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Der Israelit · 1903-01-12 · Heft 3 (12.1.1903) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
44 (1903)
Issue
Heft 3 (12.1.1903)
Date
1903-01-12
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Lasten, war es der Spielball der Mächtigen, sein Wohnsitz die Statte, an der das Elend Prags zuerst oder zuletzt ausging. Der blutige Ostersonntag des Jahres 1389 steht obenan in den düsteren Annalen des Ghettos. Der Friedhof war zerstört; die elenden Holzbuden standen in Flammen, dreitausend Juden fielen an einem Tage unter der Wuth des Pöbels oder gaben sich selbst den Tod. Bis in die neueste Zeit blieben die Blutspurcn an der ältesten Synagoge hasten, und die altersgraue, staubbedeckte Tempelmauer wahrt heute noch die schrecklichen Zeichen der Prager Vesper. Später, als die heftigen Kämpfe der Städte mit dem Adel Elend und Noth über das Land brachten, blieb auch das Ghetto nicht verschont. Die Stadtbehörde nahm seine Dienste in Anspruch, der Burggraf holte sich seine Knechte aus ihm, und das Stadtvolk brannte vor Begier, die geheimnißvollen, an uralten Büchern hängenden Fremdlinge zu vertreiben. Sie wechselten den Herrn, aber ihre Sklaverei blieb bestehen. 1542 endlich luden sie ihre Habseligkeiten auf, räumten Prag und verließen das Land. Die Sehnsucht nach den Plätzen, wo die Vorfahren gelebt und die Todten verlassen lagen, führte sie mit Freibriefen wieder zurück. Ter Reichthum des alten Samuel Meisl schuf in der rudolfinischen Zeit Friede und Glück. Als er starb, wurde sein Vermögen eingezogen und die Bedrängniß sing von Neuem an; die äußeren Ereignisse griffen freilich den Plänen der Stände vor. Die Schlacht am Weißen-Berge stürzte das Land in tiefste Noth, an eine Vertreibung der Juden war vorläufig nicht zu denken. Nichtsdestoweniger verschlechterte sich ihr Loos. Nur Einer unter ihnen, der reiche, italienische „Hofjude" Bassewi. empfing für seine Anhänglichkeit an Ferdinand Wohlthaten, und unentgeltlich zwei Häuser, während Fürst Lichtenstein, der Böhmen verwaltete, gestattete, daß auch andere Häuser der Prager Altstaot in jüdischen Besitz übergingen. Die Privilegien Ferdinands sicherten dem Ghetto überhaupt behaglichere Verhältnisse, so sehr auch die Gunst der städtischen Bcr völkeruna der neuen Aera fehlte. Die Schrecken des dreißigjährigen Krieges verspürte das Ghetto mehr im materiellen Sinne. Die Abgaben und außerordentlichen Zahlungen häuften sich. — Unter Kämpfen und Sorgen, denen sich eine Brandkatastrophe beigcsellte, verfloß die Zeit. Die Franzosenbrände der Raubkriege verwüsteten das Ghetto vollständig. Auch die aus Stein gebauten Synagogen gingen in Flammen auf. Unverzüglich schritten die Juden zur Arbeit. Der Kaiser gebot, nur Steine zu verwenden, aber die Mittel reichten nicht. So krumm und eng, wie die Gassen vor dem Brande gewesen, erstanden sie auf's Neue, das alte Leben begann. Neuer Krieg, »euer Schrecken. Als die Preußen Prag wieder freiaaben (unter Maria Theresia), überfiel der Pöbel das Ghetto, dessen Bewohner in tödtlicher Angst die Nacht auf den Dächern verbrachten, während die Häuser von der Menge geplündert wurden. 1744 kam ein Ausweisungsdekret. Schaarenweise zogen die Verarmten in die umliegenden Dörfer ab, kamen aber jeden Morgen in das Ghetto zurück, in welchem nur die Kranken geblieben waren. Die Nächte über lag der Stadttheil wie ausgestorben. Nach und nach füllte er sich mit den alten Bewohnern. Unter Josef II. erhielten sie volle Freiheit. Die reicheren Juden verließen das Ghetto und siedelten sich in der Stadt an. In die freien Hutten strömte die Armuth ein, errichtete Lasterhöhlen und etablirte ihren dunklen Erwerb. Nur der Trödler blieb zurück, die Synagogen und der Friedhof zeugten von dem ehemaligen Charakter des Ghettos, das erst seit 1848 den Namen Josefstadt bekam. Mit diesem Jahre hörte das politische Gemeinwesen der Juden auf, feit 1850 ist die Josefstadt nur mehr Kultusgemeinde. Und heute ist auch diese Phase im Verschwinden. Das Labyrinth des Elends fällt der fortschreitenden Stadterweiterung zum Opfer. Laster und Armuth brechen auf, neue Schlupfwinkel zu suchen .... Nur der Friedhof der Juden bleibt als letzte Erinnerungsstätte. Zwischen kleine Häuschen eingebettet, flankirt von der hohen, schmalen Coulisse des Kunstgewerbemuseums. dehnt sich der Garten der todten, jüdischen Geschlechter. Zwischen den uralten Steinen schießt hohes Gras hervor. Regellos, bald aufrecht, bald halb in die Erde versunken, frei oder aneinander gelehnt, füllt dieser Wald von Steinen den engen Raum. Hollunderbäume strecken ihre Stämme und Aeste in phantastischen Krümmungen zum Himmel. Wenn der Frühling kommt, schimmert es in ihren Kronen von weißen Vlüthen, und träumerischer Duft strömt auf die Stätte der Todten nieder.. Verwitterte Inschriften verklärt der Strahl der Sonne, und die Geschichte eines Lebens leuchtet mit lebendigen Lettern in die traurige Einsamkeit. Reiche und Arme, Kranke und Enterbte hat das Schicksal nebeneinander gebettet. Unter einem Hollunderbaum modert der Staub des alten Kohen, „der mit den Mächtigen der Erde zu sprechen verstand." — Auf dem Grabe des Juda Löw zeugen unzählige Steinchen von der Verehrung spaterer Geschlechter. Handwerker, Musikanten, Barbiere, Aerzte sind Nachbarn im Tode. Der dort liegt, starb unter Mörderhand. Dort wieder ruht ein Jüngling, den die Pest dahingerafft. Schmetterlinge lassen sich an warmen Abenden auf den Gräbern der alten Rabbiner nieder. Der Klang einer Fiedel tönt von ferne herüber, in den Baumkronen wiegen sich muntere Vögel, und ernst und schwer mischt sich der Klang der Glocken von der Teinkirche in die zitternde Luft. Dieses Bild des Friedens bleibt bestehen, während ringsum die Häuser des alten Ghettos in Trümmer fallen. Ein Stück toller Menschenhistorie wird zu Grabe getragen. Ver- ' stummt sind die Klagen der Unglücklichen, die trostlose

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