Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 44 (1903)
- Issue
- Heft 12 (12.2.1903)
- Date
- 1903-02-12
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
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wer sichre für uns nach jenseits des Meeres und erwürbe sie für uns, daß er sie uns verstehen lehre, so wollten wir sie üben. Denn nahe liegt dir das Wort gar sehr, mit deinem Munde, mit deinem Herzen, es zu erfüllen." Hebräisch wollt ihr lernen, die hebräische Sprache pflegen? Ein löblicher Vorsatz fürwahr! L'schaun hakaudesch — sie ist die heilige Sprache, der sich Gott bediente, als Er vom flammenden Sinai sein Feuergesetz verkündete. Es ist die Sprache, in der unsere Gebete abgefaßt sind. Es darf uns deßhalb nicht gleichgültig sein, wenn wir die Wahrnehmung machen, daß die Kenntnitz dieser heiligen Sprache nicht also verbreitet ist in den Kreisen und Schichten des jüdischen Volkes, wie es gerade in unserer Zeit von Nöthen und wünschenswerth wäre, daß sich das Verständniß des Hebräischen in die Gelehrtenstuben orientalischer Philologen und — zum Theil — der Rabbiner geflüchtet hat. Ist doch Vertrautsein mit dem Geiste und den Regeln der Thaurohsprache erste Voraussetzung des Verständnisses der Thauroh selbst und ihrer — Erfüllung. Allein es will uns schier bedünken, als ob diese zionistische Begeisterung für's Hebräische, dieser nationaljüdische Heuereifer, der Kenntniß der hebräischen Sprache und dem Verständniß der hebräischen „Litteratur" weite Kreise der jüdischen „Nation" zu erobern, doch sein Bedenkliches, sein Verdächtiges, seinen Haken habe. Vestigia terreut. Es ist Alles .schon einmal dagewesen. Die Orthodoxie ist alt, aber ne hat ein gutes Gedächtniß, und sie weiß aus ihrer eigenen Geschichte, daß hebräische Sprachkenntniß, ein emsiges Durchforschen der hebräischen Litteraturschätze aus der grauen Vergangenheit nicht immer und bei jedem eine jüdische Gesinnung und ein praktisch jüdisches Leben verbürgen.*) Ich kann Professor der chinesischen, der spanischen, der türkischen Sprache sein, ich kann mich begeistern für die hohe Schönheit und den vitalen Gedankenflug einer fremdländischen Litteratur, aber mir kann deßhalb China, Spanien und die Türkei so gleichgültig sein, als Japan und Jamaika, von denen ich nichts weiß, als daß sie irgendwo in der Welt existiren. Ich kann ein so großer Kenner der hebräischen und orientalischen Sprachen insgesammt, wie der selige Reuchlin sein oder wie Nöldeke in Straßburg, aber ich brauche deßhalb im Innern kein besserer Jude zu sein, als der selige Reuchlin oder Nöldeke in Straßburg. Kürz und gut: Uns ist das Studium des Hebräischen niemals Selbstzweck, sondern Mittel zum Zwecke, rin JnstrurNent, mittelst dessen wir uns in den Stand setzen, die Sprache unserer Thauroh zu verstehen. Von zwei Juden, von denen der eine von der hebräischen Grammatik keinen blauen Dunst hat, die *) Man denke nur an den „Meatzef". die »Chebrath Dorsche Leschon Eber" und an die ^national-jüdischen »Männer. die an der Spitze dieser «nationaljüdischen" Institute standen. Thauroh selber sich nur mit Hilfe einer deutschen Uebersetzung verständlich machen kann, dafür aber fämmtkiche Vorschriften dieser Thauroh treu und gewissenhaft erfüllt. während der andere seinen Ewald und Gefenius inne hat, ein glänzendes Hebräisch schreibt in Prosa und Poesie, im Großen und Ganzen auch im praktischen Leben „religiöser" Jude ist und sich etwa nur beim Ausgang des Schabos 2—3 Minuten vor völligem Eintritt der Nacht erlaubt, seinen Laden zu öffnen, von diesen zwei Juden verdient in unseren Augen entschieden der erstere den Vorzug. Wem der Zionismus die nationaljüdische Palme der Anerkennung und des Vorzugs reichen würde, kann uns, nachdem er Religion als Privatsache erklärt, nicht mehr zweifelhaft sein. Fragen wir aber nun nach dem eigentlichen Motiv dieses plötzlich erwachten hebräisch-national-jüdischen Bildungstriebes, so werden wir nicht umhin können, dasselbe in dem Gefühl einer gewissen Herzensuns Gemüthslehre und in der Sehnsucht nach einem realen Boden zu finden, auf dem sich der national-jüdische Geist praktisch bethätigen kann. Was sollen denn die geistig nothleidenden Juden Deutschlands, Frankreichs u. s. w. anfangen, bis die öffentlich-rechtlich gesicherte Heimstätte in Palästina eröffnet ist? Reden halten, Zeitungsartikel schreiben, Nationallieder singen? Das wird mit der Zeit langweilig und bringt auch den einzelnen in der nationaljüdischen Ausbildung seines Geistes nicht weiter. Von der Sehnsucht nach Zion allein kann man nicht leben. Das hat man von den Orthodoxen gelernt, daß das Individuum sowohl, als auch die Masse etwas Greifbares und dabei doch Unvergängliches braucht, worin sich das Ideal symbolisirt und verkörpert. Wir Orthodoxen haben es auch in diesem Punkte sehr bequem. Fragt man uns. warum seid ihr orthodox, worin besteht eure Orthodoxie, so sind wir in der glücklichen Lage, so ausführlich antworten zu können, daß dem betreffenden Fragesteller die Geduld reißen wird, bevor wir mit unserer Antwort fertig sind. Wir brauchen ihm nur alle Mizwaus aufzuzählen, die wir in der Zerstreuung zu beobachten und zu erfüllen haben, als da sind: Werkverbot am Schabos, Werk- und Genußverbot am Jaum Kippur, und Werkverbot am Rausch-Haschonoh. Werkverbot an Peßach, Schowuauß, Sukauß. Schmini Azereß, Feier des Schabos und Jomtof, Kiddusch, Hawdoloh, S'viroh, Sukoh, und Vesitzverbot und Wegräumungsgebot des Chomez, Mazzohgenußgebot, Haggodoh, Sch'wiroh. Sukoh, Lulow, Schaufor, Fasttage, Chanukoh und Purim, Chaudesch, Miloh, Gidhannoscheh, Th'fillin, Ziziß, M'susoh, B'chaur, Chodosch, Orloh und Challoh, Aweluß u. s. w.. Kann das der Zionismus auch? Nein, das kann er nicht, und so greift er denn, um nicht in sein eigenes Phrasenmeer zu versinken, nach einem Strohhalm. proklamirt die Pflege der hebräischen Sprache und die Kenntniß der jüdischen Geschichte und „Litte-