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Der Israelit · 1903-02-09 · Heft 11 (9.2.1903) · page 19

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Journal
Der Israelit
Volume
44 (1903)
Issue
Heft 11 (9.2.1903)
Date
1903-02-09
Page
– (sequence 19)
Language
German
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was das Schlimmste — ziemlich gleichgültig gegen das Vaterland und zu einem aufrichtigen Bunde mit ihm nicht bereit. In den Kundgebungen des Patriotismus war mehr Berechnung, als Gefühl, mehr Ostentation, als Liebe, mehr Hochmuth, als Pflichtverständniß. Fast hörten wir auf, Juden zu sein, ohne Polen werden zu können, was doch unsere Pflicht gewesen wäre. In Ungewißheit gingen wir auf dem Scheidewege, ohne klaren Begriff von unseren Pflichten, Zielen und Mitteln. In der Jugend entfaltete sich noch das Gefühl. Bei den Alien herrschte das Interesse, mißtrauisch, furchtsam, rechnend nur auf halbe Mittelchen, auf Geschicklichkeit und auf Ausnützung der Schwäche der Mitmenschen, und des Augenblickes. Ich war empört im Geiste, da ich in uns nicht jenen edlen Trieb wahrnahm, wie ich ihn in dem alten Volke der Priester der Wahrheit zu sehen wünschte. Aber ich vergaß, daß Unterdrückung und Knechtschaft die Leviten zu widerwärtigen Spekulanten machte, nur um den Kopf und den Frieden zu retten. W i r waren hier nicht die Schuldigsten. Zuweilen schien es mir, als könne es mir gelingen, all dieses Sonderbare, Unversöhnliche und Widerstreitende zu versöhnen, indem ich den geraden, aufrichtigen, klaren Weg gehe. Aber hierzu bedurfte es auch gerader, aufrichtiger und klarer Menschen. Deren hatten wir aber gar wenige. Hub dies war traurig!" Jakob seufzte tief, nachdem er seine Erzählung beendet. Das Dunkel des Abends nöthigte sie Halt zu machen, gerade vor einem Wirthshause, welches sich ihnen zeigte. Es war dies ein kleines, massives Häuschen, dicht an der Meeresküste auf einer Felsklippe erbaut. Das nach altem Gebrauche herausgehängte Mirthshauszeichen fein Schild) meldete, daß dies der Alberjro di tre corun»- sei. Vor dem breiten, gewölbten Thore, in dessen Tiefe das Feuer auf dem Herde brannte, stand ein zweiräderiger Wagen und einige Leute in verschossenen Jacken, die sie über die Schultern geworfen, und mit alten Marinemützen. Eine Frau, mit einem Kinde an der Brust, saß unter der Mauer in Gedanken vertieft. Ein halbnacktes Mädchen lag schlummernd ihr zu Füßen. Die blaue Fluth plätscherte einige Schritte davon an die Meeresbucht, über welche Weinreben herabhingen, sowie wild auseinander gerissene Aloüs und krampfhaft sich krümmende Feigenbäume. Unsere Reisenden warfen ihre kleinen Ränzel an die Thür, und nachdem sie sich ihr Abendbrod bestellt, schritten sie zur Küste auf dem Felsen, um jene Seeluft einzuathmen, die zugleich stärkt und erquickt. Zu ihren Füßen lagen im dichten Gebüsche leuchtende Luciolen, und am dämmernden Himmel blitzten ihnen ähnlich die schimmernden Sternlem auf. Die feierliche Stille des 2lbends, dies Gebet der ermüdeten Erde, schloß ihnen den Mund. ' II. Am andern Morgen erweckte die Wanderer das Geräusch vor dem Wirthshause. in welchem sie rasteten, wie auch das Gebrüll der Esel, erinnernd an das unangenehme Konzert der Genueser Virtuosen, welches. tagtäglich zu frühzeitigem Aufstehen in Feder's Hotel zwang, im Verein mit den Verzweiflungsschreien jener armen Parias des Thiergeschlechts. Man mußte den frühen Morgen ausbeuten, bevor die Sonne zu stechen begann. Tags vorher hatte man auch kein großes Stück Weges zurückgelegt und diese Fußwanderung nach Pisa versprach ziemlich lange zu dauern. Aber in diesem bezaubernden Lande, in jugend« licher Freiheit, voller Lenzesträumereien, könnte man jahrelang wandern, ohne sich nach Ruhe zu sehnen, oder die Tage zu zählen. Jakob war traurig und still, Jwas auch in Gedanken vertieft. So schritten sie lange nebeneinander her, ohne ein Wort zu sagen. „Nun, sind Sie mit Ihrer Geschichte schon zu Ende?" fragte endlich Jwas. „Ich weiß nicht, ich kenne schon fast ihren ganzen Inhalt, wie mir scheint. Und dennoch bin ich noch auf Einzelnes neugierig. Ich fühle, daß Sie mir noch so Manches zu erzählen haben, wenn Sie wollen; aber ich wage es nicht, zu drängen!" „In der That," erwiderte Jakob. „Genau genommen, könnte ich sie in zwei Worten beenden, oder auch zwei Jahre davon reden, ohne auch nur die Hälfte von dem auszusprechen, was für mich, den neuen.Menschen, jene andere unbekannte Welt an staunenswerthen Phänomenen darböt. Nicht nur in unserer Gesellschaft, sondern auch im allgemeinen Zustande des Landes machten sich mir nur zu leicht die Keime einer Fermentation bemerkbar, welche eine umbildende, reformirende Arbeit von unvermeidlichen und unberechenbaren Folgen an kündigten. Ueberall begegnete ich Ruinen, einer Menge ungeordneten Materials zu einem künftigen Bau; nirgends etwas Angefangenes, nirgends sogar ein Plan oder eine Idee für den Neubau. Die Einen wünschten nur die alten Mauern zu stützen, die Andern, sie etwas von oben zu bearbeiten, ein Stockwerk einzureißen, den Giebel zu weißen, noch Andere, sie gänzlich zu zerstören, jedoch ohne noch zu wissen, was sie an ihre Stelle setzen sollen. So befällt, sobald eine Stunde der Ewigkeit schlägt, die Menschheit so große Unruhe, daß sie sich hin und her wirft und wälzt. Trotzdem geschieht, ob.früher oder später, nur was das ewige Gesetz Gottes will. Vom niederen menschlichen Standpunkte jedoch sehen diese Dinge traurig aus: ich sah die Anfänge eines Chaos. Die äußere Physiognomie des Landes hatte noch die

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