Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 44 (1903)
- Issue
- Heft 11 (9.2.1903)
- Date
- 1903-02-09
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2446951-2449890-2449902--57622-2520341- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
9. Febr. 191)3.) [»*. 7 AeitgemÄde von I. I. Nraszewski in autorisirter Uebertragun.l 151 . ' „Sie versprachen mir die Fortsetzung Ihrer Geschichte," sagte endlich Jwas. „Wo Sie auch der chronologischen Ordnung mit der gestrigen Episode vorauseilten, heute möchte ich gerne die Ergänzung hören. Diese Lücken müssen Sie mir aussüllen, da ich dies allein nicht vermag!" „Mit Vergnügen will ich den Rest meiner Erzählung ergänzen," antwortete Jakob. „Ich habe keine Geheimnisse; das größte zwanget Ihr mich gestern schon zu offenbaren. Wir waren, wie mir scheint, bei der Schule stehen geblieben, auf deren letzter Bank ich, gequält von den Genossen, und als Paria verfolgt, mehr das Leben, als die Grammatik zu lernen begann!" „So ist es!" „Die Geschichte dieser Jahre." fuhr Jakob fort, „ist mehr die meines Gemüthes und Herzens, als irgend etwas Anderes. An Ereignissen fehlte es nicht, oder ste sind von untergeordneter Wichtigkeit, ohne wesentlichen Einfluß auf das Leben. Die Schule konnte mich nicht viel lehren, aber ste erschloß mir die Pforten der Wissenschaft, indem Pe mir den Weg durch ihre unermeßlichen Raume zeigte. Als Jude kannte ich bisher nur meine Bibel, in ihr war für mich die ganze Welt eingeschlossen. Jetzt bemerkte ich. daß ich als Mensch mir aneignen müsse, was die Menschheit gethan, errungen und gelernt hat jahrhundertelang. Anfangs erschütterte dies etwas meinen ausschließlichen Glauben an das auserwählte Volk. Es zeigte mir dieses in etwas verändertem Lichte. Ich mußte mich demüthigen. Aber mit Unruhe in der Seele, und doch mit unabhängigerem Geiste kehrte ich wieder zur Bibel zurück und wurde wieder Jude, nur in anderer Weise. Mich, als Iuoen, zu verstehen, dürfte Ihnen vielleicht schwierig sein. Ich halte hier etwas inne, um Ihnen auseinanderzusetzen, daß diese unsere israelitische Gesellschaft, die in so langer Verfolgung einig war und zusammenhielt, heutzutage, wo dies ausgehört, sich schon in viele verschiedene Bruchstücke getheilt hat. Der Jude ist heute schon nicht mehr das, was er früher war, als die Ausschließung ihn zwang, nur er selber zu sein, zu leben, zu denken, zu lernen und zu verkehren in dem ihm von den Gesetzen und Sitten der feindlichen Christen so eng gezogenen Kreise. Heutzutage sind die Juden freier. Weniger dicht zusammengedrängt, gehen sie auf verschiedenen Wegen. Viele von ihnen verwerfen ihr Gesetz und ihren Glauben, nehmen scheinbar andere, an, und haben in Wirklichkeit gar keine. Der Typus eines solchen Juden war so recht mein Vormund, der Vater Tilda's, dem ich Alles verdanke. Selbst jenseits der Grenze erzogen, in einer schon gleichgültiger gewordenen Gesellschaft, verlor er frühzeitig die Achtung vor unseren Ueberlieferungen und unserem Glauben, schüttelte er die strengen Pflichten unserer Gebräuche von sich ab, und, anstatt Christ zu