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Der Israelit · 1903-01-15 · Heft 4 (15.1.1903) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
44 (1903)
Issue
Heft 4 (15.1.1903)
Date
1903-01-15
Page
– (sequence 10)
Language
German
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dort deserürt ist, um in Deutschland rechtzeitig sich stellen zu können. Der Mann erzählt, daß er in einer Kompagnie mit einem Fleischergesellen zusammen gewesen sei, welcher angibt, bei dem Morde des Gymnasiasten Winter Beihilfe geleistet zu haben." Von Gewissensbissen geplagt, habe dieser Fleischergeselle mehrere Male gebeten, verhört zu werden, sei aber von den Vorgesetzten Behörden immer zurückgewiesen worden, da diese glaubten, er wolle auf diese Weise nur seine Entlassung erreichen. Der Rekrut ist in Metz eingehend verhört worden, und das Akrenmaterial wurde der Staatsanwaltschaft zugesandt. Bor etwa Jahresfrist war eine ähnliche Mittheilung über ein Geständniß eines an der Konitzer Mordaffaire angeblich betheiligt gewesenen Fremdenlegionärs in die Oeffentlichkeit gelangt. Es muß abgewartet werden, ob die jetzige höchst unglaublich klingende Meldung in das Dunkel der Angelegenheit Licht zu bringen geeignet ist. Breslau, im Jan. Das hiesige Schöffengericht verurtheilte am 23. v. Mts. den Herausgeber und Redakteur des „Jüdischen Volksblattes", Dr. Louis Neustadl, wegen Beleidigung des Lehrers Weiche! in Könitz, der von anderer Seite in unberechtigter Weife, mit der Ermordung des Gymnasiasten Winter in Verbindung gebracht worden war, zu drei Monaten Gefängnis. Der Kläger war persönlich von Könitz erschienen, mit ihm als Vertreter des bekannten Antifemitenanwalts Hahn-Charlottenburg der hiesige Rechtsanwalt Warmbrunn. Den Kampf gegen den Antisemitismus führte Rechtsanwalt Schreiber und. der Angeklagte mit gebührender Schärfe. Der Gerichtshof kam trotzdem zur Verurtheilung des letzteren. Er hatte es, wie er selber erklärt, abgelehnt, die Quelle — eine Hervoragende und einflußreiche Persönlichkeit der hiesigen Gemeinde in leitender Stellung — näher zü bezeichnen, da ihm das Redaktionsgeheimniß über allem steht. Selbstverständlich hat sein Anwalt sofort Berufung eingelegt. Schade, daß Herr Dr. Neustadt nicht erklärt hat, er habe den Kläger nur „bildlich" beleidigen wollen! Dann wäre er vielleicht freigesprochen worden. Recklinghausen, 13. Jan. Am 28. Dezember v. I. wurde in Recklinghausen ein Litteraturverein gegründet, dem sogleich 43 Mitglieder aus den Synagogengemeinden Recklinghausen und Herne beitraten. In der constituirenden Versammlung hielt der erste Vorsitzende des Vereins. Herr Rabbiner Dr. Marx, einen mit großem Beifall aufgenommenen Vortrag über „Shylock und Nathan der Weise". Möge der junge Verein wachsen, blühen und gedeihen! Ltadl (Prov. Hannover), 13. Jan. Hier verschied heute im t lästigsten Mannesalter der Chef des altberühmten Bankhauses A. Leeser & Comp., Herr Ahron Leeser. Derselbe zeichnete sich durch große Frömmigkeit, strengen Rechtlichkeitssinn und vornehmen Charakter auS. Die ganze hiesige Gemeinde betrauert in ihm eines ihrer hervorragendsten Mitglieder. Möge der Allgütige der trauernden Gattin und den Kindern Seinen Trost spenden. n'zsiri. Oesterreich. Laybusch. (Exzeß in einer Synagoge.) Am Neujahrstag drang ein. Haufe mit Knütteln und Peitschen bewaffneter Burschen während des Morgengebetes in die Synagoge in Zablocie bei Saybusch. Die gerade im Gebete begriffenen Juden wurden von den Bursche.» geschlagen; dann sprangen die Exzedenten wie toll auf den Bänken herum, schlugen auf alle Geräthe ein, und entfernten sich erst, als Hilfe geholt wurde. Es wurde sofort die Anzeige bei der Gendarmerie gemacht, und dem Zablocier Wachtmeister Werber ist es zu danken, daß die Burschen noch am selben Tage verhaftet wurden. Schweiz. Endingen (Schweiz), im Jan. (Wir schweig e n.) In Nr. 2 des „Israelit" stellte Ihr Herr Correspondent von Cassel angesichts der Machenschaften der Judenmission und ihrer ewigen Fangversuche die Frage auf: „Warum schweigen wir?" und erörtert die uns von dieser Seite drohende Gefahr, welche durch unser beharrliches Schweigen noch größer werden könnte. Bei aller Hochachtung vor dem gerechten Zorn und der edlen Entrüstung des Herrn Correspondenten, können wir doch seine gestellte Frage nur mit den Worten des Rabbi Schimeon in Perek beantworten: jo npwvo ra spA. Wir schweigen, weil wir in diesen» Falle thatsächlich für den Körper des Judenthums, der schwerlich durch jene sonderbaren Liebeswerbungen Schaden erleidet, nichts besseres zu thun wissen, als zu schweigen! Und was sollten wir denn sonst auch machen? Sollen wir etwa mit der von beiden Landeskirchen so eifrig betriebenen und von manchen Regierungen subventionirten Judenmiffion den Kampf aufnehmen? Ich will hiermit nicht konstatiren, mit welchem Erfolge wir seit Jahren den ähnlichen Kampf mit dem Antisemitismus führen, vielleicht mit dem gleichen Erfolg, wie ihn die Egypter gegen den Frosch der zweiten Plage führten, der, nach der talmudischen Erklärung, erst als sie auf ihn einhieben, recht mächtig und zahlreich wurde. Immerhin hatte dieser als Vertheidigungskampf seine naturgemäße Berechtigung. Es handelt sich dabei lediglich um Abwehr und jeder anständige Mensch wird sich, ohne erst über den Erfolg nachzudenken, zu wehren suchen. Wie wollten wir es jedoch gegen die Mission anfangen? Sie tritt ja von jeher als unsere Freundin, unsere Lebensretterin (?) auf. Wir haben diese Freundschaft nie acceptirt, noch quittirt. und brauchen sie daher auch unseren sonderbaren Freunden nicht zu kündigen. Ein offener Kampf würde jedoch in diesem Falle nur den Anschein aggressiver Natur haben, und zu einem solchen fühlen wir uns weder veranlaßt, noch berechtigt; zumal die

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