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Der Israelit · 1903-01-26 · Heft 7 (26.1.1903) · page 18

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
44 (1903)
Issue
Heft 7 (26.1.1903)
Date
1903-01-26
Page
– (sequence 18)
Language
German
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158 : seines Lebensfrühlings — seiner ersten Liebe. Stellen Sie sich jenes sehnsüchtige Wesen vor, welches man auf der Erde hinkriechen ließ, 7 und welches dennoch zum Himmel sich emporschwingen wollte, mit ausgebreiteten Mügeln, schüchtern, verzagt, wonnig zugleich und schmerzlich. Tilda, nachdem sie schon am Leben verzweifelt, sah vor sich dessen aufsteigenden Morgenstern. Es gebührt sich sogar, auszusprechen, daß diese Liebe kindlich, engelrein und wunderbar ätherisch war. Der Jüngling verehrte sie wie eine Gottheit; sie sah in ihm den Boten, der ihr aus überirdischen Landen berichtete. So ist auch das Ende der Erzählung: nichts als ein stilles, unausgesprochenes, in sich verschlossenes Gefühl. So, wenn sie das Gärtchen durchschritten, genügten ihnen zwei Worte, um lange glücklich zu sein.. Ost sahen sie sich des Tages nur einmal von Weitem, und doch schöpften sie mit einem Blicke neue Lebenskräfte. Niemals sogar hat das Wort Liebe ihre Lippen bewegt. Denn es war nicht jugendliche Leidenschaft, sondern nur ein geschwisterliches Gefühl, so instinktiv, nicht vom Kopfe erträumt, sondern hervorgerufen durch das Bedürfniß gleichschlagender Herzen. So hatten sie Augenblicke des Schweigens, so paradiesisch schön, wie. die beredteste Dichtung; Gespräche mit halben Worten, für jeden Andern unverständlich; Jahrhunderte voll Glück in einem Lächeln, und die theuersten Andenken in einem hingeworfenen Blümchen, — alles, was das spätere Alter Kinderei nennt, was ein vertrocknetes Herz verläugnet, und was der abgestorbene Verstand verspottet. Diese Liebe verlief ungesehen für die Welt und blieb ihr das vollkommenste Geheimniß. Weder der Vater, noch die argwöhnische Gouvernante vermutheten sie auch nur. Der Vater fand sogar manchmal die Tochter allzu schüchtern und kalt gegen den den Zögling des Hauses. Und Miß Jenny lachte laut aus über die Plumpheit des Burschen, wenn er zitternd dem Cousinchen sich näherte. War es Mangel an Theorie, oder an Praxis — ich weiß es nicht — er tröstete sie damit, daß Janus in ihrer Gesellschaft ungleich lebhafter und kühner war. So verlief dieses Herzensdrama ohne Zukunft und Hoffnung für sie beide, wie ein Traum an den Pforten des Paradieses. Eines Morgens — ich irre mich — vielmehr eines Nachmittags bedeutete der Vater seiner Tochter ziemlich gleichgiiltig, sie möge sich sorgfältiger anziehen, da er an diesem Tage Tischgäste erwarte. Kurz vor der Mahlzeit, welche, wie immer, sehr luxuriös war, erschien im Salon ein junger Mann; sehr elegant, offenbar sehr gut erzogen, wußte er sich vorzüglich in die Gesellschaft zu schicken. Der Vater stellte ihn der Tochter vor als Herrn Heinrich Segel. — Es gibt Ahnungen. — Dieser Antinous mit seinen schwarzen, glühenden Augen, seinem süßen Lächeln auf den rosigen Lippen, so angenehm, so witzig, so selbstbewußt, so entgegenkommend und höflich er auch sein mochte, -flößte Tilda Schrecken ein. Es gibt einen unerklärlich«! Widerwillen — sei er nun physiologisch, oder psychologisch. Sie empfand vor chm, gleichsam instinkttv, einen absonderlichen, gewaltigen Abscheu, obschon sie chm nichts vorwerfen konnte. Er war daS Ideal eins jungen Kavaliers. Es zeigte sich sogar, daß er Musik liebte und wohl erstand. Man flüsterte sich zu, er besitze ein ungeheures Vermögen. Drei Tage darauf verkündete der Vater, ohne irgend eine Frage oder Vorbereitung, ohne auch nur nach ihrer Meinung zu forschen, seiner Tochter, daß Herr Heinrich Segel ihr — Verlobter sei. Er beglückwünschte sie nur, daß sie diesem so sehr gefallen habe, und sagte ihr scherzend, er sei rasend in sie verliebt, aber mit einem Tone, daß die Aermste auch nicht den mindesten Einwand machen konnte. Die Sache war eben hiermit enffchieden, abgemacht ünd beendet. Der Verlobte war in der Thal ein anständiger junger Mann, daß jeder Widerstand ihrerseits als eine unverzeihliche Laune erschienen wäre. Man befahl ihr geradezu, dies für ein Gluck anzusehen. Sie antwortete daher kein Wort. Sie erbleichte nur und schwieg. Glückwünsche hagelten von allen Seiten auf sie herab. Tilda litt entsetzlich. Ihr Widerwille war unbesiegbar. Ein schmerzlicher Blick sagte Jakob ...." „Ah! Verzeihen Sie! Das war wohl ein Jrrthum," unterbrach ihn Jwas. „Der junge Mann hieß ja wohl — Janus?" Jakob wurde bald roth, bald blaß. Der Faden der Erzählung verwirrte sich und zerriß. Der Erzähler ergriff ein Glas, hob es zum Munde, setzte es wieder ab, rieb sich die Stirne und wußte nicht mehr, was er sagen sollte. 7. . „So ist Ls! Ja, so ist es!" stotterte er endlich. „Ich irrte mich, Ihr Blick sagte ihm... Aber ich wetz wahrhaftig nicht mehr, was ich schwatze! Ah so! Entschuldigen Sie! Ich kehre zur Sache zurück und werde sie schnell beenden!" - „Beeilen Sie sich nicht!" flüsterte die Italienerin ihm zu. „Ein Abend war's, ein lauer LenzesaLend," begann der Jude wieder. „Der Flieder war schon im Verblühen und erfüllte mit dem Rest von Dust, die Lüfte. Auf den Blättern perlten Tröpfchen Frühlings-' . thaües. Sie betrat mit Mß Jenny die Promenade. Auf einer Bank saß Janus mit einem Buche, ohne darin zu lesen. Die Engländerin bemerkte ihn und wußte es so einzurichten, daß Beide auf ihn zuschritten. Zum Glück oder zum Unglück kam ihre Freundin, Mß Fanny, in diesem Augenblicke ihnen entgegen. Der Zufall fligte es, daß Tilda ein Weilchen allein zurückblieb mit dem armen Burschen, der unaussprechlich beglückt war, und zugleich erschreckt über diese unverhoffte Begegnung. Sie gingen nebeneinander, zitternd, wie

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