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Der Israelit · 1903-01-19 · Heft 5 (19.1.1903) · page 6

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Journal
Der Israelit
Volume
44 (1903)
Issue
Heft 5 (19.1.1903)
Date
1903-01-19
Page
– (sequence 6)
Language
German
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SS Der einstige Oberstaatsanwalts-Substitut und gegenwärtige Richter an der königlichen Kurie, Eduard Szeyffert, erklärt Folgendes: „Ich wurde zum Tisza-Eßlarer Prozeffe als Staatsanwalt mit dem bestimmten Aufträge entsendet, alles, , was in meinen Kräften steht, aufzubieten, damit die reine und volle Wahrheit an den Tag komme. Ich habe nie einen anderen Auftrag erhalten. Mit aller Bestimmtheit erkläre ich, daß niemals, weder offiziell, noch privatim, weder von Seite der Regierung, noch einzelner Organe der Justizverwaltung, auch nur der Versuch unternommen wurde, die richterliche Ueberzeuguug während der Dauer des Gerichtsverfahrens, geschweige denn vor Schöpfung des Endurtheils, in einem vorgefaßten Sinne zu beeinflussen." Diese Zeugnisse werden für objektiv urtheilende Leser wohl ausreichen. Frankreich. Paris, 12. Jan. Ein antisemitischer Abgeordneter hat einen Gesetzesantrag eingebracht, der für unsere Glaubensgenossen, die, aus ihrem Vaterlande vertrieben, in Frankreich Schutz und Zuflucht suchten, sehr schwere Folgen haben kann. Dieser Gesetzesantrag bezweckt, die Ausländer-Naturalisation bedeutend zu erschweren, ja geradezu fast unmöglich zu machen. Der Zuzug fremden Blutes, meint der antisemitische Antragsteller, sei für die französische Rasse sehr nachtheilig. Diese lächerliche Behauptung sucht der betreffende Abgeordnete dadurch zu begründen, daß die Juden und Protestanten fast alle Dreyfus freundlich gesinnt seien. Sollte dieser Gesetzesvorschlag angenommen werden, was allerdings nicht wahrscheinlich ist, so würden die russischen und rumänischen Juden, die hier weilen, bedeutend darunter leiden. Wenn es einem russischen oder, rumänischen Juden nach Jahre schwerer und ehrlicher Arbeit gelingt, sich ein kleines Vermögen zu erwerben, so ist er gezwungen, um sein Geschäft in größerem Maßstabe betreiben zu können, und damit seine Kinder im Vollbesitz ihrer Bürgerrechte seien, das französische Bürgerrecht zu erwerben. Dies will ihm der antisemitische Antrag unmöglich machen. Die französischen Juden haben die Pflicht, schon jetzt zu der ihren unglücklichen Brüdern drohenden Gefahr Stellung zu nehmen. Es ist auch interessant, den „Patriotismus" des betreffenden Antragstellers zu beleuchten. Jeder, der nicht vom wüsten Rassenhaß verblendet ist, wird wohl zugeben müssen, daß für Frankreich, dessen Bevölkerung bekanntlich immer abnimmt, der Zuzug frischer und junger Kräfte nicht nur nicht nachtheilig, sondern sehr erwünscht ist? ' - Weh denen, die dem Ewigblinden Des Lichtes Himmelsfackel leiht. Pi. Paris, 15. Jan. Gestern haben die parlamentarischen Ferien ihr Ende genommen und die erste Sitzung der beiden gesetzgebenden Körperschaften stattgefunden. Sowohl in der Deputirtenkammer, als auch im Senate besitzt die gegenwärtige demokratisch-republikanische Regierung eine sichere und treue Majorität. Man war trotzdem auf diese erste Parlamentssitzung, sehr gespannt. Die Linke hat Jaures zum Vizepräsidenten der Kammer vorgeschlagen. Darob geriethen die Nationalisten und Antisemiten in furchtbare Aufregung. Der Mann, der in der Dreyfusaffaire eine so bedeutende Rolle gespielt hatte, der Mann, der mehrmals behauptet hatte, daß es Zeit ist, die Streitaxt zu begraben und mit dem Volke, das der Menschheit einen Kant und einen Goethe gegeben hatte, völlig Frieden zu schließen, dieser Mann, der nach ihren geschmackvollen Ausdrücken, mit Leib und Seele den Juden verkauft ist, dieser Mann soll Vizepräsident der französischen Kammer werden! Die sauberen Herren Antisemiten, die den Patriotismus gepachtet zu haben vorgeben, konnten dies unmöglich zulaffen. Sie haben diesen Jaures in ihrer Schmutzpreffe verunglimpft und verleumdet. Allein sie haben die Rechnung ohne den Wirth gemacht. Die Republikaner, ihrer Pflicht und ihrer Verantwortung eingedenk, haben sich brüderlich vereinigt, und allen antisemitischen Umtrieben zum Trotz, Jaures zum Vizepräsidenten der Kammer gewählt. Der Sieg von Jaures ist weit davon entfernt, lediglich ein persönlicher Erfolg des großen Redners zu sein.. Diese Wahl, die in Folge der hervorgegangenen wüsten, antisemitischen Agitation geradezu ein politisches Ereigniß ersten Ranges ist, bedeutet vielmehr einen glänzenden Sieg der demokratisch-republikanischen Idee. Wir können nur mit der höchsten Befriedigung diesen Erfolg von Jaures feststellen, und dabei den Wunsch aussprechen, daß Jaures in seiner neuen, so hohen Würde, die Sache der Freiheit, Wahrheit und Gerechtigkeit mit demselben Muth und derselben Energie vertheidigen möge, wie zur Zeit jenes grandiosen Kampfes, dank dem er seinen Namen unsterblich gemacht hat. Pi. Engl and. London. In der vorjüngsten Nummer der „Jewish Chronicle" schildert Rabbi David Kohn-Zedek die gegenwärtige, sehr trübe Lage unserer Glaubensgenossen im heiligen Lande, und indem er zur raschen Hilfe auffordert, bemerkte der gelehrte Schreiber, daß gerade die „Zionisten", welche nach ihrer Meinung für die bessere Zukunft Palästinas streben, auch die Gegenwart nicht vernachlässigen und dafür sorgten sollten, daß armen und kranken Israeliten im gelobten Lande wenigstens momentane Hilfe geleistet werde. M. F.

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