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Der Israelit · 1903-02-12 · Heft 12 (12.2.1903) · page 6

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Journal
Der Israelit
Volume
44 (1903)
Issue
Heft 12 (12.2.1903)
Date
1903-02-12
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Rußland. Petersburg, im Febr. lNochmalsdie Erweiterung des Ansiedelungsrayons.) Die Gerüchte, wonach die russische Regierung mit dem Plane einer Erweiterung des den Juden angewiesenen Wohnsitzes umgehen soll, wollen nicht verstummen. Zu der Meldung, die Regierung wolle zwei großen, an der russischen Südwestbahn belegenen Dörfern das Stadtrecht verleihen, und somit den Juden zugänglich machen, und daß ferner im Schoße des Ministeriums des Innern der Gedanke erwogen wird, die Stadt Riga in den Ansiedelungsrayon hineinzuziehen, tritt jetzt dir vom „Odeßki Listok" veröffentlichte bestimmte Meldung hinzu, daß einer sehr großen Anzahl von Dörfern und Marktflecken das Stadtrecht verliehen werden soll. Sämmtliche Gouverneure des Ansiedelungsrayons sollen vom Minister Plehwe die Aufforderung erhalten haben, mit möglichster Beschleunigung ein Verzeichniß aller Ortschaften einzureichen, welche im Interesse des Handels durch Verleihung des Stadtrechts den Juden eröffnet werden könnten. Aus diesen und ähnlichen Gerüchten geht das Eine unzweifelhaft hervor, daß der neue Minister des Innern den Juden wohlgesinnt ist und im wohlverstandenen Interesse des gesammten russischen Volkes für sie etwas thun'möchte. Fraglich ist jedoch, wie weit es ihm angesichts der in Rußland bestehenden antisemitischen Nebenregierung gelingen dürfte, seine guten Absichten zu verwirklichen. Türkei. Smyrna. (Die Juden in Smyrna.) Ein vortrefflicher Kenner orientalischer Geschichte und Kultur, der geheime Hofrath Prof. Heinrich Gelzer in Jena, schreibt in seinem kürzlich erschienenen Buche über seine Reiseerlebnisse im Orient Folgendes über die spanischen Juden in Smyrna: „Mit vielen Typen der ethnographischen Musterkarte, welche der Padischah mit eiserner Rute weidet, bin. ich in keine oder, wie z. B. mit Vulgaren, Arnauten, Persern, Tsiganen u. s. f., nur in so oberflächliche Berührung gekommen, daß ich mich eines persönlichen Urtheils über die Nationalitäten durchaus enthalten muß. Einigermaßen lernte ich dagegen in Smyrna die Spaniolen kennen. Die spanischen Juden sind bekanntlich durch die Frömmigkeit der katholischen Majestäten und durch den Thatendrang der heiligen Inquisition ihrem iberischen Heimthlande. das sie seit der Westgoten- und Araberzeit in dichten Schaaren besiedelt hatten, entfremdet worden. Die Unglücklichen, wanderten nach den afrikanischen Raubstaaten und nach dem Reiche des Großtürken aus. wo sie in Smyrna, Aidin und zahlreichen anderen Städten einen erheblichen Bruchtheil der Bevölkerung, in Saloniki sogar die gute Hälfte (75^000 dost'160,000 Einwohnern) bilden. Diese spanischen Juden, die sogenannten Sephardim, unterscheiden sich von den Aschkenasim, den deutschen und polnischen Juden, als eine besondere Rasse. Sie behaupten — natürlich eine ganz unbegründete Tradition — von den Judaeern abzustammen, wahrend die deutschen Juden die Nachkommen des geringwerthigen galiläischen Mischvolkes sein sollen. Jedenfalls find aber die spanischen Juden eine kräftige und ungewöhnlich schöne Menschenrasse. Die Männer find meist gut gewachsene, schlanke Gestalten, mit einem sehr sympathischen Gesichtsausdruck. Wenn man am Sabbat durch Balat, das dem Phanar benachbarte Judenquartier Stambuls, flanirt, freut man sich des Anblicks der feiertäglich gekleideten Bevölkerung. Unter den Greisen sieht man wahre Prachtgestalten mit ckühngeschnittenem Profil, in langem, milchweißem Barte, der auf den gelbseidenen, durch einen rothen Gürtel zusammengehaltenen Kaftan hinabfließt, eigentliche Patriarchentypen. Er ist ein außerordentlich betriebsamer und fleißiger Stamm; die meisten leben trotzdem in sehr dürftigen Verhältnissen, ein schlagender Beweis für die große Ehrlichkeit, für die sie auch berühmt sind. Der verstorbene Humann erzählte mir, daß er sein Geld bei einem spanischen Geldwechsler zu deponiren pflegte, weil diese Leute die zuverlässigsten feien. Wie alle Völkerschaften, besitzen auch'die Juden in Smyrna ihr Sonderquartier, das sich eben nicht durch große Reinlichkeit auszeichnet. Ansteckende Krankheiten in der Stadt sollen, wie mir von amtlicher Seite. versichert wurde, allemal ihren Ursprungsherd im Judenviertel haben. Aber liebenswürdige Menschen bleiben sie trotzdem. Ein köstliches Exemplar dieser Rasse lernte ich in meinem Lustradschi (Stiefelputzer), Joshua Iarhi, kennen, einem hochbegabten Burschen, der geläufig sechs Sprachen redete, und um den es jammerschade war, daß die bittere Armuth seiner Familie ihm keine bessere Erziehung ermöglichte. Durch seinen munteren Witz nahm er mich sehr für sich ein, und durch die unwiderstehlisch komische Art, mit der er feinen Kunden schmeichelte: ..Monsieur est sibon; tont le monde 1’airae!" „Mais Josu6, vous mentez effiront&nent; personne ne me connait!" „Parole (Thonnenr! moi je ne parle qne la pure verit6. moi qui connais tonte la ville, je sais ce qu’on pense de vons.“ Er besaß in hohem Maße das, was die Franzosen „drolerie" nennen; dabei erwies er sich als ein vorzüglicher Führer bei meinen Geschäftsgängen, der auch mit kleinem Lohn stets zufrieden war. In einem Falle zeigte er die Mäßigkeit seiner Raffe. Als ich ihm ein-, mal ein Glas Limonade anbot, von der ich annahm, daß sie koscher sei, dankte er. trotzdem es sehr heiß war: „Cela n’est rien pournous; c’est pourlesgens riehes; nous sommes contents. si nous avons k manger.“ Ein schöner Zug ist auch die Religiosität dieser Inden. Während sonst der Kai und die Frankenstraße von ihnen wimmeln, sind sie am Sabbat wie durch einen Zauberschlag alle verschwunden. Dieser Tag gehört bei Alt und Jung nur dem Gottesdienste. Diese Religiosität ist bei den Juden wie bei den Türken ent-, schieden eine der Wurzeln ihrer Kraft.*

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