Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1903-02-12 · Heft 12 (12.2.1903) · page 9

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
44 (1903)
Issue
Heft 12 (12.2.1903)
Date
1903-02-12
Page
– (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2446951-2449890-2449903--57635-2520355
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

44. Jahrgang. eilage zu M12 öes „Israelit". Ae .Mgasssth untfr kn nütöflr Sita. I m jüdischen Ghetto in Rußland, das unter dem Namen Niederlassungsgebiet bekannt ist, hat die ökonomische Nothlage der russischen Juden erschreckende Dimensionen angenommen. Diese Thatsache wird bereits von den offiziellen Preßorganen der russischen Regierung rückhaltlos bestätigt. Zusammengepfercht in 'den Städten des Niedcrlassungsgebietes, von jedweder Theilnahme an den öffentlichen Arbeiten ausgeschlossen, von allen Erwerbsquellen ferngehalten, von einem Netz von Beschränkungen und Verboten umgarnt, beginnen die jüdischen Volksmassen im Niederlassungsgebiete den Boden unter den Füßen zu verlieren. Und nicht einmal die bewährte jüdische Wohlthätigkeit vermag, trotz der äußersten Anspannung aller ihrer Kräfte, die immer wachsende Nothlage der Juden im Niederlassungsgebiete im geringsten zu lindern. War die ökonomische Lage der Juden im Niederlassungsgebiete bis jetzt unhaltbar und verzweifelt, so hat sie sich in der letzten Zeit derart verschlechtert, das; ihr bereits Menschenleben zum Opfer zu fallen beginnen . Und ein russischer Publizist charakterisirt die gegenwärtige Nothlage der Juden im Niederlassungsgebiete mit folgenden satyrischen, aber unendlich wehmüthigen Worten: ..Die Juden im Niederlassungsgebiete. denen man die Fähigkeit zuschreibt, die speziell für sie geschaffenen Gesetze nicht einhalten, um sie umgehen zu können, haben nunmehr auch aus der scheinbar völlig aussichtslosen Lage im Niederlassungsgebiete einen Ausweg gefunden. Die grimmige Kälte benutzend, entziehen sich einige Juden sammt ihren Kindern dieser Lage durch den Tod des Erfrierens, andere wieder benutzen die herrschende Arbeitslosigkeit, um den Hungertod zu sterben . . ." Aus diesen satirischen Worten, die ein russischer, satirischer Publizist beim Anblick des im Niederlassungsgcbiete herrschenden Jammers und Elends niedergcschrieben hatte, erfuhr man aber, daß im Niederlassungsgebiete erschreckende ökonomische, Zustände eingerissen sind. Bald ist es der Mangel an Nahrung, bald der Mangel an Heizmaterial, welcher jüdische Menschenleben im Niederlassungsgebiete vernichtet. Eine richtige Vorstellung von dem Umfange der im jüdischen Niederlassungsgebiete herrschenden Nothlage haben aber erst die Berichte der offiziellen Preßorgane der russischen Regierung geweckt. Man weiß, wie ungern die offiziellen Blätter in Rußland über abnormale Erscheinungen im sozialen Leben des Czacenreiches berichten. Auf die große Hungersnoth in Samara hatte seinerzeit erst Graf Leo Tolstoi die russische Gesellschaft ' aufmerksam gemacht und dadurch die offiziellen-Kreise genöthigt, Mittel zur Linderung der Noth zu ergreifen. ' Welche Zustände also müssen im jüdischen Nieder- ' lassungsgebiete gegenwärtig herrschen, wenn offizielle russische Preßorgane. ohne Zwang von außen, diesen Zuständen Artikel widmen, Hilfeaufrufe 'erlassen und den Untergang von Menschen in Folge von Hunger und Kälte konstatiren! Im Gouvernement Kowno zum Beispiel hat sich die Noth der Juden derart verschärft, daß die offiziellen „Kowenskija Gubernskija Wiedomosti" sich genöthigt' sahen, in einer Extraausgabe folgenden Aufruf zu erlassen: „Das unter dem Ehrenvorsitze des Gouverneurs von Kowno stehende Komitee zur Hilfeleistung an die Nothleidenden ist nicht mehr in der Lage, die unter den' Nothleidenden herrschende erschreckende Armuth zu lindern. Das Komitee appelliert deßhalb an alle Einwohner von Kowno, Geld und warme Kleider zu spen- / den, weil die täglich immer zunehmende Nothlage das Leben der Nothleidenden unmöglich macht.", ' Und was der offizelle Aufruf verschweigt, das be- . richten andere russische Blätter. In einem Briefe des in Wilna erscheinenden rein russischen Blattes „Sjevero Sapadnoje Kraj" (Nordwestgebiet) lesen wir über die Lage der Juden im Niederlassungsgebiet Folgendes:; „Im ganzen Niederlassungsgebiet ertönt jetzt der verzweifelte Ruf: „Brod, Brod!" Tausende und Tausende jüdischer Familien sind dem Hunger preisgegeben, wer! die industrielle Krise in den letzten Jahren alle. Er-.- werbsquellen vernichtet hat, welche den Hunger der Unglücklichen einigermaßen stillten." Diese Hungersnoth der Juden im Niederlassungsgebiete hat sich mit der grimmigen Kälte des jetzigen Winters vereint, um die trostlose Lage der russischen Juden im Niederlassungsgebiete noch trostloser zu ge- - stalten. Das halbamtliche Blatt „Sjewero Sapadnose ' Slowno" meldet aus Kowno, daß dort dieser Tage eine alte Jüdin und ihre Tochter in ihrer Wohnung erfroren aufgefunden wurden... ... - Und derselbe russische satirische Publizist hat voll-: kommen Recht, wenn er erklärt: „Im Niederlassungs- » gebiete sind keine „Lebensbedingungen", sondern „Aussterbebedingunoen" vorhanden. Innerhalb der städti-.. ■ schen Mauern hermetisch eingeschlossen, sind die Juden von dem riesigen Gebiete der Landwirtschaft völlig' abgeschnitten, während im Niederlassungsgebiete selbst ihnen der Zutritt zu irgend welchen staatlichen, städtischen und ständischen Erwerbsquellen völlig unterbunden ist."

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.