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Der Israelit · 1903-01-26 · Heft 7 (26.1.1903) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
44 (1903)
Issue
Heft 7 (26.1.1903)
Date
1903-01-26
Page
– (sequence 3)
Language
German
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143 oder nicht. Hält er ihn für einen Gelehrten, der von dem, was er sagt, selber'durch und durch überzeugt ist, so hat der Aerger wenig Sinn. Man muß fich dann doch sagen: Vielleicht wäre es Professor Delitzsch selber lieber, seine Studien führten ihn zu einem andern Resultate, vielleicht bedauert er selber, daß er der Religion,' in der er geboren ist, der sein eigener Vater das ganze Leben und Wirken geweiht, so unangenehme Wahrheiten sagen muß. Führen den Sohn aber seine Studien zu einem Resultate, das ihn in den Auaen der großen Masse als Antichrist und Antisemit erscheinen läßt, wer will, welcher Redliche kann ihm das verargen? Wer will dem Gelehrten zumuthen, aus seinem Gewissen eine Mördergrube zu machen, und das zurückzuhalten, was er für Wahr^it, und dessen Mittheilung er für das Heil der Menschheit hält? Wer? Die Galle einiger Theologen? Ein solches Verhalten wäre weit eher geeignet, Respekt als Aerger einzuslößen. Man kann diese Delitzsch'chen Forschungsresultate als diskutirbar, ja als vollständig falsch ansehen, man kann fie daher bedauern, im Interesse des Gelehrten selber, der damit sein Renomm^ verliert, und im Interesse der religiösen Weiterentwickelung, die aus diese Weise sehr empfindlich ausgehalten wird, aber zu ärgern gibt's da. nichts. Der Respekt vor der Freiheit der Forschung kann da keinen Aerger und Verdruß auskommen lassen. Glauben die Geärgerten aber, sie hätten es mit einem unreellen Gelehrten, mit einem-richtigen Antichrist und Antisemit zu thun, der seinen Haß gegen die positive Religion der Christen und seinen Antisemitismus unter einem alt-assyrischen Mäntelchen plausibel und salonfähig machen möchte, der selbst sein Christenthum herabwürdigt, um an dem Judenthum kein gutes Haar zu lassen, der sein eigenes Haus anzündet, um das darin nistende Ungeziefer sicher zu verderben, er hätte es also wirklich daraus abgesehen, uns Juden recht gründlich zu ärgern, ei, dann könnten wir ja keine größere Dummheit begehen, als ihm diesen Gefallen zu thun und ihm öffentlich über den Aerger zu quittiren, den er uns bereitet hat! Ich hoffe daher immer noch, es wird ein schlechter Witz des „Reichsboten" sein, wenn er am 16. Januar schreibt: „Eine Protestkundgebung gegen Professor Delitzschs Behauptungen in seinen Vorträgen über „Babel und Bibel" wurde in der gestrigen Versammlung des Zentralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens von Dr. Hirsch Hildesheimer angeregt. Professor Delitzsch habe, so erklärte Dr. Hildesheimer, das Heilig^ der Juden, die Bibel angegriffen; aus Grund eines einzigen verwitterten Steintäselchens, dessen . Inschrift von jedem Gelehrten bisher verschieden ausgelegi 'wurde, werde der jüdischen Religion -das. Recht . bestritten, sich als Mutter des Monotheismus, deS reinen Gottesbegriffes, des Sabbats, der zehn Gebote und anderer grundlegender Lehren und Institutionen anzusehen. Alles solle den Babyloniern entlehnt sein. Pro-^: seffor Delitzsch habe durch seine Behauptungen das ge- :, sammte Judenthum „beleidigt". Es wäre Sache des Zentralvereins, gegen diesen Angriff im Namen der - deutschen Juden Verwahrung einzulegen. — Der Voi>: stand wird zu dieser Anregung Stellung nehmen." .- - Das antisemitische Blatt fügt hinzu: „Was sagt das Mosse'sche Resormjudenthuin da- ' zu? Morgen hält hier Herr Pros. Dr. Hilprecht, ein Deutsch-Amerikaner aus Bernburg, der seit 14 Jahren in Nipur in Babylonien die amerikanischen Aus-' grabungen leitet, einen Vortrag über diese Aus- , grabungen, der in religiöser Hinsicht zu ganz anderen Anschauungen gekommen ist, als Pros. Delitzsch.' Hoffentlich besuchen die hohen Herrschaften, die den an sich sehr dürftigen Vorträgen des Herrn Pros. Delitzsch ihr Relief gegeben hat, auch den Vortrag des Pros.. Hilprecht." , ' (Der Vortrag fand am jüngsten Sabbatausgang. in der Gesellschaft sür Anthropologie statt. Im Gegensatz zu Pros. Delitzsch vertritt Hilprecht die Behaup- . tung, daß sich Israel seine reine Gottesidee unmöglich aus dem babylonischen Leichenhause geholt haben könne; es sei undenkbar, daß Israel sich gewissermaßen einen faulen'Wechsel aus das bankerotte Babylon ausgestellt habe u. s. w. — Man sieht, die Babylonische Sprachverwirrung ist komplet, und es ist jedenfalls dafür gesorgt, daß die Delitz'schen Bäume nicht in den Himmel wachsen.)' ... / Vielleicht begnügt sich der „Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens" damit und gebietet seinem Thatendrang Einhalt. Solche Protestkundgebungen hätten nur einen Sinn, wenn sie in altassyrischer Schrift und Sprache abgesaßt wären-und dadurch, bekundeteten, daß ihre Veranstalter dieses Sprachidiom besser, als der Erreger ihres Aergers, verstehen. T Die Herren, die sonst so rasch mit „Strafanträgen" gegen jede antisemitische Gassenbüberei zur Hand sind. werden hoffentlich einsehen, daß mit diesem ihrem.Universal-, mittel hier nichts zu machen ist, und daß man sich unter Umständen durch seinen Unwillen blamiren kann, wenn er sich auch nicht zum Strafantrag verdichtet.' " Aber wenn die Herren sich ä, tont vyx entrüsten wollen, so gestatte ich mir, ihre Entrüstung aus ein näher liegendes Gebiet zu lenken; denn gegen Delitzsch hat sie so wenig Sinn, daß sich die Herren dem Fluche der Lächerlichkeit aussetzen, wenn sie trotz-alledem dahei verharren sollten. Warum sollte denn ein christlicher Forscher das' Heidenthum just mit den"Glacehandschuhen ansassen, die ihm der Zentralverem-vorschreiben .möchte? Und man hat das Judenthum beleidigt^ wenn man ihm nachsagt, sein Lehrinhalt sei den Babylonier» .entlehnt 1k, Wirklich? . ' .!

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