Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 44 (1903)
- Issue
- Heft 9 (2.2.1903)
- Date
- 1903-02-02
- Page
- – (sequence 20)
- Language
- German
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Ms sie cuf den kleinen Platz vor den beiden Hotels heraustraten und zu Feder zurückgingen, stießen sie fast auf den Zigeuner, der, wie gewöhnlich, seine Cigarre rauchte, gähnte und sehr aufmerksam den Eseln zuschaute, die große.Tonnen nach dem Hafen trugen. „Nun, was geht da mit Ihnen vor?" fragte er. „Heute noch wandern wir zu Fuß nach Pisa." „Sie wollen gehen? Zu Fuße?" „Allerdings!" . „Welch' drollige Laune, wenn man bequem fahren kann. Aber es ist gut, noch solche Launen zu haben. Ich fühle mich schon nicht mehr dazu fähig. Hätte sich noch diese niedliche Italienerin überreden lassen, mit mir zu Fuße zu gehen! Nun, so hätte ich auch nicht nein gesagt! Aber, es geht nicht. Der Russe hält sie fest in der Sklaverei!" „Sie thut mir leid," rief von der, Seite her der Dänen-Franzos, den sie anfangs nicht bemerkt hatten. „Sie hat eine sehr schlechte Wahl getroffen. Wissen Sie nicht, ob sie noch hier bleiben, oder ob sie abreisen? Und wohin?" „Wie es scheint, reisen sie ab. Wohin, das weiß ich nicht," sagte Jakob. „Sie wissen es nicht? Wahrhaftig nicht?" „Nein! Ich weiß es nicht. Gewiß nach Italien!" „Das wäre allerdings die billigste Reise!" fügte der Däne hinzu. „Vielleicht wählte sie nur deßbalb Russe. Man kann sie zurücklegen, wovon ich mich selbst überzeugte, sogar ohne zu fahren, so weit man Staub auf der Landstraße schlucken will. Ich werde auch dahin fahren, aber nur zu Wasser. Ich will "schon lieber auf dem Schiffe mich langweilen, als mir mit diesem Lehmeinschlucken eine Unverdaulichkeit zuziehen. Aber zuvor muß ich mich von der schönen Colomi verabschieden. Ich gebe die Hoffnung noch nicht auf, daß ich sie dem Russen fortschnappe. Man muß immer sein Glück versuchen!" „Er nennt das Glück!" rief der Zigeuner, langsam nach einer neuen Cigarre suchend. „Wie lächerlich! Er weiß nicht, daß man solche Lucia's in Italien, ohne besonderes Glück, finden kann, so viel man will, zur Reisebegleiterin!" „Solche?" unterbrach ihn Jwas. „Das muß ich doch bezweifeln; so liebe, so gute, so geistreiche Wesen, wie sie mir zu sein scheint, gibt es nirgends allzuviele!" . „Ach, das ist wahr! Sie übergoß Sie ja mit Wasser!" lachte der Zigeuner. „Das bezeugt allerdings nicht das allerschlechteste Herz! Eine Andere hätte geschrieen vor Schreck, und wäre selber noch in Ohnmacht gefallen — mit Grazie! Was den Geist betrifft, den Witz — wozu wäre er in der Frau?, damit sie beißt. Auch ohnedem hat sie Zähne genug! Aber warten Sie nur," sagte er zu Jakob. „Warten Sie, würden Sie mich wohl zum Begleiter uehmen, wenn ichmit Ihnen gehen wollte?. He!. Aufrichtig!" Die jungen Leute sahen sich schweigend an. Der Zigeuner lächelte. "- „Nein! nein!" rief er. „Es ist nicht noihig! Stamlo Gako ist zu alt und zu langweilig. Und dann die Hitze, der Staub! Nein! nein! Ich fahre mit der Diligeance. Leben Sie wohl!" Und er entfernte sich. „Desto besser!" sprach Jakob. -Einen lustigen Begleiter hätten wir bekommen!" Die Sonne stand tief über dem Meere, als unsere beiden Reisenden „Feder" verließen und auf dem Wege nach Ruita langsam aus der Stadt schritten, vorüber an den mit Villen geschmückten Hügeln und Gärten, und ungeduldig nach dem Anblick des Meeres ausschauten, welches sich einen Augenblick vor ihnen verbarg. Bald auch zeigte es sich, spiegelglatt, leicht nur gewiegt, wie eine Scheibe von Opal, schattirt in tausend immer wechselnden Farben. Wunderbar schön ist diese Umgebung Genua's, ybschon etwas öde, mit ihren Cypressen, Orangen, Weinbergen, und diesem auf felsigem Strande sich anhaftenden Wege, welcher, in jedem Augenblicke verschieden, eine malerische Aussicht gewährt. Im Herbst" und im Frühjahre begegnet ein Schwarm von Touristen sich hier auf dieser nicht ohne Grund berühmten Landstraße, aber mit jener Hast, die kaum einen flüchtigen Eindruck in ihnen hinterläßt. Selten nur zieht einer mit dem Wanderstabe langsamer vorüber, um sich diese bezaubernden Ufer genauer zu beschauen, und in ihren Reizen zu schweren. Auf andere Weise kann man sie auch unmöglich!tU!eri lernen.' Unsere Wanderer beeilten sich durchaus nicht. Sie wußten, daß für sie Beide sich überall ein Ruheplätzchen findet, irgend ein Albergo oder eine Trattoria in einem Dorfe, mit einem Oberstübchen, die Beleuchtung bestehend für den Abend nur aus einem römischen Lämpchen. bei dem es sich so traulich ausruhen läßt nach des Tages Last und Hitze, obschon man nur mühsam lesen und schreiben dabei kann. Kerzen führte hier noch selten irgendwo die Civilisation ein. ' . Den unterwegs Ermüdeten war es leicht, überall ein paar ruhige Eselein zu bekommen, auf deren Rücken man fast einschlummern kann, so sanft tragen sic die gewohnte Last, seien es nun Menschen, oder andere Gegenstände. Die Gluth des Tages war schon ganz vorüber, als unsere Wanderer die schönen Orangenhaine vor sich sahen, welche Nervi umgeben, jene Stadt des aus Blumen destilirten Wassers für alle Nervenschwachen in ganz Europa. Die Unterhaltung hatte sich bisher über die verschiedensten Gegenstände verbreitet. (Fortsetzung folgt.) VerantworüiLe Redaction: OLcar Letz mann in Main- — Expedition deS ^JSraelit*. Schottstratze Nr. 2. SRatria. . Druck und Verla« der Jod. Wirtk'scücn Hofbucbdruckerei Actienarsellskbaft in Mainz. .