel, Religionsunterricht das Mittel , zur Erreichung dieses Ziels. Aber auch an anderer Stelle zeigt mein Gegner, daß er keine blasse Ahnung vom Württemberg! schen Staatsrecht hat. Er schreibt: „Meines Erachtens ist es auch nicht statthaft, von Staat und Kirche als von zwei gesonderten und sich gegenüberstehenden Anstalten zu sprechen." Dr. Hieber (Theologe), Referent des Volksschulgesetzes, gibt in der 147. Sitzung der Kammer der Abgeordneten, am 7. Februar d. I., die Antwort auf diese Frage. Er sagte: „Daß die Kirche nicht bloß eiU Annex des Staates, sondern ein selbstständiger Organismus neben dem Staate sei." .. Sodann schreibt mein Gegner: „Uebrigens ist die geringe Zahl der Schüler, von Welcher Herr Spatz spricht, doch ein Moment, das hervorragend geeignet ist, den von ihm behaupteten Mangel.an Zeit . . . wieder gützumachen." Dieser Satz zeigt mir, daß Einsender von dem technischen Betrieb der Volksschule nicht allzuviel versteht. Die Schülerzahl beeinflußt die Zeit, die der Volksschule zur Verfügung steht, nicht gerade wesentlich. Die Zahl der Abtheilungen ist für das Vcdürfniß an Zeit für den unmittelbaren Unterricht allein maßgebend. Auch bei sehr kleiner Schülerzahl ist das Vorhandensein aller Abtheilungen, in sieben Jahrgängen sehr wahrscheinlich. Alles in allem: Aus der versuchten Entgegnung heraus lese ich nichts als Verdrehungen und ungerechtfertigte Verdächtigungen. Welchem Zweck sollen diese ' aber dienen? Dem Herrn Gegner hat's scheints der Schluß' meines Jsraelitartikels angethan. Sein ' lehrerfreundliches Herz befürchtet, die von mir vorge- - schlagene Lösung könnte eine pekuniäre Besserstellung der isr. Lehrer zur selbstverständlichen Folge haben. Und wenn's dem so wäre, verdienen die isr. Lehrer nicht mit Fug und Recht eine solche Besserstellung? Das himmelschreiende Unrecht, das den isr. Volksschullehrer — Vorsängern in Ausführung des Gesetzes v. I. 1899, betr. Trennung des Meßnerdienstes vom Schuldienst und Bezahlung des Organisten- und Vorsängerdienstes" angethan worden ist, rührt den Herrn Gegner natürlich nicht. Schon lange vor 1899 erhiek ten die isr. Volksschullehrer „für die über die Belastung der christlichen Volksschullehrer als Organisten und Meßner hinausgehende Belastung der isr. Volksschullehrer als Vorsänger" 200 Mk. Belohnung aus Mitteln der Kgl. Isr. Zentralkirchenkasse. Durch das Gesetz vom Jahre 1899, das den christlichen Lehrern die MeßNerei abnahm und für den Organistendienst Bezahlung verschaffte, wurde an dem Umfang des Vorsängerdienstes nichts geändert, die Belastungsdifferenz also zu Ungunsten der isr. Lehrer vergrößert. — Auf Erhöhungder Belohnung warten die isr. Lehrer aber heute noch. „Jeder Arbeiter ist seines Lohnes Werth." Darf man es den isr. Lehrern verdenken, wenn sie eine Mehrbelastung auch nach der pekuniären Tragweite betrachten? Jede Mehrbelastung erhöht die Ziffer der ohnedies schon unverhältnißmäßig zahlreichen Halsleidenden unseres Standes. Ar^t und Kurkosten sind aber heutzutage vorerst nur mit Geld zu bezahlen und „Badekostenbeiträge" für Lehrer schwerer erhältlich, wie für. gewisse andere Beamte.' Also, nichts für ungut, lieber Herr Gegner! Auch wenn der isr. Lehrer die Ueberstundung bezahlt erhielte, würden die Bäume nicht in den Himmel hinein wachsen. Um diesen „Wink" zu verstehen, braucht man kein „Weiser" zu sein. Genügt das vorerst? Spatz. Ungarn. Budapest, 10. Febr. (Die Richter wähl i n L a k o m p a k.) In. der Gemeinde Lakompak im Oedenburger Komitat hat jüngst die Richterwahl stattgefunden, die der Oberstuhlrichter von Oedenburg, Stefan M o l n a r. selber leitete. Wahrscheinlich war Großes dabei im Spiele, daß Se. Gestrengen sich veranlaßt fühlte, die Leitung der Wahl persönlich vorzunehmen. Hören wir nun, was die Tagespresse darüber zu berichten weiß: Der Oberstuhlrichter Stefan Molnar traf in Lakompak ein. fuhr jedoch nicht in's Wahllokal, sondern hübsch von rückwärts zum Forstmeister Hirt, um sich mit diesem bezüglich der Wahl zu besprechen. Die Besprechung aber mußte stattfinden, weil der Richter von Lakompak, ein von der allgemeinen Liebe und vom allgemeinen Vertrauen getragener Jude ist.. Ein Jude aber sollte nicht fürder Richter sein, der Herr Forstmeister duldet das nicht, denn er ist Antisemit, und zwar schon aus dem Grunde, weil er das Brod des Juden ißt. nämlich das der Brüder Grödel.