Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 44 (1903)
- Issue
- Heft 9 (2.2.1903)
- Date
- 1903-02-02
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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weh gethan. Wir warten, bis Gott uns befreit und Zion, und' Jeruscholajim wieder errichtet wird in alter Herrlichkeit, und wir mit Zuversicht 'hoffen dürfen, das-, nun alles Leid vorbei ist. Augenblicklich erleben wir einen Triumpß wie wir ihn uns nicht glänzender denken * können: im Zionismus. Lärmt und-schreit nur ruhig weiter: ihr macht für'uns Propaganda. Je größere Kreise ihr für eure Ideen gewinnt, desto näher rückt der'endgiltige Bankerott des Reformjudenthüms heran, Lacht sie nur gehörig aus, die einfältige Reform, die mit Orgelklang und deutschem Gebet ihre Tempel füllen wollte. Lacht sie aus — dann brauchen lobt sie nicht auszulachen. Vielleicht glauben sie's euch eher, als uns, daß 'das alles der ■ lächerlichste Humbug ist, daß, wenn man-das Judenthum innerlich ausgehohlt hat, jedes Kleid, und sei es ' noch so kostbar und strahlend, jedes Ausstaffiren mit eitlem Firlefanzj nur die Ohnmacht verräth, etwas festes und'Bleibendes, Ewiges-und Unvergängliches an die Stelle des vernichteten Inhaltes zu setzen. - ' Ach, wie würden wix Orthodoxen lachen, wenn die Helden der Reform, ' die Geiger; Aub, Hölobeim, Philippson, heute -aus ihren Gräbern auferstünden, wie würden wir lachen über ihre-verwunderten Gesichter, die sie angesichts-der zionistischen Strömung der Gegenwart schneiden würden. Das ist also die Frucht ihrer Mühen, das das Resultat ihrer Forschungen, daß, nachdem sie es aus der Thauroh und dem Talmud selber bewiesen, daß es für den modernen Juchen ein Zion und Jeruscholajim nicht geben könne und geben dürfe, ' sich nun aus eben denselben Kreisen, die sie für ihre Lieblingsideen der Affimilation, der'rück-, haltlosen Verschmelzung mit den Kulturvölkern für immer gewonnen zu haben glaubten, daß-sich nu.n aüs dem Schoße der alleinseligmachenden Reform selber vor den-Augen ihrer ebenbürtigen Nachfolger und Fortsetzer ihres Lebenszweckes Männer erheben, in deren. Brust das Judeythum wieder aufzüwachen beginnt, Männer sich erheben, die jedenAssimilationsgedanken für den feigsten Verrath erklären, und. die mit ihrer aufrichtigen'Sehnsucht nach Zivn und Jeruscholajim den Reformschwindel glänzender widerlegen, als es die - , -Orthodoxie jemals vermochte. Seid ihr aber nun thatsächlich besser als die Reform? Seid ihr nicht vielmehr schlimmer und für das Judenthum gefahrbringender, als die Reform? Orthodoxie und Reform standen sich gegenüber wie zwei Feinde, die nicht eher vom Kampfplätze weichen wollten, bis nicht der-eine Theil geblieben war. Wie stellt sich der Zionismus zur Orthodoxie? Ist er ein Feind der Orthodoxen?, das kann nicht sein. Sonst-, müßte er auf seinem Programm die Bekämpfung der' Orthodoxie als wichtigsten Theil seiner Thätigkeit verzeichnet haben; denn daß der Kampf mit der Orthodoxie kein Kinderspiel ist, das bestätigt der Zionismus . durch * sein bloßes Dasein, durch brr .Art und Weise seiner Entstehung aus der beschämenden Erkenntniß, daß die Reform durch die Vertreiburtg der Orthodoxie aus den westeuropäischen Ländern das Kind mit dein Bade ausgeschüttet, daß sich das orthodoxe Judenthum nachträglich doch äk» das Judenthum an sich, als das eigentliche, ewig wahre und unvergängliche Judenthum erwiesen hat. Also ist der Zionismus ein Freund der Orthodoxie? Ia, das i ft er. -1- und das ■ ge rade brandmarkt den Zionismus, das gerade läßt ih,^ uns als eine vom Standpunkt des orthodoxen Juden ihums zw verurthei l e n d e Bewegung erscheinen. Der Zionismus braucht die O r t Hotz o x i e. Er kann sie nicht entbehren,, weil sie ihm die besten Rekruten stellt, weil ^ich nur in.ihren Reihen' jüdische Männer und Frauen befinden, denen die Bc i geisternng für das Judenthum von -frühester- Kinübü! an emgcimpst worden ist, und diefür ihre-jüdisch- Ueberzeugung, für ihre jüdischen Ideale in den Tod zu gehen im Staude wären. Mit'neuerwachten Juden, - die während ihrer langen Schlafzeit mit der Kenntnis, der jüdischen Sit-te, des jüdischen Schriftthums uno der hebräischen Sprache, zugleich auch ihr jüdisches Ge fühl, ihre jüdische Anschauungsweise und die Wärme -der Begeisterung für die.jüdischen Ideale fast vollstän big eingebüßt haben, läßt sich begreiflicherweise nicht gut operiren und viel Staat machen. Sie follcp: ja ei ft Juden werden, zu Juden heranreifen . unter benr Sonnenstrahl, der - zionistischen Idee. Bis aber dieses . Ziel erreicht ist, damit hat's ja vorläufig noch eine.gute Weile., Denn von heute auf morgen wird man tei» Jude — nicht einmal Nationaljude. Woher soll also der Zionismus seine' treuesten Anhänger, den Kern! seiner. Truppen beziehen? Es bleibt ihm nichts aichercS! übrig, als unter denjenigen Juden für seine Idee. Pro paganda zu machen, die.auch, nachdem die GHMv! mauern gefallen sind, nicht aufgehört haben, jeden Tag- Thefillin zu legen, Schabbos und Jomim Tauwim zu holten, Köschersleisch zu essen, den Lulow zu schütteln, und die auch als emanzipirte Juden, durch strenge Be obachtMg aller Schulchan-Aruch-Borschriften das ' ' Band nicht zerrissen haben, das sie mit Gott, mit Zion und'Jeruscholajim, und mit ihrer großen Vergangenheis verknüpft. Ein solches Menschenmaterial läßt sich der Zionismus/ßern gefallen. Da braucht inan kein Band'neu zu kmipfen, denn es ist keines zerrissen. Man braucht keine Herzen zu erwärmen — sie sind, warm genug. Der Zionismus ist also ein- Freund der Orthodoxie, er muß es sein und er. will es sein, weil er nicht auf den Kopf gefallen ist.und recht wohl weiß, daß ihm aus eiller innigen Verbindung mit der Orthodoxie nur Vortheil erwachsen kann. 'Vielleicht darf bei Manchen ein geheimer Zug uneingestandener Sympathie konstatirt werden, in her. Regel sind-es politische.Klugheits- - rücksichten, durch die die maßgebenden Wortführer des