Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 44 (1903)
- Issue
- Heft 11 (9.2.1903)
- Date
- 1903-02-09
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
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241werden, wurde er zu jenem Menschen, welchen ich Ihnen schon schilderte, mit der Berechnung, als einziger Lebensmoral, und mit dem Verstände, als einzigem Wegweiser. Nichts Traurigeres gibt es, als ihm ähnliche Menschen. Zu den gleichgültig gewordenen Leuten ohne Glauben gehörte Tilda's Vater. Es war dies ein Ehrenmann, soweit es sein wohlverstandenes, eigenes Interesse betraf. Aber er liebte nicht die Tugend, war kalt und dabei doch sinnlich leidenschaftlich. von großer Intelligenz, und doch wollte er nicht sehen, daß es Dinge gibt, die sich weder berechnen noch betasten lassen, aber dennoch vorhanden sind und das Leben mit einem unsichtbaren Netze umziehen. Ich selbst wurde durch meine zuerst jüdische, dann europäische und rein menschliche Erziehung ein Anderer, neu für mich selbst und neu für meine Mitbrüder. Ich bin ein Jude, der seine Traditionen hochschätzt, aber ohne Vorurtheile, der in der Tiefe des Herzens den theuersten Schatz, das Gefühl und den Glauben, bewahrt, aber ohne das Licht des Verstandes und das Gesetz des Verstandes zu verleugnen und sich von der Gesammtheit der Menschen auszuschließen. Beides söhnt sich in mir aus und gibt mir vollen Seelenfrieden. Als ich nach beendetem Unterrichte von Tilda's Vater, ineinem Vormunde, nach Warschau berufen wurde, hatte ich noch nicht die geringste Vorstellung vom Zustande unserer Gesellschaft. In dem Dorfe traf ich nur zwei Arten von Juden an: dir alten, die dem Gesetze bis in die geringsten Kleinigkeiten und Vorschriften getreu waren, und jene, die nur durch das Blut, aber nicht durch Sitte und Geist unsere Brüder waren. Ich bekenne, daß ich mit großer Neugierde der Residenz des Königreiches nahte, beunruhigt um meine Zukunft, und ohne die mindeste Vorstellung von der Welt, in die ich eintreten ' sollte. In den Provinzen lebten und leben noch heute die Juden völlig von den Christen getrennt. Hier sollte ich sie zum ersten Male, wenn nicht durch Gesetz, so durch die Sitte des Zeitalters mit den Christen verschmolzen und vereinigt finden. Die ersten Tage nach meiner Ankunft, gestehe ich, vermochte ich noch nichts von dem, was mich umgab. verstehen. Ich traf Juden, die dies nicht mehr waren. Andere, die stillschweigend die Abstammung derleugneten. die ihnen auf die Stirn geschrieben war. manche, finster schweigend und unverständlich, .die Mehrzahl sich fast versteckend mit ihrem Glauben, obgleich sie ihm noch treu waren. Man sah auf den ersten Blick, daß hier ein grimmiger Kampf wüthete. Anzahl, Ansehen, Geld und Bildung stellten die Israeliten schon auf den Standpunkt, daß sie Gesetze und Anerkennung ihres Bürgerrechtes fordern mußten. Der alte Adel, der Pfleger einer schlecht verstandenen Volksüberlieferung. stieß höflich, aber kalt, spöttisch und unmerklich diejenigen zurück, die er noch immer zu den Ankömmlingen zählte. In beiden Lagern war großer Haß und Widerwillen. Die Lage war unklar und unwahr. Obgleich die täglichen Beziehungen und Bedürfnisse sie einander näherten und verbanden, obgleich das Interesse sie für den Augenblick versöhnte — Erinnerungen, Vorurtheile und Glauben trennten sie doch immer wieder. Was ich hier fand, in was ich hineingerieth, das konnte ich auf dem Dorfe nicht einmal vermuthen. Im Verlaufe einiger Tage fühlte ich, daß — sei dem, wie ihm wolle — im Geiste des Jahrhunderts und der Gerechtigkeit der Sieg auf unserer Seite sein müsse. Ein Widerstand war nicht nur vergeblich, sondern übereilt und unlogisch. Die in ihm Verharrenden sahen selbst, daß sie nicht ausdauern würden. Tilda's Vater konnte mit Recht sich seines Zöglings rühmen. Er führte mich also in seine Gesellschaft ein. Außerdem hatte ich zahlreiche Verwandte in der Hauptstadt. Schon in wenigen Tagen nach meiner Ankunft machte ich daher eine Menge sehr verschiedener Bekanntschaften. Ich erstaunte bei jedem Schritte, um nicht zu sagen, ich ärgerte mich. Fast überall und bei allen Juden fand ich ein für mich unbegreifliches Gefühl, eine gewisse höchst sonderbare Scham vor ihrer Abstammung, ein schweigendes, oder sogar lautes Verleugnen ihres Jndenthums. In den Häusern der reicheren Israeliten fand sich nicht die Spur mehr vom früheren Glauben und einer Tradition. Die altväterliche Tracht war verschwunden. Die Gebräuche wurden nicht beobachtet. Man versteckte sich am Sabbat. Daneben gab es Juden von strengerer Regel und Getaufte; Juden, die gar kein Bekenntniß mehr hatten, oder nur nominell irgend einer religiösen Gemeinde angehörten. Sie Alle bildeten eine höchst eigenthümliche Mosaik. Man lebte in einer nur durch gänzlichen Skeptizismus und Jndifferentismus erklärlichen Eintracht. In der Tiefe jedoch dieses Gemisches wallte eine gewisse Unruhe und fermentirten die Keime zum Kampfe, welche bezeugten, daß wir die Kräfte erlangt hatten, um diesen zu ermöglichen. Ich fand die Hauptstadt überfüllt von meinen Mitbrüdern, sogar da, wo man weder Namen noch Bekenntniß anzugeben ihnen gestattete. Ich begegnete ihnen auf jedem Schritte, aber in ihrer Gegenwart mußte ich. nachdem ich durch Erfahrung klug geworden, fiillschweigen, da ich jeden Augenblick auf Ansichten und Vorstellungen stieß, die mich verletzten und mit denen ich mich nicht auszusöhnen vermochte. Me hoch.ich auch meinen Vormund schätzte, fand ich in ihm die erste, mich am tiefsten schmerzende Erscheinung. Ich konnte, ihn weder lieben, noch mich an ihn anschließen. Die ausgeprägteren Typen dieser Gesellschaft mußte ich Ihnen vorstellen, damit Sie sie kennen lernen. Im Allgemeinen lassen sie sich nicht beschreiben. .Im Ganzen verletzte und betrübte mich Alles, wohin ich nur blickte. Wir waren sichtlich im Fortschreiten, auf dem Wege zu Macht und Anerkennung. aber nicht mehr wir selbst, sonderen gescheitert, weil uns selbst verleugnend, zerstreut, geschmäht und —