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Der Israelit · 1903-01-26 · Heft 7 (26.1.1903) · page 20

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
44 (1903)
Issue
Heft 7 (26.1.1903)
Date
1903-01-26
Page
– (sequence 20)
Language
German
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„Ich weiß es nicht. Er ist mir zuwider, obgleich ich ihm nichts vorzuwerfen habe. Was fehlt ihm auch nach dem Programm der heutigen Zeit? Er versteht Alles; er ist ein gefetzter, reicher, anständiger, junger Mann von tadellosem Rufe. Er ist sogar liebenswürdig, aber mir unausstehlich!" „Ah! Ich furchte sogar,", entgegnete Tilda, „er ist gar kein Mensch.' Ti D ein Wesen, in dem kein Herz schlägt! Ein Automat, von der Hand des neunzehnten Jahrhunderts meisterhaft verfertigt, der unfehlbar Alles kann, was nöthig ist, nur nicht zu weinen, Schmerz zu empfinden, zu klagen, oder fremde Schwächen und Leiden zu verstehen vermag. Er gibt reichlich Almosen, wo er das Vevürfniß hat und seine. Verpflichtung das anerkennt, aus Stolz oder Berechnung. Aber er umarmt nicht und liebt nicht den Armen; er weint nicht mit dem Unglücklichen und erbarmt sich nicht des Gefallenen! Unser eisernes Zeitalter macht seine Menschen aus Eisen. Sie sind schneidig, wie Eisen, aber das Blut in ihnen besteht nur aus Rostflecken!" . „Vielleicht bist Du zu streng, aber .... auch in mir erweckt er solch ein Vorgefühl!" fügte der junge Mann hinzu. „Jndeß die Liebe und — das Weib thun oft Wunder!" „An Herzen und an Menschen, nicht an Automaten!" erwiederte Tilda. ^Kalt überläuft es mich, wenn ich ihn anblicke. Es ist etwas Verletzendes, in ihm, in diesem süßen Lächeln, in dieser ewigen Ruhe und Heiterkeit, die nicht natürlich sein können: Er vermag weder zu grollen, noch zu zürnen, noch zu erstaunen. Er ist immer derselbe, immer und ewig todt! Einmal nur sah ich ihn entrüstet und leidenschaftlich. Es handelte sich darum, daß er sich irren könnte. Er, der Unfehlbare! Schon diese Voraussetzung war ein Verbrechen! Habe Mitleid mit mir! Mitleid!" fügte sie hinzu, und indem sie unvermerkt die Hand nach dem jungen Manne ausstreckte, schob sie ihm einen' Ring in die Hand, den sie vom Finger gezogen. „Ich kaufte ihn ausdrücklich für Dich!" sprach sie: „Bewahre ihn als ein Andenken an das arme Wesen, welches Dich liebte! Schwarz ist er, ewig in Trauer; absichtlich, wie diese unsere schweigende Grabesliebe, welcher von heute ab nicht einmal den Mund zu öffnen erlaubt ist!" Und ohne sich mehr nach ihm umzuwenden, schritt sie langsam nach Hause, gefolgt von den beiden Engländerinnen. In ihrem Leben war dieser lichte Augenblick für Beide der erste und der letzte. Sie sahen sich auch nachher noch, aber wie einander Fremde, sich wie vordem begrüßend und verabschiedend mit einem Blicke und einander mehr meidend, als suchend. Ihr Leben verlangte nichts weiter, als still und verborgen fortdauern zu können. Tilda wurde immer trauriger, immer bleicheri 1 Dann empfing sie aus der Hand des Vaters den Brau« tigam. Und damit war Alles zu Ende. '; Bald daraus wurde die Hochzeit gefeiert. Sie', war ungewöhnlich geräuschvoll, unerhört prächtig.. Das Opfer schritt mit Brillanten, Atlas und Spitzen geschmückt, in das Märtyrium. Der Hochzeitsschmaüs ' kostete Tausende. Der Vater strahlte vor Lächeln, daß er die Tochter so vorzüglich untergebracht. . Alle wußten, daß er ihr eine Million zur Mitgift gab, daß eine zweite ihr versprochen, daß der Bräutigam davon - mehrere besaß, und eine glänzende, materielle Zukunft vor sich hatte. Alle Eltern und Altersgenossinnen beneideten sie. Solch ein Mann erschien ihnen als Ideal.. Dies wäre das schlichte Ende einer überaus gewöhnlichen Geschichte. . Ein paar Jahre später, also nicht lange darauf, - trafen Sie, meine Herrschaften, diesen großen Herrn nebst Gemahlin auf Aqua Sola. Er,, wie immer» glücklich und zufrieden, — sie, hüstelnd und bleich. Er, sich ein wenig langweilend, ohne zu wissen, was morgen und übermorgen an der Börse in Paris und London geschieht — sie, gehorsam ihm zum Zeitvertreib mit. dem Rest ihrer Stimme ein Trauerlied von Mendelssohn vorsingend. War dies einer Erzählung Werth? Gibt es etwas Gewöhnlicheres, als diese alltägliche, abgedroschene und kindische Geschichte? „Run, und jener Janus?" fragte die Italienerin..' . „Janus trägt auf der Brust den Ring seiner - Ersten und Einzigen und lebt mannhaft, aber traurig. In einer einzigen Stunde erschöpft er bis auf die Neige, die ganze Liebe, welche ihm zum Leben dienen sollte. Was wollen Sie mehr? Heut ist er nur noch die Schale eines Menschen!" ' * ’ „Traurig ist dies über die Maßen!" sprach die Italienerin. „Ich . muß bekennen, ich erwartete mehr, etwas anderes, dramatischeres. Das Opfer erregt in mir ein unbegrenztes Mitgefühl. Was den Mann be« trifft, so bin ich um ihn unbesorgt — biefe_ klare Schale wird sich zu trösten wissen!" .. „Dies bezweifle ich," erwiederte Jakob. „Nur Diejenigen trösten sich, die getröstet sein wollen. Ihm ist wohl mit diesem Grabe in der Brust!" - „Wahr ist es," bemerkte die Colomi, „diese Geschichte hat etwas so einfach Elegisches, als sei sie nicht aus unserer Zeit!" Jakob erhob sich vom Sitze. Die Stunde war spät geworden. Alle Gäste begannen sich gleichfalls in Bewegung zu setzen. Der Russe, welcher den ganzen Abend kein Wort gesprochen, blieb allein zurück, ohne auch nur anzudeuten, daß auch er sich zu entfernen habe. .; .. . : ' Xi• (Fortsetzung folgt.) : X; BerantwortltLe Redaktion: QScac Letz mann in Mainz — ©soebttion be3 JJfSraeUi“, Schottkraße Nr. L Mainz» Druck und Verlas der Joh. Wirttz'lSen HoibuLdruLerei AetiengesellsLaft ln Mainz. i i \ -i I i

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