Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 44 (1903)
- Issue
- Heft 12 (12.2.1903)
- Date
- 1903-02-12
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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258 Unter solchen Umständen, meint das „23. T.", dem wir diese Notizen entnehmen, ist es begreiflich, warum die Kräfte der Juden im Niederlassungsgebiete zu erlahmen beginnen. Das Uebel ist zu groß, als daß man es im Niederlassungsgebiete selbst mit einigem Erfolge bekämpfen könnte . . . Die große Armuth, welche im jüdischen Niederlassungsgebiete herrscht, hat das Vedürfniß nach Errichtung von Vorschuß- und Darlehenskassen mächtig geweckt. Das Ministerium des Innern wurde von Gesuchen um Erlaubniß zur Gründung solcher Hilfskassen förmlich überschwemmt. Nunmehr hat das Ministerium eine Verordnung über die Modalitäten erlassen, unter denen die Erlaubniß zur Eröffnung von Hilfskassen im jüdischen Niederlassungsgebiete überhaupt ertheilt werden könnte.. Darnach müssen folgende Forderungen des Ministeriums erfüllt werden: 1) Zwei Drittel der Mitglieder der Verwaltung und des Rathes der Hilfskassen müssen aus Christen bestehen. 2) Vorsitzende der Verwaltungen und Kuratoren der Vorschußkaffen dürfen nur Christen sein. 3) Die Vorschußkasse darf nur Immobilien belehnen, welche sich in den Mauern der Stadt befinden . . . Aber alle drei Forderungen des Ministeriums sind sehr schwer, in vielen Fällen sogar ganz unmöglich zu erfüllen. Im jüdischen Niederlassungsgebiete sind viele Gemeinden vorhanden, welche fast ausschließlich aus Juden bestehen, zwei Drittel von Christen in der Verwaltung einer Hilfstaffe ist nicht immer möglich zu beschaffen .... Auch die Forderung, nur Immobilien städtischer Einwohner zu belehnen, ist eine Schmälerung der Intentionen der Begründer der Hilfskassen, welche dahin gehen, allen Nothleidenden unter gewissen Modalitäten Darlehen zu gewähren. ZeiLu«ttÄnaürrtÄten und Torrefpondenzcrr. Deutschland. Berlin, 10. Fcbr. Den privaten Lehrerseminaren ist bisher die Berechtigung der Ausstellung von Zeugnissen über die wissenschaftliche Befähigung für den einjährig-freiwilligen Dienst nicht verliehen. Es sind jedoch neuerdings in Preußen eingehende Ermittelungen über Einrichtung und Leistung dieser Seminare, darunter auch der jüdischen, vorgenommen worden. Das Ergebniß unterliegt jetzt, der. Prüfung. Sobald die Preußische Unterrichtsverwaltung Stellung genommen 'hat, wird geeignetenfalls die Reichs-Schulkommiflion .'. zu einer, gutachtlichen Aeußerüng darüber veranlaßt werden, ob und unter welchen Bedingungen den im . Reiche vorhandenen Privatseminaren, einschließlich de: jüdischen,, die fragliche Berechtigung verliehen werden Nürnberg, 9. Febr. Wegen Anstellung von isr. Lehrern an den Simultanschulen hat das Gemeindckollegium dieser Tage in geheimer Sitzung den Beschluß gefaßt, an den Magistrat die Anfrage zu richten, ob eine neue, diesbezügliche Entschließung vorliegt, und wenn dies der Fall sein sollte, diese Entschließung dem Gemeindekollegium zuzustellen. Bühl (Baden), im Febr. Unter überaus zahlreicher Betheiligung aus allen Kreisen der hiesigen Bevölkerung fand dieser Tage in dem nach jüdischem Ri-, tus geleiteten „Hotel Krone" (Besitz. Adolf Besag) die offizielle Kaiserfeier statt. Der festlich geschmückte Saal war bis zum letzten Plätzchen besetzt, ein Beweis dafür, daß zwischen den Angehörigen aller Confessionen am hiesigen Platze des schönste Einvernehmen herrscht. Herr Oberamtmann v. Reck hielt mit trefflichen Worten die Festrede, und die beiden Männergesangvereine verschönten das Fest durch den Vortrag ihrer trefflichen Chöre. Eine animirte Stimmung hielt die Festtheilnehmer bis zum frühen Morgen zusammen. Frankreich. Paris. Dir Beerdigung David Raynals, welche am 1. Februar hier stattfand, hat sich zu einer großen, politischen Feier gestaltet. Vor dem in der Rue Gourgaud belegenen Sterbehause zog mit wehender Fahne, unter Führung der Regimentskapelle, ein Bataillon des 5. Jnfantrieregiments auf. Der Präsident der Republik ließ sich durch einen Flügeladjutanten und seinen Cabinetchef vertreten, der Senat entsendete eine aus 29 Mitgliedern bestehende Deputation, deren einzelne Theilnehmer durch das Loos bestimmt wurden. Durch eine eigenartige Ironie des Schicksals ist auch der berüchtigte Dreyfushetzer, Exgeneral Mercier, unter diese Dcputirten des Senats gerathen. Von berühmten Staatsmännern und Politikern, welche erschienen waren, um dem Juden David Raynal die letzte Ehre zu erweisen, wurden bemerkt: Der frühere Präsident der französischen Republik, Casimir Perier; der frühere Minister-Präsident Waldeck-Rouffeau, Minister-Präsident Combes, Senatspräsident Fallwrs, Rouvier. Charles Dupuy, Ribot, de Freycinet, Cailloux, Lepinet. Barthou, der Großrabbiner Zadoc Kahn. nebst zahlreichen hohen Würdenträgern. Deputirten, Senatoren, und Vertretern der Haute Finance. Am Grabe sprachen u. A. die Exminister Barthou und Lourtes. Das Gebet für den Verstorbenen wurde vorn Rabbiner Israel L e v y gesprochen. Die gesammte französische Presse widmete an diesem Tage dem Verstorbenen ehrenvolle Artikel, und selbst die berüchtigte „Libre Parole" gab zu, daß David Raynal ein „anständiger Jude" war. England. London, im Febr. (Jüdische Postbeamte i n L o n d o n.) In der Presse war das Gerücht aufgetaucht, daß der Generalpostmeister beabsichtige, den