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Der Israelit · 1903-01-12 · Heft 3 (12.1.1903) · page 20

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
44 (1903)
Issue
Heft 3 (12.1.1903)
Date
1903-01-12
Page
– (sequence 20)
Language
German
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Freund, vor zwei Tagen ihrer nicht allzusehr bedurften. Wir kennen uns noch sehr wenig. Aber es gibt Dinge, welche man im Menschenherzen lesen kann, als wäre es von Glas. Gehen wir zusammen! Die Italienerin ist unbändig neugierig. Wollten Sie nicht zu ihr gehen, käme ste ohne Weiteres zu uns. Das aber wäre noch schlimmer, das hätte keine Manier! Gehen wir!" Jakob's Stirne umwolkte sich etwas, heiterte sich aber schnell wieder auf. »Das ist wahr!" sprach er. „Auf alte Wunden verordnet man warme Lust! Gehen wir also, uns ein wenig zu erwärmen, zu unterhalten, zu betäuben, zu lachen und zu tollen!" ..Aha! Alte Wunden!" siel Jwas ein. „Also diese Dame »Ach. kaffen Sie mich in Ruhe mit dieser Dame'." fuhr Jakob auf. „Begreifen Sie nicht, daß es Leute. Gesichter und Namen gibt, die eine ganze Reihe von Gestalten aus der Vergangenheit mit sich schleppen, wie eine Kette? Sie müssen lieber sagen, dieser Herr, als diese Dame. Denn diese Dame ist nur ein unglückliches Wesen, welches langsam dahinsiecht in den Armen des Glückes! Aber gehen wir," fügte er hastig hinzu. „Gehen wir! Ich will fröhlich fein zum Possen!" „Wem?" fragte Jwas. „Der traurigen Erinnerung!" Sie schwiegen. Schnell stieg Jakob durch die im Dunkel liegenden Gäßchen hinab zum Strande. Auf dem kleinen Platz vor den beiden Hotels, auf dem es gewöhnlich Morgens so geräuschvoll und lebhaft herging, war es jetzt öde und still. An Feder's Hotel vorbei gingen sie in die erste Etage des Hotel Franoais. Die Colomie bewohnte einen reizenden kleinen Salon, in welchem sich schon fast die ganze Gesellschaft befand. Der Russe stand auf den Balkon gelehnt und rauchte sinnend seine Cigarrette. , Lucia selbst empfing und bewirthete bei sich. Man sah, daß diese imprövisirten Gäste nicht allzusehr nach dem Geschmacke ihres Begleiters waren. Denn er schwieg finster und mischte sich fast gar nicht in das Gespräch. Der Zigeuner hatte sich so bequem als möglich auf das Kanapee gesetzt und ließ die Augen durch den Salon schweifen, als ob ihn nichts auf der Welt interessire. Der Däne suchte sich einzuschmeicheln. Die beiden Italiener waren voller Leben; besonders der Musiker war fröhlich und munter. Beim Anblicke der sich öffnenden Thüre und des eintretenden Jakob, schritt Lucia allein zuerst ihm entgegen. Ihre Augen flammten. „A! grazie taute! srrazie tante!" rief sie. „Wie liebenswürdig, daß Sie kommen! Welch' ein Opfer! Aber ich nehm' es an!" „Wieso, gnädige Frau?" sprach fröhlich Jakob, denn er wollte mit Getoalt fröhlich sein! „Was ist dabei für ein Opfer, hierher zu kommen, um einen Theil des Abends in so angenehmer Gesellschaft zu verleben, und Sie anzuschauen, meine Gnädige?" „Ah! Unwürdiger Schmeichler!" lachte die Italienerin. indem sie ihm auf die Hände schlug. „Schweigen Sie mir mit Ihren Komplimenten, denn sie sind unwahr! Setzen Sie sich sofort mein Herr, und sage» Sie, mit wem Sie zusammentrafen. Wer ist diese schöne Dame, die so' sehnsuchtsvoll singt, daß. wer sie hört, sich ausweinen muß? Weßhalb schrie sie auf. als sie Sie bemerkte? Warum erbleichten Sie, als Sir die Dame wiedersahen?" Jakob besaß viel Gewalt über sich selbst. Vielleicht auch irrten sich Alle, die ihn verdächtigten. Denn er begann so laut, so herzlich zu lachen, daß er sogar diese Frau täuschte, . oder wenigstens einigermaßen ihren Glauben an einen Roman oder irgend eine aeheimnißvolle Geschichte erschütterte, an welchem Antheil zu haben sie ihn im Verdacht Hatte. „O, gnädige Frau, Sie haben eine echt italienische Phantasie!" rief er. „Ich sehe, daß Sie die Trauer-Arie der Senora zu Ende gesungen und mich mit dem Dornenkranz verflochten haben, welchen jenes Wesen trägt. Aber leider kostet mich dies viel, nicht weniger, als daß ich, da ich die Wahrheit liebe, dem Heldenthum entsagen, und in die Menge als einfacher Zuschauer hinuntersteigend, den Zauber von mir werfen muß, mit dem mich dieses Räthsel umgibt! Diese Dame kenne ich kaum so viel, als Landsleute, oder, was mehr bedeutet, ' als Mitflüchtlinge sich kennen. Sie und ihr Gatte sind, wie ich, aus Warschau, und sie sind auch Juden, wir ich es bin. Natürlich kennen wir uns gut und schon von früher. Da haben Sie die ganze, prosaische Wahrheit!" ' Die Italienerin stampfte ungeduldig mit dem Füßchen. „Diese Wahrheit kann aber nicht die Wahrheit sein." sagte sie. „Ich — sah Sie, mein Herr, zufällig an. als Sie die Dame erblickten!" Ueber Jakob's Lippen flog wiederholt ein Lächeln. „In der That." sprach er. „Ich mußte eine tragische Figur zeigen und eine verwunderte Physiognomie. Denn mir ist die Leidensgeschichte dieser Frau gar wobl bekannt!" „Ah! Also doch eine Geschichte, und eine traurige gar. mein Herr, ist die Geschichte dieser Frau!" unterbrach ihn Lucia. „Dem widerspreche ich nicht," sprach der Jude. „Leider, — nur ich spiele darin keine Rolle!" Die Italienerin blickte ihm in die Augen, aber er hielt diesem forschenden Blicke Stand und verrietb sich! mit keinem Gefühle. (Fortsetz. folgt.) Verantwortliche Redaction: vSear Lehmann in Mainz. — Exvedition des ^Israelit". Schottstraße Nr. 2. Mainz. Druck und Verlag der Job. Wirtb'schen Hofbuchdruckerei Actien-Gesellschaft in Mainz.

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