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Der Israelit · 1903-02-09 · Heft 11 (9.2.1903) · page 20

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Journal
Der Israelit
Volume
44 (1903)
Issue
Heft 11 (9.2.1903)
Date
1903-02-09
Page
– (sequence 20)
Language
German
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früheren traditionellen Züge bewahrt. Die Menschen I hatten noch die alten Gedanken und die alte Sprache, aber auch hier in der Tiefe, im Innern war — Verzweiflung. Ueberall gab es Neuerer, Leugner und Lästerer der Vergangenheit ohne Zahl, die Ehrgeizigen und Charlatane, wie immer, an der Spitze die hervorragendsten und die lautesten Schreier im Namen der Wahrheit, deren Standartenende sie in die eigenen Taschen senkten. Ich scheute mich fast einzutreten in diese erhitzte Menge und wurde nicht eher abgekühlt, bis ich mich an diese für mich neue Temperatur gewöhnt hatte. Zur Charakteristik der Zeit und der Gesellschaft gehören aber auch gute, liebe Leute, deren ich unterwegs so manchen begegnete. In der überwiegenden Mehrzahl spielten sie eine überaus große Rolle. Keine Grundsätze, aber die größte Willfährigkeit und eine unvergleichliche Nachsicht für fremde Sünden, um sich auch für die Eigenen Vergebung auszuwirken, ein Lächeln auf den Lippen, Lieblichkeit in den Reden, maßlose Herzlichkeit in den Ausdrücken, um ihre Kühle und Verkehrtheit zu verbergen. Und dennoch nennt man sie gute, sehr gute Leute, besonders beim Glase und in fröhlicher Gesellschaft. Ihre Güte hängt davon ab. daß ihnen Alles ungestraft hingeht, und daß auch sie dafür über die Schuld des Nächsten den Mantel werfen. Durch diese Güte der braven und lieben Mitbrüder, Landsleute. Genoffen und Freunde wurde die Gesellschaft nach und nach moralisch ruinirt. Als ein Gewaltstreich erschien jeder Angriff auf diese geheiligte Biederkeit, diese erlangte Popularität und anerkannte Tugend. Verzeihen Sie mir diese Episode," sprach Jakob. „Aber von den großen und berühmten Menschen jener Jahre in Warschau gehörte der größte und populärste Theil zu diesen Biedermännern. Und hätte man seinen leiblichen Vater erschlagen, wenn man nur Einen dieser würdigen Männer hochachtungsvoll umarmte und sich nicht auflehnte gegen seine Größe, wäre man der Straflosigkeit gewiß gewesen. Wer . aber — Gott bewahre dafür — über irgend ein anerkanntes Verdienst hergefallen wäre, auf den hätte solidarisch die ganze Schaar jener Helden den Stein geworfen. Die gemeinsame Heiligkeit hätte angetastet und den Tod verwirkt, wie Sokrates, wer über die atheniensischen Götter herg'efallen wäre. Die Ruhe des Staates hätte es erfordert, daß man ihm den tödtlichen Schierlingstrank reiche. Dafür konnte auch, wer sich jener großen Leute annahm, freveln in den Tag hinein. Ihm stand es frei, denn er gehörte schon zu jenen Guten, Braven. Mein Vormund beobachtete mich aufmerksam und schloß daraus, wie ich mich in die neuen Elemente hineinfand, auf meine Natur. Ich glaube nicht, daß meine anfängliche Enthaltsamkeit nicht nach seinem Geschmacke war. Im Gegentheil schien er für den An- I fang mit mir ganz zufrieden zu sein. Ich weiß nicht, warum er mich auszuforschen beliebte, wenn wir allein waren. Im Allgemeinen gefielen ihm meine Bemerkungen, obgleich er bisweilen über sie lächelte. Er fanfc; nur noch alles jüdisch, wenn ich mich so ausdrücken darf, in Beziehung auf mich selbst. Als ichihm am Sabbat erklärte, daß ich nach religiösem Brauche in die Synagoge gehen wolle, wunderte er sich anfangs und überlegte ein wenig, dann fragte er mich: „Wozu? Willst Du diesem alten Gewäsch und . Vorurtheil treu bleiben?" „Verzeihen Sie," antwortete ich, „aber ich war nnd bin Jude, und will es auch immer bleiben!" „Na, na! Wie Du willst!" sprach er. „Aber heutzutage gibt cs hier schon keine Juden mehr. Man muß vor allem Mensch sein. Das Judenthum kann Dich unterwegs aufhalten und verwirren. Man muß sich von ihm losmachen, oder auf viele unnöthige Schwierigkeiten gefaßt sein!" Ich schwieg. Er fuhr fort: „Uebrigens hast Du hierin volle Freiheit,- und kannst thun, was Du willst, Herr Jakob, nachdem Du Dich hier besser umgesehn!" Von diesem Augenblicke an, scheint mir, hielt mich dieser esprit fort für einen ziemlich schwachen Menschen, auf den man nicht viel rechnen könne. Er hatte die Grenze erreicht, über welche hinaus, wie er fühlte, ich nicht gehen würde. Da er sichtlich mich fremdem Einflüsse nicht überlassen wollte, verwies er mich im Gespräche auf seinen Freund, der, wie er sich ausdrückte, ebensolche Ueberzeugungen habe, als ich. Dies war ein sehr vermögender Kaufmann, ein schon alter Mann, den ich von Ansehen kannte. Ich hatte viel von ihm gehört, als von dem sichtbaren Haupte unserer Gesellschaft. welches indeß nur sichtbar war, wenn Andere es lenkten und leiteten, indem sie sich den großen Ehrgeiz des kleinen Mannes zu Nutze machten." (Fortsetzung folgt.) -4® Oreis-Räthsel. W- Als Mann gar weise und gelehrt. Ward ich geliebt und sehr geehrt. Den Wort' und Sprüchen meines Mundes Gehorchten alle Söhn' des Bundes. Wirst ein' Vokal Du von mir nehmen Und mir dafür 'nen andern geben. Ertöne ich als Lob deS Herrn, An Judas Festen nah und fern. Unter den Einsendern der richtigen Lösungen wird geloost und erhält der Gewinner ein Werk aus nnserem Berlage gratis nnd franco zugcsandt. . Verantwortliche Redaction: OScar Lehmann ln Mainz — Expedition deS Israelit". Schottstratze Nr. % Mainz. Druck und Verlag der Joh. Wirth'schen HoibuLdruckcrei Aktiengesellschaft in Mainz.

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