Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 44 (1903)
- Issue
- Heft 13 (16.2.1903)
- Date
- 1903-02-16
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Theodor Velky mit der fachmännischen Untersuchung des Leichnams. Als Vertheidiger pflog ich mit diesen Gelehrten keinen Umgang; die Welt hätte das auch mißdeutet. Ich begegnete ihnen erst bei der Exhumirung des Leichnams. Bei diesem Anlasse hatten die Professoren keine Gelegenheit, den Leichnam zu untersuchen. Es war zur kalten Winterszeit und die Fachmänner hatten kein geheiztes und beleuchtetes Lokal zur Verfügung. Sie baten daher, den Leichnam nach Budapest in's anatomische Institut zu senden, und der Gerichtshof gab dem Ansuchen in der Weise Folge, daß einige abgetrennte Stucke der Leiche hierher gesendet wurden. Die Leichentheile kamen in einer Holzkiste im anatomischen Institut an; ich war bei der Oeffnung der Kiste zugegen. Der Diener, der den Inhalt zutage förderte, fand u. A. eine wahrscheinlich aus Versehen in die Kiste gelangte — Kalbsrippe vor. (Heiterkeit.) Derjenige, der diese Rippe einpackte, hegte offenbar die Absicht, die Vudapester Professoren zu täuschen. (Schallende Heiterkeit.) Der Diener warf diesen. Knochen zur Seite, selbst, er erkannte ihn als thierischen Knochen. Ich war — wie gesagt — beim Anlangen der Kiste im anatomischen Institut anwesend; in der Folge wollte ich nicht hingehen, um auf das Urtheil der Experten keinen Einfluß zu nehmen. Damals existirte aber in der Hauptstadt ein judenfeindliches Blatt, welches von Tag zu Tag über die Untersuchung solche Details veröffentlichte, welche ausschließlich von Männern der Universität herrühren konnten. Ich begab mich daher in's Institut, um zu erforschen, auf welche Weise das Blatt zu seinen Nachrichten gelangte.. Ich suchte Professor Mihalkovics auf. - Diese Begegnung bleibt mir für ewig unvergeßlich. Wir sprachen vom Leichnam und speziell über dessen Alter. Mihalkovics erklärte mir, er sei überzeugt, die Leiche sei nicht die des verschwundenen Mädchens, das vierzehn Jahre und drei Monate alt war. Die Erklärung machte mich stutzig. Der Professor zeigte mir das Skelett eines 17VI* jährigen jungen Mannes und hieß mich, die Knochen des weiblichen Leichnams mit den entsprechenden männlichen Knochen mit Bezug auf den Grad der Verknöcherung vergleichen. Auf die Erörterungen Mihalkovics legte ich aber kein großes Gewicht, denn abgesehen von meiner durch die übrigen Umstände des Prozesses gefestigten Ueberzeugung, daß der exhumirte Leichnam der des verschwundenen Mädchens war, war ich theoretisch und praktisch überzeugt, daß Mihalkovics irre. Aus der Erklärung'Mihalkovics' folgerte ich auf. die Lückenhaftigkeit der Wissenschaft und darauf, daß selbst die Professoren mit der Wissenschaft nicht im Reinen sind.' (Heiterkeit.) Ich richtete sofort die Frage an Mihalkovics, -ob er jemals das Skelett eines vierzehnjährigen Mädchens gesehen, und behufs Feststellung des Alters untersucht habe?. Die Antwort lautete verneinend. (Heiterkeit-) Ferner, ob er seine Ansicht aus eigener Erfahrung geschöpft oder nur aus den durchschnittlichen Stadien der Knochenentwicklung abgeleitet habe. Die Antwort lautete: aus den Ergebnissen der einschlägigen Forschung. Ich antwortete hierauf, daß das Fachurtheil Mihalkovics' keinen Werth besitze, da es keinen Durchschnittsmenschen, sondern nur Individuen gebe. Der Professor versank in tiefes Nachdenken; er fühlte, daß meine Erklärung wahr sei und daß die einfache Aeußerung des Sachverständigen in diesem Prozesse nicht standhalten werde. Er fragte mich, was nun zu thun wäre, und ich antwortete, daß ich an seine: Stelle kein konkretes Urtheil abgeben würde, bis ich nicht den Leichnam eines 14jährigen Mädchens eingehend geprüft habe. u»o da ging hervor, daß die Vudapester medizinische Fakultät kein derartiges Skelett besitze. Mihalkovics konserirte mit feinen Expertenkollegen Scheuthauer und Velky, und sie beschlossen vereint, bei der Wiener, Prager und Grazer Universität anzufragen, db diese nicht im Besitze des ' Skeletts eines 14jährigen Mädchens seien. Wien und Graz hatten kein Skelett, in Prag fand sich glücklicherweise eines vor. Nun wurde Scheuthauer betraut, die Knochen des exhumirten Leichnams zu beschreiben. Die Beschreibung wurde nach Prag zum Professor Tholdt gesandt, und dieser theilte mit. daß die beschriebenen hiesigen Knochen den Knochen des in feinem Museum aufbewahrim Leichnams eines 14jährigen Mädchens entsprächen. Mihalkovics gab sich mit dieser Mittheilung nicht zufrieden, die Knochenbeschreibung Scheuthauer's konnte zu .sanguinisch" sein. Und er setzte sich selber hin, arbeitete vierzehn Tage ununterbrochen, und lieferte eine wissenschaftliche Beschreibung der fraglichen Knochen, welche in Betreff der Genauigkeit und Vortrefflichkeit in der Gelehrtenwett allgemeine Sensation erregte. Diese Beschreibung wurde dem Professor Tholdt übermittelt und dieser erklärte, daß man es nunmehr noch getroster behaupten dürfe, daß die hiesigen Knochentheile von einem 14jährigen Mädchen herrühren. Das Gutachten der Experten war nun entschieden. Es lautete, daß die Knochen der fraglichen Leiche am ehesten den Knochen einer 16- bis 16jährigen Leiche entsprechen. Mit Rücksicht auf das Prager Skelett können sie aber auch von einem ^jährigen Mädchen herrühren. Auch sei es nicht ausgeschlossen, daß der Leichnam der eines siebzehnjährigen Mädchens sei. Das letzte Hinderniß der Identität der Leiche war nunmehr aus dem Wege geräumt, die Frage - vom strafrechtlichen Standpunkte geklärt: Da es nicht bewiesen war, daß der Leichnam ein anderer, als der der Esther Solymossy war, im Gegentheil. die Identität klar zutage trat, so war ein Verbrechen ausgeschlossen.^ Zu jener Zeit stand ich im Rufe, viel von der ärztlichem Wissenschaft zu verstehen Das war nur scheinbar so,.? denn ich verstand gar wenig davon. Nur die betreffende.. Partie kannte ich genauer, als die Professoren (Heiter- .