Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 44 (1903)
- Issue
- Heft 12 (12.2.1903)
- Date
- 1903-02-12
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2446951-2449890-2449903--57633-2520353- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
255 Feuilleton Vsn WoberL Käntern. li? XII. Der Portier führte den Verwalter und fein Pflegekind in das Geschäftszimmer des Grafen und meldete dann ihren Besuch bei seinem. Herrn an. Dieser ließ die Angekommenen zum Erstaunen des Portiers in den Empfangssalon führen und bewillkommnete sie herzlich. — „Ich habe Euch erst morgen erwartet und habe für morgen auch den Herrn Baron von Korff eingeladen, damit er den Knaben in Empfang nimmt. Aber es ist doch gut, daß wir uns schon vorher sprechen. Wir sind doch einig, Feiwel? Wollen wir den Knaben nickt noch auf kurze Zeit entlaffen, bis wir uns vorher über alles noch einmal ausgesprochen haben?" „Wenn Ew. Excellenz gestatten, so möchte ich ergebenst bitten, den Knaben Zeuge sein zu lassen über Alles, was wir seinetwegen noch zu sprechen haben. Er hat doch ein gewisses Recht darauf, über Alles in voller Klarheit zu sein." „Ganz wie Ihr wollt," antwortete leutselig der Graf und stellte zwei Stühle für sie zurecht, während er ihnen gegenüber auf einem Sessel Platz nahm. „Nun, wie steht unsere Sache, Feiwel?" „Ich habe die Angelegenheit mit meiner Frau und mit meinem Rabbiner besprochen. Wir sind alle darin einig, daß Abraham, da er ein christliches Kind ist, dem Christenthum zurückgegeben werden soll. Wir erblicken in der Art und Weise, wie das durch Vermittlung Ew. Excellenz geschieht, eine wunderbar göttliche Fügung, der zuwider zu handeln wir für ein doppeltes Unrecht hielten. Wir fügen uns auch der harten Bedingung, jeden Verkehr von jetzt ab mit Abraham abzubrechen, und somit uns jeden Einflusses auf seine Zukunft zu begeben. Nur in dem einen Punkte muß ich bei «'.einer ursprünglichen Weigerung verharren, daß ich kein Geld für den Knaben annehme, und zwar in keiner Form und unter keiner Bedingung." „So sehr diese Selbstlosigkeit Euch alle Ehre macht, so sehe ich sie doch geeignet, die ganze Sache zu vereiteln. Herr Baron Korff nimmt von Niemandem etwas geschenkt, und am wenigsten von einem Juden!" entgegnete mit scharfer Betonung der Graf. „Ich werde dem Herrn Baron kein Geschenk ausdrängen," erwiderte Feiwel kurz. „Wenn die Sache daran scheitern sollte, so nehme ich den Knaben wieder mit nach Hause, und bei dem Interesse, das Ew. Excellenz der Zukunft des Knaben entgegenb ringt, wird sich schonsonst eine Gelegenheit bieten, ihn seiner Religion wieder. zuzuführen. Uebrigens denke ich-" - „Seid Ihr gescheidt, Feiwel?" unterbrach ihirdex-. Graf. „Eine andere Gelegenheit? Eine solche Gelegen- " heit, wie diejenige, die Ihr so leichthin von der Han^ weist, wird sich zum zweiten Male vielleicht, nein, ich: darf sagen, sicher nicht wiederfinden. Sechs Millionen. > Rubel, schlecht gerechnet, seid Ihr bei Sinnen? Ich kenne Euch gar nicht mehr." ' < M Feiwel schwieg. V' Dieses Schweigen machte den Grafen nur noch er'-- ' regier. „Was sagst Du dazu, Abraham?" fragte der^ Graf, sich plötzlich dem Knaben zuwendend. Dieser saß ' bleich und verschüchtert da und die Thränen standen ihm^ in den Augen. „Abraham, was sagst Du dazu?" wieder^' holte der Graf. % „Nach unserm Gesetz ist es verboten,-auch nur durch ,) Zustimmung zu den Worten der Eltern den Schein zu erwecken, als wäre der Eltern Wort auf die Bekräs- - tigung des Kindes angewiesen; daraus sieht man, daß ■'[ man gewiß nicht den Worten der Eltern widersprechen," darf. Wenn der Vater etwas gesagt hat, so wäre es' Unrecht, wenn ich auch nur eine Ansicht sagte." . v „Was sagst Du da," fuhr der Graf den Knaben an: „Unser Gesetz? Und der Vater? Ich glaubte, ‘ Du wärest über alles unterrichtet. Du weißt doch, daß unser Gesetz das der katholischen Kirche ist. und daß der Verwalter Feiwel Schick nicht Dein Vater, sondern nur Dein Pflegvater ist. Sagtet Ihr nicht," fragte der Graf zu Feiwel gewendet, „daß Ihr den Knaben über alles unterrichtet hättet?" Abraham konnte sich bei dieser Unterredung nicht länger zurückhalten und fing bitterlich zu schluchzen an. Der Graf erkannte sofort, daß er durch sein schroffes Auftreten den Knaben tief verletzt hatte. Er lenkte daher begütigend ein, trat an den Knaben heran und ergriff seine Hand mit den Worten: „Warum weinst Dü; Abraham?" „Herr Graf, den Vater trifft keine Schuld; er hat : mir alles gesagt und ich werde ihm folgen und Christ werden, wie er von mir verlangt hat, und wenn ich darüber sterben müßte. Ich weine nur deßhalb, weil er mir es nicht früher gesagt hat, als wir noch zu Hause waren. Ich hätte mich dann ganz anders verabschiedet' , von der Mutter und den Geschwistern; ich hätte-noch - einmal unsere heilige Sefer Thora zu Hause geküßt,- und Gott um Kraft gebeten, das zu erkrageü''—. Die anderen Worte gingen in dem Schluchzendes Knaben verloren. , : .. ,!V,',.’, Feiwel trocknete eine Thräne, die, sich trotz assev.: - Selbstbeherrschung durchgedrängt hattet und der Graf '-': . stand ganz betreten vor' diesem Gefühlsausbruchdes.''- Pflegekindes und des Pflegevaters.- In seiner Vers^'- legenheit stellte er sich an's Fenster, wandte seinen beiden