Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1903-01-29 · Heft 8 (29.1.1903) · page 18

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
44 (1903)
Issue
Heft 8 (29.1.1903)
Date
1903-01-29
Page
– (sequence 18)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2446951-2449890-2449899--57552-2520267
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

sie der Saal der Singakademie am Abend des 12. Januar faßte, so mutz es auch uns gestattet sein. Sie mit allem Nachdruck, den die Kraft der Wahrheit verleiht, auf das Irrige Ihrer Darstellung hinzuweisen. '! Wie? Der Gott des Alten Testaments soll ein Nationalgött sein, dessen ausschließliches Volk Israel ist? Aber ist es Ihnen noch nie aufgefallen, daß an der Spitzender Bibel der Bericht über die Schöpfung der Welt st e h t? Die Wahrheit Ihrer Anschauung vorausgesetzt, müßte dann die Bibel nicht mit Abraham, dem Stammvater des israelitischen Volkes, beginnen? Erscheint also der Gott der Bibel nicht auf ihren ersten Blättern schon als der' Einzige, dem Alles zugehört, weil Er Alles gebildet hat? Haben Sie denn ganz übersehen, daß sich schon in bettt großen Worte, mit welchem die Bibel die Erschaffung des Menschen begleitet, die alle Schranken der Nationalität durchbrechende Auffassung des bibl. Gottesbegriffes deutlich ausspricht? „Gott schuf den Menschen in seinem Ebenbilde!" Was will das anders sagen, als: Jeder Mensch, welchem Volke er auch angehören mag, ist Abbild des göttlichen Urbilds? Wem galt der Bund, den Gott mit Noah abschließt, und als dessen Sinnbild der Regenbogen erscheint? Galt er nicht allem Lebenden, das fortan von keiner allgemeinen Vernichtung mehr heimgesucht werden sollte? Und die ersten Gesetze, die Gott ertheilt, ergehen sie nicht an alle Menschen, predigen sie nicht Allen die Heiligkeit und Unverletzlichkeit des menschlichen Lebens? Und Abraham, dieser erste Jsraelite? Dieser Erbarmungsreiche, der für die Sünder betet, ruft er nicht ausdrücklich Gott als den „Richter der ganzen Erde" an? Und der Segen, den er'von Gott empfängt, bezieht er sich nicht auf alle Geschlechter der Erde? Sie kennen doch die göttlichen Gnadenworte, die Moses vernimmt: „Der Ewige, Gott ist barmherzig und gnädig, langmüthig und reich an Huld und Treue, er bewahrt Gnade den Tausenden, vergibt Schuld und Sünde, läßt aber nichts ungestraft" — wo ist hier eine Spur von nationaler Ausschließung? Ergießt sich dieser Strom der göttlichen Liebe und Gerechtigkeit nicht über -alle Gottesgeschöpfe? Nein, geehrter Herr Professor, die Bibel kennt keinen Nationalgott, der Gott der Bibel ist der Weltenschöpfer und der Vater aller Wesen. Wie die Bibel selbst, so widerhallen unsere Gebetbücher und die Schriften unserer Weisen von diesem durchaus universalen Gottesgedanken! Gewiß, wir nennen diesen „König der Welt" in demselben Athemzuge auch den „Ewigen, unseren Gott", und der Name „Gott Israels", der in den biblischen Schriften sich findet, wird mir vielleicht von Ihnen entgegengehalten! Vergebens! „Gott Israels" ist nichts anderes, als eine Umschreibung des Gedankens, daß Israel die Aufgabe übernommen hat, die reine/ schlaüenfreie Gottesidee durch die Zetten hin- 178 durchzutragen. /Israel ist das Versuchsfeld,". sagt ein moderner Historiker, „auf welchem die. Saat Gottes im Kleinen zur Reife gelangen soll, ehe Er sie ausstreut über die ganze Menschheit!" Die ganze Menschheit, das ist das große Ziel, i h r Heil der allerletzte Endzweck! ° Aus der Fülle des Materials habe ich Ihnen nur die schlagendsten Momente zur Widerlegung Ihrer Ansicht augeführt. Es wird Ihnen nun auch klar sein, wie wenig sttchhalüg Ihre Meinung von dem Partikularismus der biblischen Ethik ist. Ein klein wenigunbefangene Verttefung in die Bibel und das Mische Schriftthum — und Sie mußten Ihre Ansicht selbst rectifiziren.; Den antiken Völkern blieb der Fremde ein Barbar! Die Unfähigkeit der Fremden, auf würdigem Wege das Bürgerrecht zu erlangen, hat in Rom das Unwesen der Freigelassenen im Gefolge, gehabt. Israel ist das einzige Volk des Alterthums, welches den Zugang zu sich allen Menschen ohne Beschränkung geöffnet hat. In Israel gab es keine kleinliche Beschränkung des ' Nichtisraeliten, in Israel gab es keinerlei Lieblosigkeit dem Fremden gegenüber. Sollten Sie daran zweifeln, geehrter Herr Professor, daß in dem alttestamentlichen Wort „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst" (3. B. M. 19,18) unter dem „Nächsten" jeder Mensch ohne Unterschied zu der-, stehen sei, so achten Sie, bitte, auf das ausdrückliche Wort im 6. B. M., Capitel 10, Vers 19: „Liebet den Fremden, denn Fremde wart ihr im Lande Aegypten." Ist eine universalistischere Ethik denkbar, Herr Professor? Ist es etwa Particularismus, wenn Jesaia den Tempel zum „Vethause für alle Völker" bestimmt, wenn Salomo in seinem herrlichen Tempelweihgebet ausdrücklich auch den Fremden erwähnt, dessen Gebet Gott gleichfalls erhören möge? Ist es, Partikularismus, wenn alle Armenvergünstigungen, wenn die Wohlthat der Zufluchtsstädte auch dem Fremden zugesprochen werden? Ja, welch' edle Toleranz spricht sich allein darin aus, daß der Tempel in Jerusalem Allen offen stand, daß es auch den Fremden gestattet war, Opfer darzubringen! Ich bin darauf gefaßt, daß Sie mir andere Stellen anführen, in denen wohl eine. Abschließung und Absonderung von Fremden sich aussprach. Bei näherem Zusehen aber wird Ihnen einleüchten, daß von dieser Abschließung stets nur dann die Rede ist, wenn — auch nur ganz entfernt — Gefahr im Verzüge war für die höchsten Güter Israels, in deren Unversehrtheit die einzige Bedingung für den Fortbestand Israels lug, für seine Sittlichkeit und für seinen Monotheismus! " „Seinen Monotheismus!" Was sage ich da? Sie selbst sind es ja gerade, der uns das Recht streitig machen will, von unserem Monotheismus zu reden! Und da fällt mir auf, daß ich mit meinen flüchtigen

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.