Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 44 (1903)
- Issue
- Heft 5 (19.1.1903)
- Date
- 1903-01-19
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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A e rr 1 l l < t o «. Voll ~zß,oBevt KLnkern. 110 „Verzeiht Excellenz," erwiederte der Verwalter, „das ist nicht der Fall. Das Kind ist nicht in den Bund Abrahams ausgenommen, es ist ein christliches Kind von Geburt, und ist es auch heule noch. Nur konnte ich ihm in meiner Familie keine andere Erziehung angedeihen lasten, als wie sie meine eigenen Kinder genießen. Aber sobald es religiös mündig ist, bleibt ihm die freie Wahl überlasten, es kann dem Christenthum sich anschließen, dem es durch Geburt angehört, es kann auch Jude werden, falls es dafür mehr Neigung hat." „Wenn das Kind sich nun für das Christenthum entschiede, dann hättet Jhr's ja mit Eurem Gewissen und mit Eurer Geistlichkeit verdorben, das werdet Ihr schon zu Hintertreiben suchen; da müßte ich meinen Verwalter schlecht kennen, wenn er anders handeln sollte!" „Excellenz, Sie kennen Feiwel Schick schlecht, wenn Ihre Gnaden mir solche Gesinnungs- und Handlungsweise unterstellen. Unser Gewissen und unsere Geistlichkeit steht auch hier unter dem Religionsgesetz, das die Seelenfängerei scharf verurtheilt und sie strengstens verbietet. Ich habe sogar meinen Geistlichen, den greisen Rabbiner in M. befragt, und nach seinem Geheiß habe ich den Knaben nicht zum Juden gemacht, und werde ihm, so bald als möglich, die Wahl seiner Religion freistellen. Wir haben ihm daher den Namen Abraham gegeben, weil er bei Christen hierzulande so viel wie bei Juden vorkommt." „So, Abraham heißt er, ruft ihn doch einmal her; ich möchte den Jungen einmal selbst kennen lernen, der Handel fängt an, mich zu interessiren." „Wenn Eure Excellenz gestattet, rufe ich auch seinen Milchbruder Joseph hierher; Abraham ist dann unbefangener und Ew. Excellenz können dann leichter den christlichen mit dem jüdischen Knaben vergleichen." Der Graf nickte zustimmend und die beiden Knaben flogen auf den Ruf des Vaters von ihrer Schaukel herunter und traten direkt vor den Grafen und den Vater hin. Obwohl die Schläfen beider dichte Peies (Schläfelocken) zierten und ihre Zizis (Schaufäden) fast den - Boden berührten, obwohl beide den jüdischen Jargon mit gleicher Geläufigkeit sprachen, so verrieth doch jeder Zug und jede Bewegung die Verschiedenheit der Abstammung. „Kinder," hob der Graf an, „Ihr spielt jetzt hier schon eine geraume Zeit, habt Ihr heute auch schon etwas gelernt?" 99 j „Wir dürfen nie spielen, ohne daß wir zuvor gelernt haben, Herr Grafleben," erwiederte Joseph. ° „Was habt Ihr denn heute schon alles gelernt?" fragte der Graf zu Abraham gewandt. „Herr Seelenfreund hat heute Jüdisch und Lesen und Schreiben, sowie Rechnen mit uns gelernt," erwiederte der Gefragte. „Herr Seelenfreund," flüsterte der Verwalter dem Grafen zu, „ist unser Hauslehrer, der auch in den , außerjüdischen Fächern gut beschlagen ist, und von dem " die Kinder sehr viel profitiren." - „Rechnen könnt Ihr auch? Wo haltet Ihr denn jetzt im Rechnen?" „Bei den Brüchen, beim Multipliziren," antworteten beide zugleich. „Gut, dann will ich Euch einmal eine Aufgabe geben. wer sie von Euch beiden zuerst löst, bekommt von mir etwas geschenkt. Ich brauche für einen Rock 1% Meter Stoff, wenn der Meter nun V/3 Gulden kostet, was habe ich dann für den Stoff zu bezahlen?" Die Aufgabe war für die Knaben zu schwer, denn sie hatten mit ungleichwerthigen Brüchen noch nicht gerechnet. Nichtsdestoweniger machten sie alle Anstrengung, ihre Ehre zu retten. Aber als sie eben anfangen wollten, das Problem zu lösen, sprengten die Jägersleute des Grafen in den Hof. Jetzt war der Waidmann, der nur leise während der ganzen Unterhaltung im Grafen geschlummert hatte, wieder erwacht. „Ich sehe schon, ich kann mein Geschenk für mich behalten, denn die Aufgabe löst keiner von Euch, und jetzt kann ich nicht länger warten. Also lebt wohl!" „Verzeiht. Herr Grafleben," rief Joseph, „aber ich habe die Aufgabe heraus. Ein Edelmann, wie der Herr Graf, von so hoher Gestalt, hat gewiß nicht mit 1-74 Meter Stoff genug, er braucht mindestens 2 Meter. Er nimmt auch keinen Stoff, der nur lJ/i Gulden kostet, sondern zahlt wenigskns zwei Gulden, macht Zusammen vier Gulden!" „Prächtig gelöst," rief der Graf. „Für die Lösung hast Du hier ein ganz neues Taschenmesser mit fünf Klingen, das ich erst vorige Woche gekauft habe. Es ist noch koscher, ich habe es noch nicht gebraucht. Aber an Dich, Abraham, vergesse ich auch nicht, bis ich wieder komme, wirst Du schon die richtige, wenn auch nicht die klügere Lösung gefunden haben." Zu seinem Verwalter aber sagte er mit gedämpfter Stimme: - . ' „ ‘. „Feiwel, für den Joseph braucht Ihr Euch kein^ Sorge zu machen, der wird sich schon einmal.zu helfen wissen, wenn er erst groß ist. Und. für.den .Abraham helfe ich Euch sorgen. Er hat unsere Fürsorge nöthiger, wie Euere anderen Kinder. Das habe ich schon in den wenigen Minuten gesehen: Ihr könnt ihm Peies wachsen lassen, ihr könnt ihn Euren Jargon in dem Talmud lernen lassen, zum Juden macht Ihr ihn nicht. . i