Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 44 (1903)
- Issue
- Heft 7 (26.1.1903)
- Date
- 1903-01-26
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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150 schon mehr als genug schreiben. Die Resultate des wissenschaftlichen Antisemitismus zu bekämpfen, halte ich zwar im Gegensatz zu einer vor kurzem in diesen Blattern geäußerten Meinung für nothwendig. Nicht etwa, um die gelehrten Entdecker dieser unabsichtlichen oder absichtlichen Fälschungen zu überzeugen — der Liebe Mühe wäre umsonst — sondern um unsere eigenen Religionsgenossen, die zum Theil jene „wissenschaftlichen" Resultate als Offenbarungen betrachten, zum Bewußtsein zu bringen, daß es sich dabei um haltlose Hypothesen handelt. Dem politischen Antisemitismus aber ist nur soviel Raum zu gönnen, als unumgänglich nothwendig ist. Denn eine Einwirkung auf die Behörden, die jenem Treiben, wenn sie wollten, einen Damm entgegensetzen könnten, werden wir uns doch davon wohl nicht versprechen; die Antisemiten selbst werden wir gewiß nicht bekehren; und unsere eigenen Leute werden wohl schon wissen,.was sie von den gewerbsmäßigen Vertretern des Judenhasses zu halten haben,. Es wärt ein Segen, wenn die Vertreter des jüdischen Preßwesens sich dieser ihrer Aufgaben mehr bewußt würden; sie könnten dann thätig Mitarbeiten an einem der wichtigsten Probleme, vielleicht dem einzigen Problem unserer Zeit, dem der religiösen Regeneration des jüdischen Volkes. U. «rrv EorresysWderZLM- Deutschland. Berlin, 22. Jan. (Eine wissenschaftliche Kritik von „Babel und Bichel.") - Der Vortrag von Professor Delitzsch über „Babel u. Bibel" findet keineswegs nur Anfechtung von orthodoxer Seite. Auch in exakt wissenschaftlichen Kreisen begegnet er scharfem Widerspruch. Uns liegt eine Schrift des ausgezeichneten Orientalisten und Berliner Universität-Professors Dr. I. Barth vor. „Babel und israelitisches Religionswesen" (Mayer und Müller, 1902). Wir haben dieselbe zur Zeit ihres Erscheinens bereits eingehend besprochen, halten es aber angesichts der Aktualität des Gegenstandes nicht für überflüssig, nochmals auf sie zurückzukommen. Der Verfasser erklärt einleitend: Bei aller Anerkennung der großen Errungenschaften der Assyriologie müsse man doch sagen, daß nicht selten der Enthusiasmus für das Neuentdeckte ihre Vertreter zu einseitiger Ueberschätzüng ihre: Inschriften und zu ungenügender Würdigung anderer, sehr wichtiger Instanzen verleite. Eine Reihe von Publikationen der letzten Jahre haben das Gemeinsame, daß sie in biblischen Berichten oder Einrichtungen Wirkungen des babylonisch-assyrischen Einflusses sehen wollen, wo andere Forscher ohne die gefärbte Brille der Assyriologie sie nicht haben wahrnehmen können, und zwar Forscher der verschiedensten Standpunkte. „Es wurde von Assyriologen wiederholt Gleichheit religiöser Einrichtungen bei.Babyloniern und Israeliten behauptet, die bei sorgfältiger Nachprüfung nicht vorhanden ist, und es wurde wiederholt bei parallel vorliegenden Erzählungen von Dingen der semitischen Urzeit die Annahme einer Entlehnung aus dem Babylonischen aufgestellt, als ob es nie eine urfemitische Periode gegeben hätte, und als ob die Babylonier die einzigen überlebeyden Zeugen jener ursemitischen Kultur wären." . - .Me bloße Thatsache, daß das Babylonische die diplomatische Verkehrssprache ist, beweise nicht im mindesten das allgemeine Einströmen babylonischer Kultur. Im 8. Jahrhundert — sagt Prof. Barth — ist z. B. das Aramäische die Diplomatensprache Vorderasiens, und doch hatten die Aramäer damals keinen hervorragenden Kultureinfluß. Ein tiefgreifender Einfluß Babylons hätte.sich doch in der Uebernahme der babylonischen Götterwelt äußern müssen: „Aber es ist bei den alten Israeliten nichts von den babylonischen Göttergestalten eines Marduk, Nebo, Adar, Schamasch, Sin, der Beltis, Zarpanii, nichts von den babylonischen Jgigi und Anunnaki zu verspüren. Undenkbar wäre es, daß das alte Israel, wenn es bei und nach dem Einzug in Kanaan in einer religiösen Abhängigkeit von Babylon geständen hätte, seine einzigartige Religionsgestaltung im Gegensatz zum babylonischen Kultuswesen, einen strengen Monotheismus im Gegensatz Hur Vielgötterei der Babylonier und aller Semiten, eine Verpönung alles Bilderdienstes, aller körperlichen Vorstellungen von Gott, wieder im Gegensatz zu allen Semiten, eine Verwerfung alles Zauber- und Beschwörungswesens im Gegensatz zum babylonischen Kultus aufweisen konnte." Aber Professor Barth begnügt sich nicht mit dieser allgemeinen grundsätzlichen Feststellung, sondern weist den Gegensatz an einigen der markantesten Punkte nach. Wir müssen da im einzelnen auf die interessante Schrift selbst verweisen, und wollen nur kurz über den weiteren Inhalt referiren, der gerade jetzt klärend zu wirken geeignet ist. Zunächst erörtert der Gelehrte die Frage des Sabbats, bei dem man eine Abhängigkeit vom Babylonischen behauptet hat, und kommt hier zu folgenden Schlüssen: Der Sabbat der Israeliten fügt sich als natürliches Glied in eine ganze Reihe religiöser Veranstaltungen mit siebentägiger (auch siebenjähriger) Dauer ein. Der Sabbat wird von Propheten gerade euch nach dem babylonischen Exil, als hervorragendes Unterscheidungszeichen gegenüber dem Heidenthum erklärt, also kann ihn das heidnische Volk, in dessen Mitte Israel vorher im Exil verharrt hatte, nicht gefeiert haben. Die babylonischen Tage sind an ein bestimmtes' Monaisdatum gebunden; der israelitische Sabbat ist ij vom Monat ganz unabhängig. Die Babylonier feier-