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Der Israelit · 1903-01-19 · Heft 5 (19.1.1903) · page 20

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Journal
Der Israelit
Volume
44 (1903)
Issue
Heft 5 (19.1.1903)
Date
1903-01-19
Page
– (sequence 20)
Language
German
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wittweter Vater lebte ganz nach seiner Phantasie, kehrte sich an kein Gesetz der Moral, befriedigte seine Gelüste ganz nach Art aller Menschen, die jedes Gefühls ermangeln und an Grundsätze nicht glauben, die nach Allem trachten, sich an Allem sättigen wollen, was für sie irgend nur erreichbar ist. Trotz des im Hause streng gehüteten Anstandes, konnte Tilda die Verhältnisse des Vater nicht mit ansehen, ohne sich zu überzeugen, daß an ihnen das Herz nicht den geringsten Antheil hatte. Tausendmal scheiterte ihr junger, edler Instinkt an diesem Materialismus des Vaters, der sich für die Welt prächtig schmückte, im Hause aber zur alltäglichsten Prosa wurde. Eine andere Frau würde unter dem Einflüsse dieser verderblichen Beispiele, in dieser parfumirten, aber kühlen Athmosphäre, untergegangen sein— sie aber verzweifelte nur. Wissenschaft und Kunst wurden ihre einzige Zuflucht, bei denen sie Linderung und Trost suchte. Die Kunst sprach ihr wenigstens von jener überirdischen Welt, die man hie und da verleugnete und verspottete, von dem ihr verschlossenen Gefühle, von Allem, was sie ersehnte und was man ihr geraubt. Es gibt vielleicht keine größere Marter, als solch' ein Leben einer edel angelegten Natur mitten in der viehischen Gesellschaft von Spöttern und Skeptikern, -in der sie sich an Allem blutig verletzt, was sie berührt. Tilda war im vierzehnten Lebensjahre schon so traurig, so ermattet von diesem Dasein ohne Zukunft und Hoffnung, wie sie es heute noch ist. Vor ihr lag zwar die untrügliche, hellleuchtende Gewißheit einer Ehe, welche ihr ein behagliches, angenehmes, heiteres Leben sichern mußte, aber nichts weiter. Der Vater war bei seinem Reichthume. seinen Verbindungen und seiner Eitelkeit gewiß der Mann, der für sie einen jungen, gut erzogenen, reichen Gatten auswählen konnte. Daß er auf andere Bedingungen nicht zu achten hatte, das war vorauszusehen; und daß er bei der Tochter, die er als die seinige liebte, einen größeren Verstand, als den, den er besaß, oder irgend einen eigenen Willen nicht dulden würde, das unterlag auch keinem Zweifel Gerade während sie mitten unter diesen giftigen Dünsten heranwuchs, als die in anderen Beziehungen auf das Sorgfältigste erzogene Tochter eines vermögenden Israeliten, erschien in ihrem Hause_" „Ah! also doch!" unterbrach ihn ungeduldig die Italienerin. „Ich erwartete ihn schon lange! Es erschien — ein junger Mann?" „So ist es," fuhr Jakob fort, indem er mit einem gewissen Widerstreben in diesen Theil der Erzählung eintrat. „So ist es, ein junger Israelit. Gestatten mir die Herrschaften, seinen Charakter nicht allzu genau zu zeichnen und diese Schilderung des Helden meiner Erzählung zu umgehen. Die Helden, sogar so wahrer Geschichten, wie die meine, sind im Allgemeinen Alle sich ähnlich. Sie besitzen, wie Sie wissen, ein einnehmender Aeußere, alle Tugenden, Instinkte, so edel, als nur möglich, ein gefühlvolles Herz, einen, etwas träumerischen Kopf, u. s. w. Der Meine unterschied sich damals nur wenig von den gewöhnlichen Helden. Aber er zeigte als Zugabe ein gewisses, ihm eigenthümliches Gepräge. Zunächst war er ein armer Bursche, also nicht für den Salon erzogen, aber er hatte die Schule der Noth, der Demüihigung und der Leiden durchgemacht, ohne zusammenzubrechen. Er'war stark in sich selbst, energisch, obgleich ganz unansehnlich, ziemlich bescheiden, still in sich verschlossen, wie Alle, die frühzeitig duldend, erfahren haben, daß ein Prahlen mit dem Schmerze nur Spott hervorruft, welcher ihn verdoppelt. Jener reiche Israelit, Tilda's Vater, war sein entfern-. ter Verwandter. Er nahm ihn bei sich auf, um seines Erziehung zu vollenden. Und da er Fähigkeiten in ihm erkannt, beschloß er, ihn in die Welt einzuführen, mit dem Rest eines edlen Gefühls von Bruderpflicht, welcher in ihm noch als das letzte und einzige Zeichen des schon abgestreiften Judenthums zurückgeblieben war. Nebenbei aber wollte er ihn für sich ausnutzen, wie er alle Talente zu seinem Vortheile auszubeuten pflegte. Vielleicht auch wollte er sich rühmen, der Welt einen Menschen gegeben zu haben, von dem man sich viel versprechen konnte. Diese Hoffnungen waren nicht ganz begründet, denn junge und vorzeitige Talente versprechen nicht immer Früchte für die Zukunft. Eine Zeit lang sollte jener junge Mann im oder nahe bei dem Hause seines Vormundes bleiben, seine Studien vollenden und zugleich Praxis in der Handlung erwerben, zu der er bestimmt war. Der Protektor sollte ihn spater noch über die Grenzen schicken, um sich fortzubilden und ihm als Organ in seinen Spekulationen und Geschäften zu dienen, wie ein Handbuch, ein handels-ökonomifches Lehrmanual; dazwischen suchte er, ihn sich zu nähern und bei Zeiten für seinen künftigen Dienst einzuschulen. Der Vormund hieß ihn fast täglich, in seinem Hause zu verkehren.. Er gab ihm sogar seine Wohnung in einem der geräumigen Gebäude, welche prachtvoll herrschaftlich eingerichtet waren für ihn und seine Familie. — Nennen wir den jungen Mann beim ersten besten Namen ..." „Also etwa — Jakob," flüsterte lächelnd Jwas, dessen Bemerkung ihm einen erstaunten und unruhigen Blicke des Israeliten zuzog. „Nein! Nein!" erwiederte er lebhaft. „Sein Name war Jonas, welcher sich nach Landesart leicht umändern läßt in — Janus!" „Aber unterbrechen Sie ihn nicht, meine Herren!" rief die Italienerin. „Also Janus." (Fortsetzung folgt.) BerantwoctliLe Redaction: OScar Lehmann in Mainz. — Expedition des »Israelit*. SLottftraße Nr. 2. Mainz. Druck und Verlag der Joh. WirtS'stben Soibuckdruckerei Actien-GesellsLaft in Mainz.

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