Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 44 (1903)
- Issue
- Heft 3 (12.1.1903)
- Date
- 1903-01-12
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
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„Was aber wollen die Herrschaften in Genua?* ' fragte Jakob. „Ah! Wir? Wir treiben uns überall herum!* antwortete der Herr. „Dr. Lebrun verordnete, Mathilde solle wärmere Luft athmen; er fand ihr Hüsteln etwas bedenklich. Detzhalb begaben wir uns hierher, an diese schöne, italienische Küste — und athmen aus voller Brust diese wunderbar stärkende Atmosphäre ein!* „Wie finden Sie Italien, gnädige Frau?" fragte Jakob. „Es erscheint mir wie ein Traum des Orients, den ich noch nicht gesehen!" erwiederte langsam Mathilde, „und nach welchem meine Seele sich sehnte, wie nach dem Vaterlande! Dies Italien ist wundervoll!" Während sie so im Gespräch stehen blieben, bemerkte Jakob, daß sie das Vlickfeuer der ganzen neugierigen Gesellschaft noch etwas störe. Aber noch wußte er selbst nicht, ob er mit ihnen weiter gehen, oder . sich verabschieden sollte, als der höfliche Gatte der schönen Frau ihn mit sich fortzog. „Aber kommen Sie doch, wenn auch nur auf einen Augenblick mit uns," sagte er freundlich. . „Gleich steh' ich den Herrschaften zu Diensten!" erwiederte Jakob. „Ich will mich nur noch bei meiner Begleitung empfehlen lassen." Nach diesen Worten flüsterte er Jwas, der ihn nicht aus dem Auge gelassen, zu, er möge öer Gesellschaft erklären, daß er sich entfernen müsse, während er ihn selbst bat, auf ihn zu warten. Dann schritt er weiter mit jenem geheimnißvollen Paaren welchesdie allgemeine Neugier erweckte. „Ah!" rief die Italienerin, als sie erfahren, daß Jwas ihn erwarten solle. „Auch ich werde hier warten bis in die späte Nacht, um zu erfahren, wer diese Herrschaften sind, wer diese schöne Sängerin ist. und ob ich ihre Stimme nicht noch einmal hören kann! Oder nein." unterbrach sie sich plötzlich, nach ihrem Begleiter blickend, „wo sind die Herren abgestiegen?" fragte sie Jwas. „Wir? In Feder's Hotel!" „Vortrefflich! So sind Sie nur zwei Schritte weit von mir, vom Hotel Fran^ais. Warten Sie gefälligst auf Ihren Begleiter und bringen Sie ihn mir dann zum Thee. Ich werde, bei Gott, bis Mitternacht, und selbst bis morgen Früh nach Ihnen ausschauen' Ich bin neugierig, und habe das Recht dazu, als — Frau!" . Hierauf wandte sie sich um nach dem Dänen und den Italienern: „Signori! Sie schlagen es mir auch nicht ab?" Alle verneigten sich höflich. Hiermit endete das Gespräch und der Spaziergang. Lucia nahm den ihr gereichten Arm des Russen und schritt, mit ihm lebhaft sich unterhaltend, davon. Jwas blieb mit den Italienern zurück. Der Däne und Gako gingen Jeder in eine andere Straße. Der Zigeuner warf sich unweit davon auf eine Bank und gähnte. „Ich möchte darauf schwören, daß diese Begegnung, dieser Herr und dieses Paar, diese ganze Geschichte ein Roman ist voller Geheimnisse!" sagte Lucia zu ihrem die Achseln zuckenden Begleiter. „Sahen Sie, wie er sie anblickte? Hörten Sie, wie .sie aufschrie? Der Eine ist der Gatte, der Andere der Liebhaber! Ich schwöre darauf; ich las es in ihren Blicken! Ah, wie begierig bin ich, hierüber etwas zu erfahren! Aber ob er wohl kommen wird? Und ob er uns etwas sagen will? Wenn ich ihn nur wiedersähe, lockt' ich es schon heraus aus ihm!* „Was nutzt es uns?" fragte lachend der Russe. „Interessanter wäre dies doch, als die Bücher, deren Sie so viele verschlingen." erwiederte die Italienerin. „Ich ziehe jedenfalls das, Lieber, Ihren Märchen vor!" . Auf einsamer Bank im Gärtchen von Aqua Sola saß der arme Jwas mit gesenktem Haupte. Der Anblick dieser Männer und Frauen, dieser Leute, die Zeit und v Freiheit hatten, ihre Herzen der Liebe zu weihen, ihre Köpfe mit etwas Anderem, als mit dem eigenen und dem allgemeinen Unglücke zu beschäftigen, und so frei herumzuflattern, wie die Vöglein — dies Alles machte auf ihn einen wunderbaren Eindruck. Gehörte er doch zu jenen Enterbten, denen alle diese Momente des Lebens verschlossen waren. Hunger, Noth und die Qualen politischer Leidenschaften verzehrten ihn. Er dachte, an sein Vaterland, an die Zukunft, und suchte im Himmel die unmögliche Rettung für den eigenen und den allgemeinen Schmerz. Was konnte ihn das süße Geplauder der Frauen, ihre Begegnungen, ihre Bekanntschaften, ihre holden Blicke und ihr verheißungsbolles Flüstern interessiren, ihn, der für morgen kein Brod mehr hatte, und keine Hoffnung, ihn, den die unsägliche Sehnsucht zum Märtyrer machte, der sein Leben einsetzte, um wieder die Luft jenes Landes zu athmen. für welches er Alles zu opfern bereit war! Mit diesen Gedanken quälte er sich. Schon dunkelte es und Kühle wehte vom Meere herüber, als die Umrisse eines hellen Gewandes auf der Straße verschwanden, und als Jemand ihn leicht auf die Schulter klopfte. Vor ihm stand Jakob. „Gehen wir nach Hause!" sprach er. „Ich werde zu Diensten stehen!" erwiederte Jwas: „Aber nicht nach Hause gehen wir! Denn wir sind Beide dringend eingeladen. Die Colomi, unsere höfliche Italienerin, erwartet uns im Hotel Fran^ais zum Thee!" „Aber was ist das wieder?" rief Jakob. „Ich bedarf der Einsamkeit! Haben Sie zugesagt?* „So gut, wie fest! Denn ich — bedarf durchaus, nicht der Einsamkeit!" erwiederte Jwas, „wie ich auch I sogar überzeugt bin, daß auch Sie. mein geehrter