Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 44 (1903)
- Issue
- Heft 9 (2.2.1903)
- Date
- 1903-02-02
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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2 2 auf sich selbst vertrauen. Sie sehen. Sie besitzen eine Kraft in der Brust, mit der Sie Alles überwinden werden — und das ist der Wille! So lange sie diesen in sich fühlen, werden Sie mit ihm besiegen, was Sie wollen, sogar sich selbst. Darum fürchten Sie nichts! Ich kenne in jeder Beziehung schätzbare Menschen, die aber nichts bedeuten aus Mangel an Willen. Ich kenne auch sehr gewöhnliche, deren energischer Wille sie höher stellt, als sie es nach ihren Talenten verdienten!" „Sie erriethen mich!" lachte Jwas. „Ich befürchtete den Verlust des Willens. Mich verlangte, in einem kleinen Kampfe mit mir selbst von seiner Kraft mich zu überzeugen. Ich dachte, ich träumte, ich kämpfte, wie Jakob, Ihr Homonym, im Traume — und ich siegte!" Plötzlich hielt er inne. „Wo waren Sie?" fragte der Jude. „O, ich weiß es wahrhaftig nicht'! Ueberall und nirgends! Im Staube der Landstraße, im Gewühle des Hafens, auf Aqua,Sola, sogar unter den Fenstern der schönen Tilda!" . Jakob blickte ihn scharf an. „Was thaten Sie da?" „Ich weiß es selber nicht. Ich gelangte dahin durch Zufall. Aber stellen Sie sich vor, welch' eine Macht die Neugier ist: Ich fand dort meine beiden Italiener, den schweigenden Russen und den Zigeuner von gestern. Dies beweist, daß Ihre gestrige Erzählung sie mehr interessirt hat, als sich vermuthen ließ. Wir warteten Alle, wie es scheint, einzig und allein auf die Abreise jener schönen Märtyrerin aus Genua!" „Wie so? Abreise? Weßhalb so übereilt? Erbarmen Sie sich!" rief Jakob. „Sagen Sie mir's, wenn Sie es wissen; vielleicht fuhren sie nur-spazieren in die Umgegend!" „Nein," erwiederte Jwas, „das Projekt eines längeren Aufenthaltes in Genua mutzte, we m es überhaupt vorhanden war, urplötzlich aufgegeben sein. Ich weiß es nicht. Nur dies ist gewiß, daß der Betturino, der mit dem Wagen vor dem Haufe stand, versicherte, sie führen nach Pisa und Specia. Ich weiß aber nicht, ob die Dame allein, oder mit dem Herrn aoreisen wollte, oder umgekehrt. Aus dem herausgetragenen Gepäck konnte ich nichts entnehmen, weder über die Zahl der Personen, noch über ihr Geschlecht. Der Diener aber wollte meine Fragen nicht beantworten —“ „Wie so? Sie fragten ihn aus?" „Ein wenig! Ich war neugierig!" „Also sind sie abgereist?" „Ja, es muß so sein! Ich erfuhr aber das Uebrige nicht. Ich mußte mich entfernen, wnl mich dort schon ein allzu dichter Schwann Neugieriger umringte, und es mir schwer fiel, zu diesen Leuten zu gehören!" Beide schwiegen. Jakob senkte traurig das Haupt auf die Brust. „Was aber beginnen wir mit uns?" fragte er nach einer. Pause. „Was wünschen Sie sich? Sollen wir hier sitzen bleiben oder weiter fahren? Sprechen wir uns aus! Ich stehe Ihnen zu Befehl, denn ich habe keine Eile. Wie paßt es Ihnen am besten?" „Wieso?" fragte Jwas. „Was hat Ihre Reise mit der meinen zu thun? Ich werde gehen, sobald ich mich etwas ausgeruht. Und Sie machen, was Sie wollen!" „Wir verstehen uns noch nicht!" sagte der Jude. „Oljiie Ceremonien! Es ist eine ausgemachte Sache, daß ich Sie über die Grenze bringe. Grausam und ungerecht wären Sie, würden Sie mich mit einer Absage verletzen. Geben Sie mir die Hand! Gehen wir zusammen uno verlieren wir den Willen nicht unterwegs. So schonen Sie Ihr Leben und ersparen sich die Kräfte, die Sie besser und nützlicher verwenden können!" . . •. ..... „Aber . . ." _ „Kein aber! Fahren wir! Wohin wollen Sie lieber?" „Wohin es Ihnen gefällig ist!" erwiederte Jwas. »Ich fühle gleichwohl, daß Sie am liebsten nach- Specia und Pisa führen, und daß auch mir dies sehr Zusagen würde. Also..." „Warum meinen Sie?" „Wahrheit für Wahrheit!" antwortete Jwas. „Deßhalb möchte Jakob lieber nach Specia, weil Tilda in jene Gegend fuhr. Denn Janus und Jakob sind eine Person. Auf dieser entblößten Brust sah ich heute Früh beim Aufstehen am schwarzen Bande den schwarzen Trauer-Ring!" . . „Auch ohne ihn," sagte Jakob traurig, „war dies leicht zu erratheru Ja. es war meine Geschichte. Ihrer zu schämen brauchen wir uns Beide nicht. Jener Verwandte, der mich in die Schule schickte, ist der Vater Tilda's. Auch ihn mußten Sie erkennen oder muthmatzen. — Das Uebrige ein andermal! — Also fahren wir nach Pisa. Oder, ist Ihnen dies lieber, so denke ich, gehen wir zu Fuße. Dieser Weg ist so bezaubernd schön, daß es sich nicht empfiehlt, ihn anders zurückzulegen. Wir übergeben das Gepäck der Diligeance, und marschiren dann los, wie zwei wandernde Künstler!" „Wohlan denn! Heut' Abend!" sprach Jwas. „Mich zieht es immer mehr in die Heimath. Die Sehnsucht wird immer heißer. Ein gewisses Vorgefühl großer Ereignisse, ein ungeduldiges Verlangen nach Arbeit erfüllt mich..." „Halt!" rief Jakob. „Bekennen Sie mir: Sie konspiriren?" »Ja, so ist's, und kann nicht anders sein!" erwiederte Jwas. „Denn ganz Polen konspirirt seit hundert Jahren." . - «Ich begreife dies," sprach Jakob. „Aber wehe dem Lande, welches diesen Weg betritt; denn es verzweifelt schon an sich selber und erklärt sich für macht-