Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 44 (1903)
- Issue
- Heft 3 (12.1.1903)
- Date
- 1903-01-12
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
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„Ah! Warten wir noch einen Augenblick! Vielleicht singt sie noch etwas!" rief die Italienerin. „Rufenwir: Bravo, tos“, sprach lachend der Dane. , ' Jakob war entrüstet. Die Andern auch. - Sie blieben schweigend stehen. Aber sie warteten umsonst, und blickten vergeblich nach der Thüre des Hauses, aus dem diese schöne Stimme erklungen war. Nach langem Harren erst öffnete sich diese Thüre und heraus trat eine junge, schlicht, aber mit Geschmack gekleidete Dame, mit einem ebenso jungen, ziemlich stattlichen Herrn, in dessen Zügen die orientalische Abstammung zu erkennen war. Beide schritten, verfolgt von den Blicken der Neugierigen, langsam nach Aqua Sola. Der Herr konnte etwa einige dreißig Jahre zahlen, die Dame vielleicht zwanzig.'. Sie sah noch sehr jung, aber schwächlich aus. Brünett, bleich, mit zwei ausdrucksvollen, schwarzen Augen, hatte sie ernste, schöne, aber auffallend traurige Züge, wie der Todesengel. Sehnsucht und Ermattung gossen über ihr Antlitz eine falsche Ruhe, wie eine traumhaft schmerzliche Erstarrung. Nichts, als tiefe Traurigkeit sah man auf diesem so jugendlichen, aber schon welkenden Angesichte. Ihr bescheidener, unansehnlicher, dunkler Anzug entsprach sehr gut dem ernsten Charakter des Gesichts und der Gestalt. Er war jedoch nicht ohne Geschmack und Schönheitssinn. Der Begleiter dieser Dame erschien trotz eines Anstriches vom Gentleman, überaus hochmüthig und allzusehr bemüht, die Rolle des großen Herrn zu spielen, als daß er es wirklich hätte sein können. Auf seiner Stirne stand nur kühler Verstand und grenzenloser Ehrgeiz geschrieben. Im klebrigen war es schwer, auf diesem Antlitze den Abglanz menschlicher Gefühle zu finden. Dafür aber flammten um so deutlicher die Leidenschaften in seinen schwarzen Augen, auf seinen beweglichen und aufgeworfenen Lippen, und in den Falten seines Gesichts sah man die Spuren ihres gewaltigen Spiels. Kalter Verstand und viehische Leidenschaft ergänzten sich hier vollkommen, wo nichts mehr vorhanden von dem, was wir Gefühl, oder auch Herz nennen! Trotz seines abgeschlissenen Aeußern, flößte dieser kühle, anständige, scheinbar feine Mann Jedem eine Art von Schrecken ein. Man fühlte, daß in ihm kein Mitleid wohnen könne, daß der Spott sich zu diesem Egoismus gesellen müsse, der sich ein ganzes zusammenhängendes System der Abwehr aufbaute, ein ganzes Lebensprogramm, von dem er niemals abweichen konnte. Auf Wache stand das Temperament und die mangelhafte Bildung. Alles dies war so augenscheinlich, daß ein Armer, nachdem er das Auge auf ihn geworfen, auch nicht einmal versuchen würde, ihn um ein Almosen zu bitten, wenn er ihn allein anträfe; vor vielen Zeugen vielleicht aber doch! - Trotz seines überaus höflichen Benehmens zu der Dame, welche offenbar feine Frau zu sein schien, fühlte man das Unglückliche und Unfreie in ihrem Verhältnisse heraus. Es schien, als schleppe er sie, wie ein Opfer, hinter sich her. Sie folgte ihm, als wisse sie nicht, was sie thut, als sähe sie ihn nicht einmal vor sich. Er aber gähnte und war verstimmt.- Ein Blick auf diese Frau flößte Allen die Vermuthung ein, sie müsse jene geheimnißvolle Sängerin sein. Jakob stand noch immer, wie angewurzelt, wie geistesabwesend da. Er schien nicht daran zu denken, daß er just auf dem Wege stand, welchen das Paar von der Straße her überschreiten mußte, - um nach Aqua Sola zu gelangen, wohin es offenbar wollte. Seine Augen waren auf die junge Frau gerichtet, welche ihn bisher nicht bemerkt hatte, weil sie den Blick auf den Boden heftete. In der Zerstreüng hatte auch ihr Begleiter Jakob noch nicht gesehen. Er erblickte ihn erst, als er kaum einen Schritt vor ihm stand. Unwillkürlich runzelte er die Brauen, biß sich auf die Lippen. Aber dieser flüchtige Ausdruck verschwand sofort unter dem konventionellen Lächeln der Begrüßung. Die Frau erhob instinktiv das Haupt, erblickte Jakob gleichfalls, prallte aber zurück und schrie, wie verwundert, auf. Diese Stimme erst weckte Jakob, der hastig den Hut zog und die Herankommenden begrüßte, indem er an die Seite trat. „Welch' ein höchst wunderbares Begegnen auf der Welt!" lachte trocken der Unbekannte, indem er Jakob nicht allzu herzlich vielleicht, aber mit großer Höflichkeit die Hand bot und eilig hinzufügte: „Wieso? Woher? Wohin? Was machen Sie hier?" Die Frau erhob beruhigt die Augen, blickte ihn länger an, lächelte traurig und sprach: „Das ist in Wahrheit ein wunderbares Zusammentreffen!" Ihre Stimme zitterte etwas. „Das Wunderbarste, Unverhoffteste, aber für mich Glücklichste!" rief Jakob voll Rührung. „Ich kehre nach ziemlich langer Pilgerschaft zurück in die Heimath. Ich wollte diesen Theil Italiens, der berühmt ist wegen seiner Schönheit, nur zuvor noch durchwandern und kennen lernen, vor allem ober dm Weg an der Küste. Ein Zufall hielt mich etwas auf in Genua. Heute, vor einem Augenblicke, blieb ich in Gesellschaft anderer Reifender, welche Ihre bezaubernde Stimme, gnädige Frau, bewunderten, wie angewurzelt unter Ihren Fenstern stehen, nachdem ich Sie erkannte. Es gibt nicht zwei solcher Stimmen auf der Welt!" Der Herr schien, wenn auch nicht unfreundlich, so doch peinlich gleichgültig Jakob's Artigkeiten aufzunehmen. Die Dame erwiederte nichts, senkte die Augen nur und erröthete leicht.