Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 44 (1903)
- Issue
- Heft 4 (15.1.1903)
- Date
- 1903-01-15
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Missionsgesellschaften immer noch ihre Bekehrungsversuche — merkwürdigerweise — zu den internen Ange- .legenheiten des Chrissenthums zahlen. ' Im Uebrigen scheint mir, daß der geehrte Herr Verfasser die Erfolge der Judenmission etwas zu hoch taxirt, wenn er im Ernste meint, daß „eine Arbeit auf diesem Gebiete des Schweißes der Vesten unseres Volkes werth sei." Für wen denn eigentlich? Für die wenigen Bedaüernswerthen, die jetzt ungefähr so gute Christen sind, wie sie früher überzeugte Juden waren? Sie hätten vielleicht ohnedies den Weg gefunden, oder sie werden, sobald der magere Speck, der sie allein in die Falle gelockt, verzehrt ist, wieder den Ausweg finden. So oder so; verlieren werden Judenheit und Judenthum an diesen abfallenden Blättern keineswegs etwas. Ich gebe zu, daß man durch zweckdienliche Institutionen in den Hafenstädten der Mission Konkurrenz bieten könnte, da manche jener zweifelhaften Existenzen, die jetzt die letztere auszubeuten gezwungen sind, sich dann schon aus Solidarität eine jüdische Institution als Ausbeutungsobjekt wählen dürften. Bei Errichtung solcher Institutionen können wir jedoch und müssen sogar immer noch über das Gebühren unserer Freundin schweigen. Nun kommen die Hauslektüren, mit denen uns die Mission von Zeit zu Zeit „beglückseligt", und in denen der geehrte Eorrespondent eine drohende Gefahr für unsere Familien erblickt. Ich kann sie nicht finden; — es liegt dieses gewiß nicht allein an meiner optimistischen Auffassung der Sache — ich kann sie nicht finden, diese Gefahr, auch nicht auf die Gefahr hin, wenn die fromme Lektüre gelesen werden sollte. Auch ich gehöre zu denjenigen, die jene Schriften, bevor sie in den Pavierkorb. oder wo anders hinwandern, erst lesen, und sogar eifrig durchlesen. Aus Neugierde natürlich. Und dann, um deren eventuelle Wirkung auf schwache Gemüther zu taxiren und immer, ja ausnahmslos konnte ich sie bis jetzt befriedigt ihrem weiteren Schicksal übergeben. Die Zugkraft der darin enthaltenen Argumente ist in der Regel eine so starke, .daß wir dieselben Schriften, wollten wir wirklich den unnützen Kampf aufnehmen, getrost auch zum Zwecke der Abwehr weiterverbreiten dürften. . . . Vor wenigen Tagen bekam ich von der Hamburger Miffionsgefellschaft eine illustrirte Schrift zugeschickt, mit dem gloriösen Titel: „Zeugen in Israel." Sie enthält etwa ein halbes Dutzend Portrait» und Biographien von Männern, die zum Christenthum übergegangen waren. Wer sind alle die Großen in Israel, die da alle als größte Autoritäten ihrer Zeit gefeiert werden? Von all den Namen, die wirklich sonst nie in die Oeffentlichkeit gedrungen wären, hätte ihnen nicht die Mission die vielversprochene Unsterblichkeit in dieser Weise verschafft, ja von all diesen Koryphäen inieressirte mich nur der eine, der den Namen Kassel tragt. Ich käs seine Biographie; natürlich! -wie vorausgesetzt; es handelte sich hier nicht um den berühmten Gelehrten David Kassel, der als Jude gelebt und gestorben, sondern um seinen Bruder, der schon früh die „Thore des Heils" gefunden. -S . ., , Ich dachte im ersten Augenblicke daran, welche rentable Aufgabe es für den Fachmann wäre, den Rang dieser sonderbaren „Zeugen Israels" in Bezug auf ihre autoritative Bedeutung festzustellen, die wahre Größe dieser Renegaten beim Licht der nackten Wirklichkeit zu betrachten. Aber — mußte ich mich dann wieder fragen — zu welchem Zweck? Was wollten wir damit erreichen? Die Mission wird keine Berichtigungen von uns aufnehmen, da man bekanntlich bei Stoff, der als Lockmittel verwendet wird, keinen Anspruch auf Echtheit machen darf, so wenig uns die Wahl der Leckereien beim Richten der Mausefalle Kopfzerbrechen. machen dürfte. Die jüdische Presse wird sich aber wohlweislich auch ferner hüten, von ihrer bisherigen Taktik, die Sache zu ignoriren, abzuweichen. —. Wir gönnen also unserer frommen Freundin ihre Mittel, wir gönnen ihr auch ihre Erfolge — und schweigen. Lehrer S. Schachnowitz. Rußland. Czenstochau. Nach mehrtägiger Verhandlung wegen der bekannten antisemitischen Excesse Hierselbst, bei denen der Mob Häuser und Kaufläden der Juden plünderte und zerstörte, wurden von fünfundsiebzig Angeklagten sechs zu einjähriger Strafansiedelung, dreiundzwanzig zu acht Monaten und einer zu vier Monaten Gefängniß verurtheilt und zugleich der bürgerlichen Rechte für verlustig erklärt. Ueberdies wurden, ohne der Bürgerrechte verlustig zu werden, ein Angeklagter zu einem Jahre, zwei zu einmonatlichem, drei zu dreiwöchentlichem und zwei zu siebentägigem Arrest verurtheilt. Die übrigen Beschuldigten wurden freigesprochen. Den Beschädigten hat der Gerichtshof einen Schadenersatz im Betrage von 6700 Rubeln zuerkannt. Odessa, im Jan. Aufsehen erregt eine von einem jüdischen Schriftsteller unter dem Titel: „Das Judenelend in Odessa" veröffentlichte Broschüre, die einige beachtenswerthe Daten enthält. Hiernach sind von den 150,000 Juden, die in Odessa , leben, 49,000, also beinahe ein Drittel der Gesammtzahl, als Bettler und Nothleidende registrirt worden. Nicht weniger als 78,000 gehören dem Proletariat an, und diese Classe vegetirt unter den schauerlichsten Mitteln, um ein Stück Brod zu verdienen. Derartige Zustände bedeuten eine soziale und sanitäre Gefahr für die Stadt, und sie bilden wohl die Hauptveranlaffung dafür, daß beim Departement für geistliche Angelegenheiten fremder Konfessionen zu Ende Oktober eine Konferenz von Rabbinern einberufen worden ist, die verschiedene Fragen des jüdischen Wohlthätigkeitswesens und die Reorganisation jüdischer Schulen berathen soll. .