Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 44 (1903)
- Issue
- Heft 11 (9.2.1903)
- Date
- 1903-02-09
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2446951-2449890-2449902--57615-2520334- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
238 verliert niemals ihre Verpflichtungskraft. Sie kann nur aufgehoben werden durch eine gleiche, unmittelbare Thatsache, wie die der Offenbarung am Sinai, und vor gleicher Zeugenzahl von dritthalb Millionen Seelen, wie sie am Fuße des Chaurew standen. Bis das nicht geschieht, behalten die Worte der Thauroh: „Das Verborgene ist Gottes, unseres Gottes; aber, „was offenbar ist, das ist unser und unserer Kinder auf ewig: alle Worte dieser Lehre zu erfüll e n," ewige Gesetzeskraft. Dieser Gehorsam gegen Gott ist die Folge unserer Gottesfurcht. Wir fürchten Ihn, denn Er ist groß und allmächtig. Er kann die. Welt zertrümmern — warum sollte Er nicht auch uns Vernichtung bringen können, wenn wir sündigen? Er ist allgegenwärtig. Deßhalb können wir nicht fliehen von seinem Angesichte, wenn wir gesündigt haben. Ihm gehört das Weltall, die Erde. Wir dürfen sie deßhalb nur so verwalten, wie Er es wünscht. Sein Gesetz tritt uns überall entgegen: im Grashalm. der uns am Wege nickt, im Steinchen, das wir zur Erde fallen sehen, im Gang der Gestirne, die hoch über uns vorüberziehen. So hat Er auch uns das Gesetz unseres Lebens zur freien Befolgung geboten. Wir können uns deßhalb nicht ausschließen aus der Schaar der Gottesdiener. wir können nicht sündigen. Gott ist allwissend. Was wir denken, fühlen, sprechen, thun — Gott weiß es. Wir können nicht sündigen. Und es ist Ihm nicht gleichgültig, unsere Thai, nicht gleichgültig unser Wort, unser Gedanke, unser Gefühl. Wie wir es verwendet, was Er uns gegeben, darüber haben wir einst Rechenschaft abzulegen vor Seinem Thron. Und Er ist ein strenger und gerechter Richter. Haben wir Böses gesät, so können wir nichts Gutes ernten. Leben wir dem göttlichen Willen gemäß, so erwartet uns Gutes hier noch oder dort. Gott ist erhaben, Gott ist heilig. Treten wir vor Gott hin, so tobtet Seine Erhabenheit, Seine Heiligkeit jeden aufkeimenden Gedanken der Sünde in uns. Mer wir fürchten nicht nur Gott, wir lieben Ihn, d. h. wir fühlen es, daß wir nur durch Ihn sind und et was sind, und daß wir deßhalb mit unserem Sein und Wirken zu Gott hinanstreben und Seinen Willen erfüllen müssen. Wir lieben Gott mit ganzem Herzen, ganze: Seele und ganzem Vermögen. Mit ganzem Herzen, d. h. mit unserem Geiste und mit unserem Herzen. Was wir an Geisteskraft besitzen, das ward uns verliehen, Gott zu erkennen, aus Seiner Thauroh Seinen Willen zuerkennen, und die Welt zu erkennen, auf daß wir wissen, wie wir in ihr den in der Thauroh niedergelegten Gotteswillen erfüllen sollen. In unserem Herzen tobt ein Kampf zwischen Jezer Hora und Jezer Hatauw, dem guten und dem bösen Triebe. Diesen Kampf so zu schlichten, daß wir nur das gut und schön nennen, was Gott gut und schön nennt und alles meiden, waS Gott gemieden wissen will, das heißt: Gott mit ganzem Herzen lieben. Die Kraft unseres Körpers, die Geschicklichkeit unserer Hände, die Gesundheit unseres Leibes. Geld. Gewerbe, Ehre, Einfluß, Freunde, Familie, in den Dienst Gottes stellen, heißt: Gott lieben mit ganzer Seele und ganzem Vermögen. Herz. Geist, Leben, Vermögen — sie müssen hingeworfen werden, wenn es gilt, entweder Gottes Willen zu erfüllen, oder mit der Untreue gegen Gott Herz, Geist, Leben und Vermögen sich zu erkaufen. Und wir vertrauen auf Gott. Wir halten fest an Ihm, an Seinen Verheißungen, an Seiner Gnade, an Seinem Gesetz. Und sind wir arm, unglücklich, im Elend und wollen verzweifeln, dann belehrt uns das Thaurohwort, daß uns unsere Kinder zur Erziehung sind gesendet worden: „Erwäge den ganzen Weg, den dich geführt Haschem, dein Gott, nun vierzig Jahre 4it der Wüste, auf daß Er deine Abhängigkeit dich fühlen lasse, auf daß Er prüfend dich hebe, auf daß erkannt werde, das, was in deinem Herzen, ob du achten werdest Seine Gebote oder nicht. Er ließ dich darben. Er ließ dich hungern, und speiste dich dann mit Man. den du nicht gekannt und nicht kannten deine Väter, damit Er dich lehre: daß nicht auf Brod allein lebe der Mensch, sondern auf jeglichem Ausspruch vom Munde Haschems leben könne der Mensch. — Dein Gewand ist nicht abgealtert, dein Fuß schwoll nicht auf diese vierzig Jahre. — So erkenne denn mit deinem Herzen, daß. wie ein Mann züchtigend seinen Sohn crzieht, also züchtigend Haschem, dein Gott, dich erzieht."--- (Fortsetzung folgt.) Zeitungsnachrichten und Correspondenzeu. Deutschland. Kassel, 6. Febr. Ihr hundertjähriges Bestehen feierte am 1. dss. Mts. hier unter außerordentlich großer Theilnahme und in Anwesenheit von Vertretern der Königl. Staatsregierung und der Stadt die isr. Gesellschaft „Humanität". Der Wahlspruch der „Humanität" lautet: „Wohl dem, dem wohl ist, wenn es jedem wohlgeht." Das Vermögen der Gesellschaft, der bei ihrer heutigen Hundertjahrfeier von einem ungenannten Gönner 6000 Mk. gestiftet wurden, beträgt z. Zt. annähernd 54,000 Mk. Die Festrede hielt Landesrabbiner Dr. Prager. Er sprach über die Humanität im Sinne des Vibelwortes von der Nächstenliebe. Der Oberpräsident der Provinz Hessen-Nassau,