Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 44 (1903)
- Issue
- Heft 9 (2.2.1903)
- Date
- 1903-02-02
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
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los. Ich verstehe nur eine Verschwörung, eine solche, wie die unselige, welche schon ein Paar Jahrtausende andauert, und in welcher wir die Epoche unserer Gleich- Lerechtigung und Wiedergeburt erlebten; eine Verschwörung, welche die Kräfte anhäuft und zu einem starken, zusammenhängenden Körper vereinigt. Ihr und Eure Verschwörungen mit den fieberhaften Ausbrüchen, Ihr werdet zu nichts kommen, als zu immer schmerzlicherem Verfalle!" «Sprechen wir davon nicht!" rief Jwas stirnrunzelnd. «Ihr habt weder diHes Gefühl für das Vaterland, wie wir, noch habt Ihr das erfahren, was wir erdulden... ." i. . «Entschuldigen Sie," sprach der Jude. «Wenn für irgend wen, so ist für uns dies Land, in dem wir Zuflucht fanden, und trotz zeitweiser Verfolgungen Zunahmen an Zahl und durch Arbeit, ein zweites, auserwähltes Vaterland. Wenn es dies noch nicht für Alle ist, so muß es und wird es dies doch werden. Ich wenigstens fühle mich ebenso als Israelit, wie als Pole!" ' „Ja,' aber Menschen wie Sie, ohne Schmeichelei, obgleich wir uns erst einige Tage kennen, gibt es und kann es nicht viel geben. Im Allgemeinen kann man Euch vorwerfen, daß Ihr Euch nicht allzusehr an dieses Land anschlosset, in dem Ihr nach jenen Jahrhunderten, ziemlich lange Zeit glücklich und frei gelebt, welches Euch ernährte, erzog, bereicherte, und — als seine Kinder anerkannte!" „Gemach!" erwiederte Jakob. «Blicken Sie unparteiischer auf die Geschichte. Wahr ist es, daß der religiöse Fanatismus, der uns gemeinsam ist mit anderen Völkern, und ein gewisser Adelsstolz, lange ein Hinderniß abgaben in der Anerkennung der Juden als Bürger des Landes. Aber auch die Juden waren daran Schuld, weil sie sich nicht bestrebten, Sprache und Sitten sich anzueignen, sondern sich absonderten, als ein Status in statu ein Volk im Volke; weil sie nicht ehrlich auf ihr Bürgerrecht hinarbeiteten. welches nur durch Blut und Opfer erworben wird. Gleich ist die Schuld auf beiden Seiten. Und beiderseits muß Alles auf ein Vergeben und Vergessen an der Vergangenheit herauskommen. Ein anderes Zeitalter, die allgemein verbreitete Aufklärung, die uns gemeinsamen menschlichen Ideen, dies Alles muß uns jetzt einander nähern und einigen. Wir werden die Hand bieten — stoßt Ihr sie nicht zurück!" «Wir, junges Geschlecht?" rief Jwas, «wir sollen. Euch zurückstoßen? Können Sie dies zugeben? Wohl finden sich Vorurtheile, Widerwillen, Reste alter, nicht ganz verwester Vorstellungen, Ueberbleibsel früherer Jahrhunderte — aber die Gesammtheit — bietet Euch aufrichtig die Hand. Seid uns Brüder, aber im Geiste, nicht mit Worten, mit Thaten und nicht nur zum Scheine! Seid es nicht bloß im Augenblicke des Erfolges, sondern auch in der Arbeit und im Schmerze!". Jakob reichte ihm schweigend die Hand. «Genug für heute!" sagte er. «Wir verstehen und einigen uns leicht, wir, die Jugend. Meine Altersgenossen, die israelitische Jugend, fühlt und denkt so wie ich. Aber, wie bei Euch, so auch bei uns, gibt es Vor-, urtheile, alte Streitigkeiten, jahrhundertlang genährte, abscheuliche Rachepläne, gibt *3 mit einem Worte — Menschen! Seien wir nachsichtig, geduldig, und lassen wir uns nicht hinreißen von Haß athmenden Leidenschaften. Die Liebe nur versöhnt, verbindet und einigt. Nach ihr'laßt uns streben! Auf sie laßt uns hinarbeiten! Hierüber aber," fügte Jakob hinzu, «werden wir noch gar manchmal zu sprechen haben! Jetzt auf den Weg! Fahren oder gehen wir?" «Wir gehen zu Fuße nach Pisa!"' „Einverstanden!" . „Also eingepackt!" Sofort begannen sie, sich zur Reise vorzubereiten. Gegen Mittag gingen sie. schon im Reiseanzug, zu Lucia Colomi, um sich zu verabschieden. Hier befand man sich auch schon auf der Schwelle mitten unter Bündeln, Kisten und Kasten. Der Russe packte seine Papiere und Bücher ein. Die Italienerin bezahlte die Rechnung. „Auf Wiedersehen!" rief man von der Schwelle. „Auf Wiedersehen! in dieser oder jener Welt!" „Adio! Adio!" In dem Augenblicke, als sie sich eiligst zurückzogen, um nicht aufdringlich zu erscheinen, winkte die schöne Italienerin Jwas herbei und zog ihn zur Seite, «Sie fahren also nach Warschau zurück, mein , Herr?" fragte sie leise. „Gedenken Sie meiner Bitte! j Fragen Sic-dort nach mir. Ich werde Sie dort vielleicht Wiedersehen müssen. Mehr kann ich heute nicht sagen! Lucia Colomi! Erinnern Sie sich dieses Namens. Im Theater muß man von mir wissen!" Jwas blickte sie verwundert forschend an, „Und Ihr Beschützer, gnädige Frau?" fragte er. „Wer? Gromow?" „Ja. gnädige Frau!" „Das ist mein alter, guter Freund," erwiederte sie. „Aber ich weiß nicht, ob er mich auf dieser Reise wird begleiten können! Das hängt davon ab..... Ich bezweifle es, es ist unbestimmt. Also," schloß sie lebhaft, „ich erinnere Sie daran, mein Herr, daß nicht ich Ihnen, sondern Sie mir nöthig werden können. Also rechne ich auf Sie! Möge dies Ihrem Herzen. ein Sporn sein!" / \- „Aber wozu könnte i ch dort Jemandem nützen?" rief Jwas, mit Achselzucken. «O, fragen Sie nicht weiter, ich bitte Sie! Das ist meine Sache! Auf Wiedersehn!" Sie reichte ihm die Hand über ein Bündel hin.