Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 44 (1903)
- Issue
- Heft 10 (5.2.1903)
- Date
- 1903-02-05
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2446951-2449890-2449901--57587-2520304- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Rashi 1× ep/1002670
OCR text
F' — [ ■' r,- ■ f. ' ■■ l. f t-. t k i \ .r K e rr r r L e t o «. Non Woöert Käntern. 115 Der Rabbi schloß aus den Gebärden Feiwels, daß es ihm noch nicht gelungen sei, den Seelenschmerz des wackeren Mannes zu mildern. Er fuhr deßhalb fort: „Denkt an unseren Vater Abraham, als ihm die Weisung ward, sein Kind zu opfern. Ich glaube, daß es Abraham leichter fiel, den Sohn für den Opfertodt zu binden, als es ihm nachher siel, ihn wieder aufzubinden, da ihm der Befehl geworden war, dem Sohne nichts zu Leid zu thun. Ihr seid ein würdiger Sohn Abrahams, wenn Ihr so denkt. Ein gefundenes Kind in sein Haus aufzünehmen, und es wie sein eigenes zu erziehen, erscheint der Welt ein großes Opfer, das nicht Jeder so mit ganzem Herzen bringt, wie Ihr und Eure biedere Frau. Es wieder aus seinem Hause fortzuweisen, gilt der Welt als das Nächstliegende, alltägliche, und Euch erscheint das als ein viel schwereres Opfer, als das erste. Aber Vater Abraham hat die eine und die andere Prüfung glänzend bestanden, wollt Ihr ihm nicht nachihuh, Feiwel? Ich meine, nicht nur mit den Lippen, sondern aus voller Seele und mit-ganzem Herzen?" „Ja, ich will," entgegnete ergriffen der Gefragte, „hier habt Ihr meine Hand zur Bestätigung. Hoffentlich gelingt es mir auch, meine Dina von den weisen, edlen Gesinnungen des Rabbi zu durchdringen, wie der Rabbi mich überzeugt hat. Aber eine viel größere, die größte Schwierigkeit bleibt mir noch zu . bewältigen übrig, wie werde ich mich mit meinem Abraham auseinandersehen können? Ein Kind von so bravem, frommen Gemüthe, mit so herrlichen Anlagen des Geistes und Herzens, das schon ein Blatt Gemoro mit Raschi selbstständig, ohne Lehrer, lernen kann, wenn ich zu diesem Kinde morgen hintrete und ihm sage: Du bist kein Jude, Du kannst essen und trinken, ohne alle Rücksicht auf unsere Gesetze, Du darfst am Sabbat Feuer anzünden. Du darfst an Peßach Chomez genießen. Du bist nicht unser Kind, wir sind nicht Deine Eltern, und Deine Geschwister sind nicht Deine Geschwister! Entweder wird das Kind wahnsinnig oder es muß mich dafür halten, ist's anders, Rabbi?" Betroffen und ergriffen von diesem schmerzlichen Seelenkampfe erfaßte der Greis die Hand seines Schülers und ließ schweigend das weise, gütige Auge so lange auf den zu Boden gesenkten Wimpern Feiwel-s-ruhen, bis diese sich hoben und die Blicke Beider.sich begegneten. „H'ört zu. Feiwel!" degann 'er dann mit der ganzen Innigkeit seines edlen Herzens und der Klarheit seines hellen Geistes. „Wenn mir in den mehr als neunzig Jahren, die ich mit Gottes Gnade hinter mir. habe, Schwierigkeiten und verwickelte Fälle aller Art zur Beil rt Heilung und Entscheidung Vorgelegen haben, so war. immer mein erstes, mich im heiligen Schriftthüm der Thora und des Talmud nach einem gleichen oder doch ähnlichen Falle ümzusehen. Nie ist mir in meinem Leben eine Frage vorgelegt worden, für welche , ich. nicht Anhaltspunkte in dem reichen Schatz der . schriftlichen und mündlichen Thora gefunden hätte. Für die Lage, in der Ihr Euch jetzt befindet, brauchen wir, denke ich, - ' - gar nicht weit zu suchen. Ihr wisset doch, daß unseres Stammväter die Vorschriften der Thora schon vor ihrer/- - Offenbarung am Sinai erfüllten. Auch wer das. nichts - , weiß, zweifelt nicht daran, daß sie das noachidische Ver-> . ' bot des Menschenmordes kannten, und beobachteten. Als - nun Vater Abraham seinen Sohn als Opfer schlachten,? wollte, mußte da Jsak nicht seinen Vater mindestens? für wahnsinnig halten, wenn er angeblich im'Auftrag/ Gottes einen doch durch göttliches Gesetz verbotenen Mord an ihm begehen wollte? Jsak hatte doch die Auf- - forderung zu seiner Opferung nicht direkt. gehört, er hatte nur durch Vermittelung seines Vaters davon' . Kenntniß, und dennoch finden wir nicht, daß Jsak an der Zurechnungsfähigkeit des Vaters zweifelte, ließ er sich doch binden und bestieg, die Opferstätte mit derselben Bereitwilligkeit, die wir beim Vater bewundernd . . anstaunen. So wie die Erziehungsweisheit, einest : Abraham über diese Schwierigkeit hinweghalf,, so wird - es auch bei Euch sein. Mit demselben Vertrauen, mit - welchem der Knabe seine bisherige Erziehung und Ausbildung aus Eurer Hand hinnahm, mit demselben Ver-. trauen wird er auch von Euch die überraschende Mahrheit hinnehmen, die Ihr ihm zu machen habt. Sie wird - gewiß schmerzlich für ihn sein, aber Euer Takt und Eure Liebe zu dem Kinde wird Euch schon denrechten Weg finden lassen. Im Uebrigen dürft Ihr Euch auch auf den Beistand Gottes verlassen, der Euch sicher zur Seite stehen wird. Bringt den Knaben so bald als möglich zu dem Grafen, und wenn es der Graf gestattet, so bringt das Kind selbst zu Baron von Korff. Sollte er gegen letzteres irgend welche Bedenken haben, so könnt Ihr alles getrost dem Grafen überlassen; er.' ist ein Ehrenmann! Und nun reist in Frieden zu Eurem Weib,-.. Gott segne Euch, behüte Euch, lasse Euch Sein Antlitz leuchten und sei Euch gnädig! Er wende Euch Sein . . Antlitz zu und gebe Euch Frieden!" v . Mit diesen Rathschlägen und Segenswünschen entlassen, trat Feiwel beruhigt seine Rückreise an. / ' . ' .' xi. i .. f. Es war dem Verwalter dieseszngl. viel,schry'xrA ■'£ worden, als diH neun Jahren. Hin treffliches' Weib'für U I die Rathfchlage des Rabbiners zu gewinnen? Äberals.^ cs ihm gelungen war, konnten sie sich mehrere Tage nicht - , über die Art und Weise einigen, wie man dem Knaben die ganze Sache am schonendsten beibringen könne. Da-