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Der Israelit · 1903-01-26 · Heft 7 (26.1.1903) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
44 (1903)
Issue
Heft 7 (26.1.1903)
Date
1903-01-26
Page
– (sequence 2)
Language
German
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: ' - /-. ' / ■ >■;; '• :••• > ■ ä-’! '•-V 142 und Auslegungen zulassen. Handelt es sich doch um An- , Passung und Anwendung dieses Textes auf Zeiten und; Verhältnisse, die Jahrtausende hinter uns liegen, aus welchen uns sonst keine Dokumente erhalten sind. Je weniger abgeschlossen und feststehend die bisherigen Resultate auf diesem Gebiete sind, um so größer ist der Spielraum^ welcher dem Subjektivismus und der Phantasie dabei überlassen bleibt. Es kommt daher sehr darauf an, mit welchen Anschauungen und Gesinnungen, mit welchen vorgefaßten Meinungen und Ansichten man an diese Täfelchen herantritt. Bei dem sphinxartigen Charakter ihrer Schriftzeichen sucht Jeder den Schlüssel dazu in dem Gedankeninventar des eigenen Kopfes. Wenn das Studium dieser Täfelchen bis jetzt deren Inhalt noch nicht enthüllt hat, so hat er döch die Denkungsart derjenigen enthüllt, die sich mit ihrer Entzifferung beschäftigen. Ein Robespierre, dem drei beliebige Zeilen einer beliebigen Person genügten, um daraus ein todeswürdiges Verbrechen zu konstruiren. würde wahrscheinlich aus diesen Täfelchen - Dinge gelesen haben, die nach Schaffot und Gouillotine schmecken. Herr Professor Delitzsch, der seine wissen- . schaftlichen Lorbeeren seiner Eigenschaft als Assyrologe verdankt, der im alten Assyrien und Babylonien so gut und vielleicht noch besser Bescheid weiß, als in der Mark Brandenburg, Herr Professor Delitzsch zeigt sich durch ein Faible seinen alten Babyloniern gegenüber, für die 'Lorbeeren, die er ihnen verdankt, erkenntlich, und deklarirt sie. als die Vorahnen der Juden-Christenheit. Das ist allerdings ungeheuerlich und widersinnig, aber es sind schon größere Ungeheuerlichkeiten und Wider- > sinnigkeiten. von deutschen Professoren verfochten worden. Ich würde mich gar nicht wundern, wenn Herr Prof. Delitzsch, falls er. unter den Trümmern von Ninive ein Stück Draht fände,, daraus folgerte, die -- alten Babylonier hätten schon die Telegraphie gekannt, und wenn er keines findet, daß er daraus den unanfechtbaren Schluß zieht, sie hätten sich auch schon auf die drahtlose Telegraphie verstanden. Denn ein Professor ist eben nicht so naiv, wie jener Engländer, der .. beim Anblick der Porta Nigra in Trier sich über die daran angebrachten Gaslaternen wunderte, weil er daraus schloß, daß die alten Römer schon das Gas kann- J ten^ was ihm noch in keinem Buche begegnet war. . Herr Professor Delitzsch ist ohne Zweifel von dem Zutreffen seiner Ausführungen überzeugt, wenn . . dieselben auch mit der Logik und noch einigen anderen - Kleinigkeiten auf gespanntem Fuße stehen; er ist ja kein Professor.der Logik, und gibt sich nicht dafür aus; das . ist Sache der Spezialisten.^ — Das schließt nun nicht ' aus, ., daß er von Vielen sehr ernst genommen werden kann, . und daß er außerhalb des kleinen Kreises der wissenden Eingeweihten viel Unheil änzustellen vermag.. Es gibt ja eine ganze Masse Leute, denen Gott und Sein offenbarer Wille, denen Religion, Sittlichkeit un8 noch manches Andere sehr lästige Fesseln find, die aber, skrupellos vor aller Welt aHustreifen, sie eine gewisse Scheu zurückhält. Diese begrüßen solche Kathederweisheit wie eine neue Offenbarung, obwohl ihnen das Fachwissen fehlt, um die Richtigkeit Dieser Katheder-Offenbarung nachzuprüfen. Obwohl diese Offenbarung für sie daher ein reiner Glaubensartikel ist und bleiben wird, so ziehen sie doch den Professorenglauben dem Gottesglauben vor, da ihnen der ersten so gelegen kommt, wie der letztere ungelegen. Statt also zu sagen, wir lachen über die Wahrheiten der Geschichte, wir emanzipinn uns von jeder Offenbarung eines göttlichen Willens; Rechtschaffenheit, Sittlichkeit und Religion sind rückständige, altassyrische Niederschläge, sind Unverdaulichkeiten, die eigentlich bei den alten Babyloniern zu Hause waren, und uns von diesen Heiden vererbt sind; statt dessen nennt man die Mißachtung und Außerkurssetzung des ganzen' religiösen Moments: „Weiterentwickelung der Religion", oder man sagt noch kürzer, vornehmer und gelehrter: «Ich stehe ebenfalls auf dem Standpunkte Delitzsch's." Das hat der Herr Professor und der ihm gespendete erlauchte Beifall allerdings nicht gewollt. Er mag sich vergnügt die Hände über die Theologen reiben, die jüdischen und.die christlichen, welche über das gottlose Gebabel Zeter und Mordio schreien, sich sonst ganz fuchswild geberden und sich noch wilder geberden würden, wenn die Rücksicht vor dem Kaiser, der dies Alles mit seiner Autorität deckt,' ihnen nicht einige Reserve auferlegte. Aber die Gleichgiltigkeit, die Verachtung und Verleugnung jeder positiven Religion, statt bloßem Preisgeben gewisser Auswüchse, dieses Ausschütten des Kindes mit dem Bade, das alles sind Consequenzen, die sich schwerlich dem Begriffe einer Weiterentwicklung der Religion subsummiren lassen, und die in Wirklichkeit auch mit dem Standpunkt Delitzsch's nichts zu thun haben. - Wer sich über diese Darstellungen weiter ärgern will, kann verfaffungsgemäß nicht davon zurückgsshalten werden. Aber da es den Anschein hat, als ob man auch in jüdischen Kreisen seinem Unmuth die Zügel schießen lassen möchte, so ist es vielleicht angebracht. dem einige nüchterne Erwägungen entgegen , zu stellen. — Die Sache liegt doch einfach sö: Ein Professor der Assyrologie erklärt auf Grund seiner sorgfältigen Forschungen die monotheistischen Religionen . als von den alten Babyloniern überholt. Er leugnet eine göttliche Offenbarung, führt alles Gute, das sich in den Bekenntnißschriften der Juden und Christen findet, auf seine alten Babyloniers zurück, während er alles ui seinen Augen Anstößige unmittelbar den Juden und mittelbar den Christen zuerkennt. Wer sich darüber ärgert, muß sich zur Mottvinjng i seines Aergers doch darüber klar werden, ob er den Professor für wirren redlichen, fähigen Forscher hält I -

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