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Der Israelit · 1903-02-02 · Heft 9 (2.2.1903) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
44 (1903)
Issue
Heft 9 (2.2.1903)
Date
1903-02-02
Page
– (sequence 9)
Language
German
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4s.. Jahrgang V'', t\ rin Lin Wort zur!). Von Raphael Breuer. (Fortsetzung.) X, Gewiß,' wir hgben noch nicht alles, was wir wüstscheu, und waS uns das strenge Recht als unentreitzdares-, eignes Besitzthum zuepkannt. Aber sind wir' denn schon am Ende depLeiten? Hat die Weltgeschichte bereits ihren Abschluß gesunden? Sind die Menschen, ‘ snid die Fürsten und' Staatsmänner,^ ist das niedere. ^p!f bereits so klug und weise, so gerecht und vorurrdeilslos geworden, daß sie gar nicht mehr klüger und r.'riftr, gerechter und porurtheilsloser werden können? )st denn das, was. wir besitzen,und wäre es aüch nichts weiter, als die Anerkennung unsere; bürger-!iAen und. politischen Gleichberechtigung auf.dem P a - i-i-e r — schon alles, und ist es — g a r nichts? ■>* ist nicht alles, aber es ist etwas, etwas, was unsere- Etilersich.mit unsäglicher Anstrengung erkämpft haren — sie haben es erreicht nach vielen, vielen blutigen Kämpfen mit dem Haß und. dem Vorprtheil ihrer -dn'gner — sie haben es erreicht und sterbend es uns, tbren Enkeln, als theuerstes Erbstück hinterlasien.— urw nun kommen. die Enkel und werfen das mit Blut : nd Thränen erkämpfte Kleinod in den Kehrichtkasten! Man begreift diese Unzufriedenheit, diesen devoiukionären 'Drang, die Fesseln des Vorurtheils zu wrengen,' gar wohl,, wenn'man bedenkt, daß man. so vieles preisgegeben, so viel jüdische Sittlichkeit, jüdische /r3itte unb. Anschauungen, so viel jüdischen Edelmuth '. rcisgegeben, um den Zustand absoluter Freiheit, 'chrankenloseU Sichhinauslebens zu erhaschen. ' Es ist tuen nicht gelungen, und nun rasseln sie mit den weiten, die um Geist und Seele ihnen geschmiedet sind, und treten vor das Tribunal der Menschlichkeit, der Gebe und Gerechtigkeit und schreien nach Recht, und iawmern über die Nacht, in der Europa noch versunken sei. Aseinet nicht über das Unrecht,'das-euch geschieht, nicht über das Vorurtheil, mit dem man euch allenthalben begegnet — jammert nicht-über das in Nacht und Dunkel versunkene Europa — es ist nicht das größte und einzige Unrecht, das auf Erden geschah .und geschieht, nicht das einzige Vorurtheil, das sich in den Gemütherst so vieler „Kulturmenschen" festgenistet, schon größeres Unrecht ward gesühnt und gerichtet,— siht nach Spanien hinüber, es'ist heutede; Schatten seiner einstigen Größe, es war einst der Winkel, wo sich der dickste mittelalterliche Nebel zusammengehallt, daher tönten die entsetzlichsten Schreie-..hingemordeter Unschuld, hingemordeter, Juden-und sonstiger Ketzer über' die. schaudernden-Länder und Staaten, und sie schrieen alle nach Rache, und jamtnerten über den grausigen Frevel-, ' der da ward begangen an den unschuldigsten .Menschen,'weil-sie nicht glauben wollten an bas, woran ihre Peiniger geglaubt.— Seht überall hin, auf all' die Lärcher Europas, über die. sich einst' pechschwarze - Nacht gewgert, und die heute, wenn auch nicht umflossen , von Licht, dpch>einigen Strahlen der immer hoher und .höher aufsteigenden Sonne der Freiheit, der Gleichheit, --des Rechts und der Liebe den Zutritt eröffnet —• seht -nach Mähren, ivie es war vor kaum mehr als fünfzig Jahren: wie zur Zeit des egyptischen Pharao war es -den Leuten Untersagt, sich nach Belieben zu vermehren, das Heirathen ward zum Verbrechen - gestempelt, die fünf- bis sechstausend Familienstellen durften nicht vermehrt-werden: der schnödesten'Korruption und Demoralisation ward durch diese Maßregeln Thür Und' Thor geöffnet.— Mur im Ghetto durfte der Jude wohnen — die Städte Brünn und Olmütz Ware« ihm 'verschlossen. — Aber auch nicht auswandern durfte der -Jude, denn ein Abzugsgeld von 15 pCt. nebst dreijähriger Familiensteuer kam einem förmlichen Verbotdes Wegziehens gleich — aber auch.nicht aüssterben durfte der-Jude, denn die schärfsten Anordnungen worin vorhanden, die Familienstcllen vollzählig zu erhalten, damit die Steuer vollzählig erhalten werde. — Da der Jude eine besondere. Verzehrungssteuer zu zahlen hatte, so mußte der nicht im Lande Wohnende eine Entfernungssteuer von zwei Kronen täglich entrichten, und der Jude, der sich über das Gebot des Koscherfleischeffens hinaussetzte und beim Christen äß, verfiel einer Fiskalstrafe. Er durfte keinen Grund besitzen, er durfte keine christlichen Gesellen, Lehrlinge, Arbeiter, Dienstboten, nicht "einmal christliche Ammen halten, und die freien. Künste durfte et nur im Ghetto - äusüben. Und-besonderen Steuern.war er unterworfen, so- «daß z. B. Nikolsburg mit 620 Familien, an Judensteuern jährlich 14,000 fl. zahlen mußte, wofür die Gemeinde solidarisch hastete, so daß der Vermögende die . Taxe der Armen mitbezahlen mußte --- nicht /darüber weinet, daß ihr gefesselt seid — eure Ahnen waren's noch mehr — weinet, daß ihr eure Fesseln"und Ketten so viele Jahre nicht gefühlt - habt,'weinet, daß ihr dummer wart, als eure Väter, die niemdls vergessen wollten,, daß sie im Golus seien, aüch wenn die Swine zeitweilig noch so warm und hell auf sie hinunterschien/— „weinet über die T^uroh, die ihr verloren, vergessen und verkauft habt!" H, ' Wir orthodoxen Juden brauchen nicht mehr zu weinen. Das Goluß thüt uns weh, hat. uns immer lk! rftändigung 70386385

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