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Der Israelit · 1903-01-29 · Heft 8 (29.1.1903) · page 17

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Journal
Der Israelit
Volume
44 (1903)
Issue
Heft 8 (29.1.1903)
Date
1903-01-29
Page
– (sequence 17)
Language
German
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44. Jahrgang. JJpdfe DeiksM M -jß 8 dss -HsMMt.": Lin vorläufiges Wort an j)rof. Delitzsch, VSS VÄÄ. Dr. ASermamr, SnwdnLstz I. d. Sase». Auf der destruktiven Bahn, die zu einer neuen, umwAzenden Anschauung über die Originalität der Bibel und der aMestamentlichen Ideen führen soll, rhun Sie mit Ihrem in der vorigen Woche gehaltenen Vortrage einen ungeheuren Schritt vorwärts. Sie erweitern die Thesen Ihres vorjährigen Vortrages um eia Bedeutaldes. Damals waren es einzelne Berichte, Anschauungen, Institutionen des Alten Testaments, wie der Schöpfungs- und Sintfluthbericht, der Sabbat, der Monotheismus, deren Ursprünglichkeit Sie auf Grund babylonisch-assyrischer Inschriften in Frage stellten. Jetzt krönen Sie Ihr Werk durch die Behauptung, daß auch die Zehn Gebote und die ethischen Vorschriften des Alten Testamentes von altbabylonischen Überlieferungen abhängig seien. Mit anerlennenswerther Kühnheit rütteln Sie an einem jahrtausendalten Bau, dessen Grundfesten tief eingesenkt sind in die Herzen und Geister von Millionen Menschen. Sie meinen, diesen Vau zu stürzen auf Grund einer Anschauung, die an Subjektivität ihres Gleichen sucht. Es wäre vielleicht klug, ehe wir als Juden zu Ihrem Beginnen Stellung nehmen, abzuwarten, bis Ihr Vortrag gedruckt sein wird. In den flüchtigen Zeitungsberichten, die bis jetzt vorliegen, können leicht Mißverständnisse und Ungenauigkeiten mit unterlaufen sein, und eine Erwiderung, die fich auf diese Berichte gründet, kann leicht ein Schlag in's Wasser werden. Gleichviel! Nostra res agitnr! Es drängt uns, zu reden! In dem Einen stimmen alle Zeitungsberichte überein, daß das subjektive Element in diesem Ihren zweiten Vortrag in einer ganz auffallenden Weise zur Erscheinung kommt und mich will es bedünken, daß diese Thatsache als unmittelbare Folge der mannigfachen Angriffe erklärt werden muß, welche die Behauptungen Ihres ersten Vortrages erfahren haben. Es ist offenbar: Sie vertheidigen Ihren Standpunkt, Sie wehren fich Ihrer Haut. Was liegt da näher, als daß Sie diejenigen Momente, die Ihren Thesen eine Stütze sein können, zu vermehren, und, wenn möglich, zu — vertiefen suchen? Ms jetzt ruhten Ihre Ansichten von der mangelhaften Originalität des Alten Testaments aus durchaus realem Grunde, auf ausgegrabenen Säulen und Tafeln mit verwitterten Inschriften, deren Entzifferung in dielen Fällen strittig ist; gelang es Ihnen, Ihre Ansichten auch i n n e r,l i ch zu begründen, gelang es Ihnen, eine i d e e l l e Notwendigkeit in dem Abhängigkeitsverhältniß der alttestamentlichen Gesetze nachzuweisen, so glaubten, Sie Ihren Angriffswaffen eine doppelte Schärfe ge- .aeben zu haben. So trat in diesem Ihrem zweiten Vortrage zu dem objektiven Element der einfachen Vergleichung das subjektive Element der K r i t i k hinzu. Sie reichen Ihrem College«, Pros. Harnack, die Hand. Wie e r seinem Gemälde von der Lehre deS Nazareners durch geflissentliche Schwarzmalung des jüdisch-zeitgeschichtlichen Hintergrundes erhöhten Glanz zu finden sucht, so glauben auch Sie, die entzifferte altbabylonische Ethik durch kritische Herabwürdigung der alttestamentlichen Ethik zu heben und dadurch daS Ganze Ihres Hypothesengebäudes wesentlich zu stützen. Man hatte Ihnen nachgewiesen, daß trotz einiger Aehnlichkeiten, die der biblische Schöpfungsbericht mit dem babylonischen aufweist, dennoch der biblische Bericht vcn einem durchaus originalen, auf erhabenster sittlicher Höhe sich bewegenden Geiste erfüllt ist, daß ebenso das Wesen des biblischm Sabbat ein ganz anderes, tiefinnigeres ist, als das des „dies ater“, den die babylonische Inschrift anführt. Sie re-, vanchiren sich, indem Sie den Geist der babylonischen Ethik über den der biblischen zu stellen suchen, allerdings, der biblischen Ethik, die Sie selbst aus den alttestamentlichen Schriften zu erkennen glauben, und die mit der wirklichen biblischen Ethik vielfach nichts gemein hat. Zugegeben, daß Ihre Entzifferung der babylonischen Inschriften über allem Zweifel erhaben ist, zugegeben selbst, daß sich in diesen Inschriften Moralgefetze finden, die auf den ersten Blick — und hier entscheidet doch weder der Historiker allein, noch der Philologe — die biblischen Moralgefetze zu übertreffen scheinen: Aber mußten Sie nicht in Ihrer Zeichnung der alttestamentlichen, Ethik Alles vermeiden, was nicht unangreifbar war u. über allem Zweifel erhaben? An e i ne m Beispiel möchte ich Ihnen vorläufig zeigen, wie einseitig und ungenau Ihre Darstellung in diesem Punkte ist. Sie kommen unter Anderem auch auf den alttesiamentlichenGottesbegriff zu sprechen und kritisiren ihn von Ihrem Standpunkt aus als einen partikularistischen, nationalen Gottesbegriff, aus dem dann wohl der particularistische, von engherziger Ausschließlichkeit erfüllte Charakter der jüdischen Ethik geflossen sei. (So. wenigstens lese ich in einem der Zeitungsberichte.) Es ist nichts Neues, was Sie damit behaupten. Tausendmal bereits hat man diesen Vorwurf erhoben, tausendmal ihn zurückgewiefen. Da Sie ihn gleichwohl auf's Neue erheben, noch dazu in einer so positiv polemischen Form und vor einer so erlesenen Zuhörerschaft, wie

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