Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 44 (1903)
- Issue
- Heft 5 (19.1.1903)
- Date
- 1903-01-19
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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w^ärs rtiJ für bcöG^Ü^If Ttzs-z Orthodoxe MuderrthumÄ I-Cx/WO S ß Sv' 19. Ja«. 1903.] [8t. 4. XXXESft)' mtv- Eu8r. Zeitgemälde von JT. I. Kvsszewski in autorisirler Ueberlragung. „Ich beschwöre Sie, mein Herr," fuhr Lucia fort, indem sie seine beiden Hände ergriff und lächelnd sich ihm näherte, „Sie erzählen mir diese Geschichte, nicht wahr? Ich bin ein Weib, und bin neugierig. Ich flehe darum, sonst sterbe ich vor Verlangen!" „Ich warne Sie aber im Voraus, gnädige Frau, daß dies im Uebrigen eine sehr gewöhnliche Geschichte ist," warf Jakob ein. „Zudem weht in ihr ein gewisser jüdischer Hauch, der uns'rige, der für Sie weniger verständlich ist. Also, die Handlung ist abgedroschen, die Färbung absonderlich, und, was mich anbelangt, so bin ich ein schlechter Erzähler von Geschichten. Es liegt in meiner Natur, daß ich lange und langweilig erzähle!" „Desto besser! Wir sind bereit, bis morgen Früh zuzuhören. Aber quälen Sie uns nur nicht länger und beginnen Sie sofort." „Erlauben Sie mir, nur erst aufzuathmen," sprach Jakob, indem er die Hand zur Stirne erhob und sich schweigend niederseßte. „Ist die Geschichte in der That so lang, wie Sie es anzudeuten scheinen, mein Herr, und spielt in ihr eine sentimentale Frau eine Volle, vielleicht gar noch. Gott verhüte, eine Schwindsüchtige mit ihrem dummen Manne und einem Geliebten von großem Edelmuthe, dann komme, was da wolle, werde ich nicht zuhören!" sagte der Dänen-Franzos. „Das erräth man Alles auf einmal!" „Dem stimme ich bei," setzte der Zigeuner hinzu, „denn es ist ewig dieselbe Geschichte, die sich unaufhörlich wiederholt. Aber wer liebte heutzutage noch?!" Die Italienerin schrie auf ob dieses ungeheuren Frevels. Der Zigeuner aber beachtete dies nicht, sondern fuhr ruhig fort: -„Die Herrschaften müssen nur bedenken, daß die Zeiten der ritterlichen Liebe vorübergehen, wenn sie nicht schon vorüber sind. Nur die Tauben sind noch so naiv, daß sie vor Sehnsucht nach einander sterben. Ich las, daß im Mittelaller diese absolute Liebe für chevaleresque galt, an welcher die Menschheit Jahrhunderte lang krankte. Heutzutage ist es darin, wie in Allem: die Menschen kehren zur früheren Ordnung zurück. Nach hundert Jahren werden sie sich wundern, daß man ehemals überhaupt lieben konnte. Und nach und nach auch darüber lachen! Ich spreche hier nur von dieser überschwenglichen Liebe der Koloander. Denn diese' Liebe, wie sie eine Calypso fühlte für einen stattlichen Krieger, oder ein Nero für eine schöne Poppea — diese wird ewig dauern, denn sie liegt in der Ordnung menschlicher Dinge. Nur die nach einem idealen We-. sen seufzende, sich sehnende und verzehrende Liebe, ist heute schon nicht mehr Brauch. Ich bitte, mir den zu zeigen, der heutzutage noch ewig liebt und sogar für die: Liebe auch nur ein Einkommen von einem Paar Tau-