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Der Israelit · 1903-01-19 · Heft 5 (19.1.1903) · page 18

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Journal
Der Israelit
Volume
44 (1903)
Issue
Heft 5 (19.1.1903)
Date
1903-01-19
Page
– (sequence 18)
Language
German
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send Franks opfert! Die jungen Damen heirathen, wenn die Eltern ihnen dafür bürgen, daß der Mann vermögend, und dabei anständig und nicht widerwärtig ist. Die Männer freien nur nach Vermögen und Besitz, zuweilen auch nach Jugend und Reizen, aber nicht auch jener Laune, die man Liebe nennt!" „Das ist ja schrecklich!" schrie die Italienerin. „Mein Herr, Sie wagen zu behaupten." „Was ich mit Thatsachen beweisen werde! Blicken Sie auf die Welt — Liebe werden Sie dort nicht sehen! Nur Wohlgefallen, Phantasien, Gelüste, Leidenschaften, Langeweile, Versuche von Zerstreuungen, und Einbildungen. Liebe aber ist nirgends zu finden. Wo ist sie?" — Die Italienerin seufzte tief und fragte: „Ist das Fortschritt oder Verfall?" „Ich weiß es nicht!" sagte der Zigeuner. „Für Euch schöne Damen ist es allerdings traurig, herabzusteigen von diesem Piedestal, welches als auserwählte Göttinnen Euch über die erste, beste, junge, frische und lächelnde Frau erhob. Aber was ist zu beginnen gegenüber diesen dummen Thatsachen. welche unwiderlegbar und hartnäckig sind, eben als Thatsachen?" „Aber sind das wirklich Thatsachen?" fragte die Italienerin. „Leider!" erwiederte der Zigeuner. „Ich will Ihnen meine Ueberzeugung nicht aufdrängen. Aber ich bitte nur. gnädige Frau, sehen Sie doch nur um sich! Früher sprach man von der Liebe zweier Seelen, die für einander geschaffen. — Heutzutage lieben sich nur zwei — Körper!" „Ja, das ist zum Theil die Wahrheit!" unterbrach ihn Jakob traurig. „Aber die Welt ist dieses Zaubers beraubt, wie so manches anderen. Das Weib wurde zur Frau, wie das Leben zur Prosa. Dies ist um so schlimmer, als es der Ideale ermangelt, als der Quell, der die Aufopferung nährte, versiegte bis auf den Grund. Ganz einverstanden mit dem. was Herr Gako sagte, gebe ich zu dessen Thatsachen nur einen Kommentar: Die Menschen lieben sich nicht mehr, das ist wahr, aber dafür werden sie so lebensüberdrüssig, daß die Zahl der leichtfertigen Selbstmorde aus Langerweile und Ermattung von Jahr zu Jahr zunimmt. Wir haben keinen Lebenszweck mehr!" Die Italienerin klatschte in die Hände und reichte Jakob etwas Sorbet, als wolle sie ihn an seine Erzählung erinnern und ihm zuvor die Lippen befeuchten. Der Zigeuner gähnte wieder. Der Russe zündete sich eine frische Cigarette an. Der Dänen-Franzos berechnete im Stillen __Alle setzten sich nieder, und der Jude begann endlich, langsam zu erzählen: „Wenig Einrichtungen und Gesetze wurden im Ganzen falscher beurtheilt und schlechter von der Welt verstanden, als das alte Mosaische Gesetz. Es sei mir gestattet, es zu vertheidigen; denn es ist daS Testament neines Volkes und das älteste Gesetz der ganzen Menschheit. Auf seine Ueberlieserungen stützt sich auch Ihr christliches Gesetz. Gewöhnlich vermeint man, in diesem Gesetze sei die Frau zurückgesetzt, bei den Hebräern sei sie eine Sklavin gewesen. Dem ist nicht ganz so. Die Volksfitten weichen sehr vom Gesetze ad. Sie saugten oft die Barbarei des Mittelalters ein und nahmen heidnische Formen an. Aber das Gesetz selbst hat die Frau nicht erniedrigt. In der Sprache der Bibel heißt die Frau: Männin (Jsch — Jschoh). Sie ist dem Manne also gleichgestellt, zu seiner Gefährtin, seiner Hälfte, also zu ennm freien Wesen bestimmt. Sogar kriegsgefangene Frauen soll man achten, befehlt das Mosaische Gesetz (Deuter. XXI. 10. 15). Ausgenommen die Priesterschaft, stand das Weib bei den Hebräern in Allem dem Manne gleich. — Keine spätere Gesetzgebung sogar erhebt die Frau zu der Höhe des hebräischen Weibes, was eben erst mit den der Mosaischen gleichzeitigen oder nahestehenden der Fall war. Die Mutter der Maccabäer und Judith liefern ein Beispiel davon, was sie waren. So war es bis zum Zeitalter der Könige bei den Hebräern. Später sinkt das Weib allmählig tiefer, aber auch das Volk geräth in Verfall. Die heidnische Sitte drängt sich in die jüdische Familie ein. Aber auch noch später achtet man sogar den Willen der Frau dergestalt, daß ihr eigener Vater, der bis zum zwölften Jahre über sein Kind verfügen u. für dessen spätere Verheirathung zu sorgen hatte, so lange es minderjährig war (Ketannah), sie nicht gegen ihren Willen zur Ehe zwingen konnte, sobald sie die Jahre erreicht hatte. (Raarah.) Die Frau war also bei uns geachtet. Aber die schweren Zeiten der Verfolgung berührten auch sie, verschlossen sie in das Haus, sonderten sie ab. verurtheilten sie zur Arbeit, und setzten sie dem Verfalle aus. Auch unser ganzes Volk bewahrte nicht in Reinheit die Gesetze und früheren Bräuche. Mit dem Aufhoren der Judenverfolgungen können Unparteiische die Folgen erkennen. Was die grausamste Unterdrückung u. Abstumpfung nicht zu erreichen vermochten, das bewirkte die Gleichgiltigkeit. Die vorher so einmüthige jüdische Gesellschaft löste im Unglücke sich auf, verschmolz mit der sie umgebenden Welt und veränderte sich. Wir konnten nicht ganz aufhören, wir selbst zu sein, oder von der Stirne das verwischen, was der Finger Gottes darauf schrieb, was im Herzen und in der Seele uns Absonderliches verbNeb. Aber mit der aufhörenden oder kühler werdenden Sehnsucht nach dem verlorenen Vaterlande wurde die Mehrheit gleichgültig gegen Glauben, Ueberlieferungen, Sitten und Gebräuche. — Verzeihen mir die Herrschaften diese ernste Einleitung zu einem idyllische» Geschichtchen. Sie findet aber ihre Anwendung in der folgenden Erzählung von der Frau und dem Manne!"

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