Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 44 (1903)
- Issue
- Heft 5 (19.1.1903)
- Date
- 1903-01-19
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
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„Ich denke, in dieser Geschichte müssen wenigstens zwei Männer Vorkommen," rief lächelnd die Italienerin. „Einer wird genügen, um Alles zu erklären!" erwrederte Jakob, „obgleich ich in der That deren zwei und selbst drei in meiner Erzählung unterbringen könnte!" „Ah! Ohne dem wäre cs auch kein Drama," rief die Italienerin. „Gnädige Frau, es gibt auch Monodramen aus einer Person und einem Herzen bestehend," sprach der Israelit. „Sie Alle sahen," fuhr er fort, „die Dame vorübergehen, deren Stimme zu Ihnen aus Dem Fenster herüberklang. Sie ist das unglücklichste Wesen auf Erden, und zwar nur deßhalb, weil sie, als Israelitin, gezwungen wurde, eine Frau zu werden ohne Glauben, ohne Vaterland und ohne Hoffnung, zu leben in der rauhen Gegenwart und Wirklichkeit vom bitteren Brode des Spottes und der Ironie. Ihr Vater, ein reicher Israelit, gehörte, oder gehört vielmehr noch zu denjenigen, welche, nachdem sie eine europäische Erziehung erhalten, aus ihr mit vollen Händen jeglichen Skeptizismus schöpfen. Verfolgt, erniedrigt, erbittert auf die Gesellschaft, wurden sie umso leichter von ihm ergriffen. Nachdem er allein aus eigner Kraft sich Kenntnisse und Bildung erworben, nicht minder auch ein sehr großes Vermögen, mußte er an den Menschen glauben, alles klebrige aber, alles Höhere und Heilige, welches ihn mit der Menschheit, dem Himmel und Gott verbindet, als Wahn verwerfen. Als Aberglaube erschien ihm jeder Glaube, sogar sein eigener; als krankhafter Mystizismus der Drang zum Ueberirdischen, als Schwäche jedes Gefühl. Indem er sich ein Vermögen erwarb, erprobte er, daß sich mit einem eisernen Willen viel thun läßt, wenn man der Leute nicht schont. Er schrieb also viel dem Willen und dem Glücke, und endlich am wenigsten dem Verstände zu. Darüber hinaus gab es für ihn nichts mehr, außer Dichtungen, geschaffen zur Unterhaltung, Täuschung und Verwirrung der Schwachköpfe. Seine Frau, die Mutter Tilda's, unserer Sängerin, war noch eine echte Israelitin. Aber sie starb sehr früh. Später erzogen das Kind fremde, gemiethete Weiber, welche des Judaismus spotteten, ohne einen anderen Glauben zu haben. Noch später ließ man sie allerlei Bücher lesen, welche zwar den Verstand bildeten, aber auch den Skeptizismus lehrten, die Nebel der Träume verscheuchten, sie aus allen Täuschungen Herausriffen,' sie abhärteten zu einem Leben ohne Schwärmerei, ohne Ideale, zu einem, ich möchte fast sagen, thierischen, in gewisse circlisirte Formen gefaßten Leben. Man belehrte sie ausdrücklich dahin, daß es eigentlich Tugenden und Laster nicht gebe, sondern nur Verstand und Dummheit, Anstand und Unanständigkeit, gesunde Berechnung und verderbliche Unvorsichtigkeit, so daß das arme Kind vorzeitig gereist, und all' jener Schätze beraubt, mit denen besonders gefühlvoll Wesen leben, hinaustrat in die Welt, voll Angst und Widerwillen. Die Welt erschien ihr wie eine Tabelle des Pythagoras, die Menschen wie Ziffern, die man verstehen und ausnutzen muß. Die Vorstellung, die man ihr von der Gesellschaft gab, lockte sie durchaus nicht zu ihr. Für sie war jener Dust in der Blume des Lebens ein Bedürsniß, jener Wohlgeruch, der allein ihm Reiz verleiht. Aber leider war diese Wunderblume selbst längst für sie abgestorben und verwelkt. Man gestattete ihr nicht, sich zu täuschen. Man sagte ihr bei Zeiten, die Menschen sind schlecht, kalt, heuchlerisch, man muß sich hüten vor ihrer Bosheit, auf ihr Gefühl nicht rechnen, ihren Worten nicht glauben, sich bemühen, sie nicht zu lieben, um nicht getäuscht zu werden. Im klebrigen fügte man als Moral hinzu: Man muß ehrlich sein, denn dies gibt Ruhe, und Ehrlichkeit ist die beste Bewahrung, Lasteraber, bringen Gefahren. Dagegen zeigte ihr Niemand dir Schande des Lasters und die Anmuth der Tugend.. Nach dieser Theorie war das Laster nichts als Ungeschicklichkeit, und an sich gleichgültig. Auch die Tugend hatte keinen Glanz, aber sie trug Prozente auf der Welt. Eine Hypotheke darauf war sicher, wenn auch nicht allzu vortheilhaft. Obgleich man noch nicht wußte, ob Tilda einen Israeliten oder einen Protestanten, einen Türken oder einen Katholiken heirathen werde, gab man ihr in Sachen des Glaubens und der Tradition, denen man keine besondere Wichtigkeit beilegte, volle Freiheit, sich aufzuklären und zu bewegen, wie sie wollte. Sie las also die Bibel. Aber über diese Bibel lachte ihr Vater alle Tage. Die Kritik stieß sie um und warf sie auf den Kehricht. Sie las mystische und skeptische Werke, ohne Auswahl. Von all diesem sich gegenseitig Widersprechenden verblieb ihrem jungen Gemüthe nur der maßlose Zweifel. Fügen wir noch die praktische Erziehung, welche bemüht war, ihr bei Zeiten das Herz auszureißen, wie man einen hohlen Zahn auszieht, damit er nicht mehr schmerze, so haben wir ein Bild davon, was aus dem unglücklichen Kinde gemacht wurde. Tilda trat in die Welt als eine schöne Statue, ohne Lebenslust, voller Angst und Unruhe. Sie wußte von vornherein, daß sie nicht glücklich werde. Denn in der Welt, wie man sie für sie schuf, gibt es kein Glück für edlere Wesen. Das, was sie in der Seele fühlte als unabweisbares Bedürfniß, entsprach nicht den Lebensregeln, die man ihr gab. Sie schmachtete nach einem Gefühl — man empfahl ihr die Berechnung als einzige Norm für Alles, und nannte dies Gefühl eine Lüge, eine sündhafte Schwäche, und eine Krankheit aller zum Verderben und zur Verachtung bestimmten Dummköpfe. Obschon sie von vielen Dingen nichts wußte, die man sorgfältig vor ihr verbarg, vermuthete sie dieselben, und nahm täglich Anstoß an der rauhen Wirklichkeit der ihr unbegreiflichen Verhältnisse. Ihr der-