Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 44 (1903)
- Issue
- Heft 8 (29.1.1903)
- Date
- 1903-01-29
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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m wacht, ganz simple Juden, wie es eure Väter waren, dann hätten wirin eurem langen, langen Schlafe den . Schlaf eines erschöpften Kranken gesehen, und in eurem Erwachen die Wiederkehr der alten Lebenssäfte. . Da versammelt ihr euch von Zeit zu Zeit in einer gastfreundlichen Stadt der Schweiz oder des britischen Reiches, um über eure Angelegenheiten zu berathen und die Aufmerksamkeit der „Welt" auf euer Thun und Treiben' zu lenken. Von allen Enden der Welt strömt ihr zusammen, in Kaftan und Streimel der eine, in modernem Anzug der andere, und was das Judenthum an Lebenssaft noch besitzt, das glaubt ihr auf euren Kongressen vereinigt zu haben. Ihr, die ihr bis vor Kurzem das Judenthum verleugnet habt, wollet es jetzt vor den Augen der Welt vertreten. Judenthum ist Zionismus/ Das ist eure Ueberzeugung. Und wenn es Jemandem einfällt, euch nach der Berechtigung eines solchen Auftretens zu fragen, flugs seid ihr mit der Verketzerung bei der Hand, ihr werfet ihn in die Söldnerschaar der Protzjuden, oder erlaubt euch, seine Zugehörigkeit zum Judenthum, zum eigentlichen National-; judenthum in Frage zu stellen. Ja, wenn ihr nichts anderes wolltet, als bedrückten Brüdern helfen, ihnen das Leben ein wenig leichter und angenehmer Machen — wo wäre der Jude, der sich an diesem Hilfswerk nicht betheiligte, der nicht freudig herbeieilte, wenn sich Gelegenheit bietet, das Elend des rumänischen. Juden, die Bedrückungen der russischen . Juden mildern zu helfen: Habt ihr's schon vergessen, was das Gotteswort sagt: „Wenn unter dir sein wird ein Dürftiger, einer deiner Brüder in einem deiner' Thore in deinem Lände, das Haschem, dein Gott, dir gibt: so verhärte nicht dein Herz und verschließe, nicht deine Hand vor deinem Bruder, dem Dürftigen. Vielmehr öffnen, öffnen sollst du ihm deine Hand und ihm borgen, so viel der ' Mangel fordert, der ihm mangeln wird. Hüte dich deinetwillen wohl, daß nicht das Wort deinem gottlosen Herzen zur Hand sei zu sprechen: „nahe gerückt ist das siebte Jahr, das Jahr / . der Entlassung," und dann bös blicke dein Auge auf deinen. Bruder, den Dürftigen, und du ihm nichts gebest. Er wird über dich schreien zu Haschem, und an dir ist Sünde. „Vielmehr schenken, schenken sollst du ihm, und nicht mißgestimmt sei dein Herz, wenn du ihm schenkst, denn eben deßhalb segnet dich Haschem, dein Gott, in all deinem Werk und in Allem, ' was deiner Hand zu Gebote steht. Denn nicht aufhören wird Dürftiger auf der Erde, darum verpflichte ich dich und spreche: „Oeffne, öffne deine Hand deinem Bruder, deinen Armen und deinen Dürftigen in deinem Lande." Uns wollet.ih^WoMhätigkeiL.LLen lehren? Uns ist Wohlthätigwir^Mm von Gott gebotenes Gesetz. Wirwaren^ bevor i h r es wäret, und'wir werden wohlthäiig sein, wenn der zionistische RuMmel längst in sein Nichts zurückvrrsunken sein wird. Aber nein! Nicht WohlthaWeit, nicht Zedokoh — ihr saget es ja selber, daß ihr keine Bettelpfennige veriheilen, daß ihr von Grund auf ein neues Gebäude aufführen wollet/ um den Unzuftiedenen — dm leiblich und geistig Unzufriedmm — eine Heimstätte zu schaffen, wo sie Ersatz finden sollen für all die Leidm und Entbehrungen, die ihnen das europäische Goluß auferlegt. Den leiblich und geistig Unzuftiedenm! Wer nichts zu essen hat, mit dem habe ich Mitleid. Ich gebe ihm ein Stück Brod, ich fiedle ihn an in einem fremden Lande,? wo viel unbebautes Land vorhanden ist. Das ist ein Akt der Wohlthätigkeit, gegen den fich nichts einwenden läßt. Aber geistig Unzufriedenen auszuhelfen? Da ist ein wissenschaftlich gebildeter Mensch, er hat jahrelang mit Fleiß und Ausdauer sich in eine Wissenschaft versenkt, hat Nächte durchwacht, auf daß es ihm gelingen möge, seine Wissenschaft zu fordern und'sich um sie verdient zu machen — endlich glaubt er berechtigt zu sein, auf Anstellung als Lehrer seiner Wissenschaft an einer Universität seines Vaterlandes zu hoffen, da wird ihm bedeutet, daß er sich als Jude derartige Gedanken aus dem Köpft schlagen muß. Er hat me daran gedacht, daß er Jude sei, er hat es beinahe vergessen, daß er jenem Volksstamme angehort, der sich durch seinen beispiellosen Leidensgang durch die Zeiten- und Völkerwüste von anderen Stämmen so wunderbar ausgezeichnet — da wird er nun bei so unpassender Gelegenheit vom Staate daran erinnert. ~ ■- Gewiß, man muß auch mit einem solchen Unzufriedenen Mitleid haben, wie man jeden Menschen, der etwas nicht erreicht, was er für sein Leben gern erreichen möchte, nur aus tiefstem Herzm bedauern kann. Und gar noch in einem solchen Falle, wo ein Mitmensch auf einen nie geahnten Fehler seiner Persönlichkeit, der noch dazu ewig unverbesserlich ist, auftrerksam gemacht wird, da muß ja das Mitleid alle Herzen überschreiten. Denkt euch einmal, es lebt einer jahrelang im naiven Glauben, daß ihn die Natur mit einer schönen Statur ausgezeichnet habe, er rühmt sich in einer Gesellschaft seiner körperlichen Vorzüge und" wird von einem enlant tM-riWe angerufen: Mein Herr, Sie haben ja einen mächtigen Höcker — und er sicht . sich über die Schulter und bemerkt zu seinem Schrecken, daß er wirklich einen hat. Aber ist denn das und jeder andere Schimpf nicht schon dagewesen? Wann und wo waren wir Juden auf Rosen gebettet? Eine solche. Zeit und ein solcher Ort gab und gibt es nicht. Seien wir doch froh mit dem, was wir bereits besitzen, und was uns keiner mehr entreißen wird, entreißen kann. Müssen wir Scheiterhauftn besteigen, um den Namen Gottes zu heiligen? Wo wäre heute der Jude, die Jüdin, die freudig sich hinschlachten ließe, um auch nicht den leisesten Verstoß gegen die Fundamentalgefttze des traditionellen Judenthums auf ihr Gewissen zu laden, wo*’; wäre der Jude, wo wäre die Jüdin, die mit verklärten^ J i I J