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Der Israelit · 1903-01-26 · Heft 7 (26.1.1903) · page 19

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Journal
Der Israelit
Volume
44 (1903)
Issue
Heft 7 (26.1.1903)
Date
1903-01-26
Page
– (sequence 19)
Language
German
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zerschlagen, nur halb noch lebend. Die Engländerinnen Mitten sich eine Menge wichtiger Dinge unter dem Siegel der Verschwiegenheit anzuvertrauen. Sie' blieben auf einem Fußsteige stehen. Was aber das Schlimmste war. Miß Jenny raunte ihrer Schülerin in's Ohr: „Führen.Sie ihn fort von uns'- Sie gingen also . allein zusammen und schwiegen. Sie pflückten verwirrt ein Blümlein aus dem Laube, und auf die Blatter fielen, ungesehen in der Dämmerung, wie der Mendthau, ihre Thränen. Er schaute sie an und weinte, nach Männerart, nur innerlich in der eigenen Seele. Die Thränen dort sielen auf ihn herab wie' glühende Funken und versengten ihm die Brust. Plötzlich blieb Tilda stehen, erhob kühn das Haupt, und, als besiege sie sich selbst, preßte sie die Hand auf die Brust und schaute ihn mit einem unvergeßlichen Blicke an, als schwöre sie ihm mit den Augen ewige Treue. „Bald," sprach sie, „müssen wir scheiden! Du weißt, welch' ein Loos meiner harrt. Lieb wird mir stets die Erinnerung an unsere gemeinsamen Abendspaziergänge sein. Aber Du, wirst auch Du ihrer, und — meiner noch gedenken?" Zum ersten Male sprach sie zu ihm mit dieser von Thränen halberstickter Stimme, mit dieser Zärtlichkeit, so ausdrucksvoll von sich und ihnen Beiden, so ganz von Herzen. Janus erbleichte. Ihm war, als ob er wahnsinnig werde. Das Herz schlug ihm so, daß er die zitternde Hand auf die Brust preßte. „O, Dich, Tilda! Dieses stumme Glück, welches ich hier mit Dir durchlebte, vergesse ich nimmermehr bis an den Tod, bis über dos. Grab hinaus! Ich schwöre Dir*s, ich werde niemals einer Andern mich verloben, eine Andere lieben, denn ich habe Dich so heiß geliebt, wie man einmal nur im Leben lieben 4ann! Ich habe nie davon gesprochen. Wozu auch? Denn Du wußtest es auch ohnedem!" „So ist es! Ich glaubte und ich glaube noch an Dich," erwiederte sie. „Aber das Leben ist lang und das Gedächtniß treulos! O, gedenke mein! Für Euch Männer, schrieb Jemand, ist die Liebe nur ein Zeitvertreib — für uns ein ganzes Leben. Ich liebte nur Dich und werde Dich lieben ewiglich!" Ein leises Schluchzen erstickte ihre Stimme. „O, nicht für mich, für mich wäre solche Liebe nicht Tändelei," rief Janus. „Für mich Ware sie der feierlichste Augenblick des Lebens, diese Vermählung unserer Seelen in Ewigkeit!" „Ich glaube Dir!" erwiederte sie. „Und deßhalb liebe ich Dich, weil ich Dir glauben kann. Warum? ich weiß es nicht. Ich fühle, daß Du rein bist, und redlich und brav. Weißt Du schon von meinem Loose? Sie werden mich diesem Menschen geben, den ich nicht Rebe, gegen den ich eine unbezwingliche Abneigung fühle. Aber ich werde nicht lange leben, ich werde langsam dahinsterben. O, dann gedenke mein! Erbaue mir ein Grab in Deiner Seele! Niemand mehr wird, dann sich meiner erinnern. Dex Gatte wird mich prach- ■ tig bestatten, der Vater wird mir ein Denkmal setzen. '. Dann aber wächst Rasen über das Grab und daS Gedachtniß schwindet dahin. So ist es . mit dem Men- - schenlüen!" Die Aermsie seufzte ties aufi Die Engländerinnen waren so eifrig in ihre Unterhaltung vertieft, Jenny hatte so bestimmt ihnen ge-, rathen, weiter zu gehen, daß sie dieses erste und letzte Bekenntniß verlängern konnten und mußten. „Heute," sprach Tilda, „als ich Dich so traurig sah, beschloß ich, diese wenigen'Worte, ich weiß nicht des Trostes oder des Kummers, zum Abschiede an Dich zu richten. Wer weiß, vielleicht begegnen wir uns nie-' mals wieder so allein! Du aber wich es wissen, wirst es glauben, und wirst es nicht vergessen, daß ich Dich, liebte und Dich lieben werde bis in den Tod!" c „Tilda!" rief plötzlich, wie sich auflehnend wider das Schicksal, der junge Mann. „Wenn Du an.mich glaubst, wenn Du meinem Herzen und meinem Glücke vertraust, verlaß das Haus Deines Vaters! Hier sind zwei Hände zum Broderwerb! Der Vater wird verzeihen. Du wirst mein, wir werden uns gehören!" „O, nein," antwortete sie nach kurzem Nachdenku. „Höre mich an. Ich liebe, wie ein Kind, aber ich bin alt und zermartert. Ich glaube an keine Zukunft mehr». Für mich gibt es keine Zukunft! Ich würde Dir einen Augenblick voll Glückes bringen, aber viele und lange Mühfalen, Noch und Kummer. Es ziemt sich nicht für Dich, undankbar und verracherisch zu handeln gegen meinen Vater, dem Du Alles verdankst, der Dir eine Zuflucht bot. Es ziemt sich nicht, sogar um Dich zu retten, und uns Beide. Wer weiß," fuhr sie langsam fort, „ob Du in mir, in diesem verblühten Wesen, das finden würdest,, was Du darin erwartetest. Schon in der Wiege ward ich vergiftet. Du heiltest mich, aber die Wirkung des Giftes wird wiederkehren, der Unglaube wieder wachsen. Sogar wenn ich Thränen km Auge habe, höre ich Satans-Gelächter! Neid! Nein! Hundertmal nein! Wirst Du die Todte lieben können? Wer weiß, ob Du die Lebende noch lange lieben würdest!" Und mit einem Wnke der Hand ihn verabschiedend. schritt sie plötzlich davon, als fürchte sie, wenn sie länger bleibe, in Versuchung geführt und überredet zu werden. Aber mrr einen Moment, dann kehrte sie, mit Ueberlegung ausgerüstet, zurück. Janus stand noch an derselben Stelle. „Me gefällt Dir mein Verlobter?" fragte sie ihn. -Ich hasse ihn!" . „Nur deßhalb, weil er mein Verlobter ist?" „Nein! . Diesen Eindruck machte er. auf mich vom ersten Anbllck!" -. „Wich»?" fragte sie.

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