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Der Israelit · 1903-01-12 · Heft 3 (12.1.1903) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
44 (1903)
Issue
Heft 3 (12.1.1903)
Date
1903-01-12
Page
– (sequence 9)
Language
German
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44. Jahrgang. m Das Prager Ghetto.*) Ich blättere so vor mich hin in diesem Buche, das vier warmherzige czechische Künstler vertrauensvoll in die Welt geschickt haben. Wozu ist es da? Geht es den Problemen nach? Will es überzeugen? Und während diese Frage auftaucht, wird die Erinnerung an lustige, fchwermüthige, dumme Studententage wach. An milde Vollmondnächte, uraltes Gemäuer, an einsame Wanderungen über die ehrwürdige Karlsbrücke, an alle die Traume, welche die jungen Seelen im ersten Weltschmerz mit Leid überschütten. Das wunderliche Städtebild steigt ' vor meinen Augen empor. Der Himmel ist voll der Sterne, die ernsten, schweren Glocken der Prager Kirchen erheben ihre metallene Stimme, die Akazien beim Franzensmonument duften, in riesigen Schattenrissen zeichnet die Nacht den Veitsdom und die prächtige Burg am Hradschin in den Horizont. Vom Laurenziberg, vom Strahower Stifte grüßen einsame Lichter. Die Moldau rauscht. Ein Floß gleitet still durch die Brückenbogen. Am Ufer drängen sich die Häuser der Kleinseite im Dunkel zusammen. Ganz so, wie es das Titelbild des Buches aus dem Land der Träume nachzuschaffen versucht... Und dann wieder steigt die Erinnerung den Vyschehrad hinan und macht Halt an den Gräbern des Dichters, der die schönen Abendlieder sang, gleitet an welken Kränzen vorüber und blickt wehmüthig zurück in die menschleere, stumme Stadt, deren Zinnen und Kuppeln der Mond verklärt. Die alte Veste ersteht im Glanz der Sommernacht, in der Kirche flammen die Fenster auf und majestätisch gewappnet erklingt über Fels und Friedhof die wundervolle Weise, mit der Smetana's symphonische Dichtung einsetzt. Mit Lächeln denk' ich dran. Jahre ist's her. Der historische Zauber der Stadt fällt Stück für Stück; er verläßt den Boden, der neuen Anforderungen gehorchen soll, und alle die kleinen Häuser im Thal, die einst mit gehörten in die Kapitel jener Geschichte, von welchen die Burgen und anderen ehrwürdigen Denkmäler Zeugn'.ß geben, sie kehren zu Staub und Schutt zurück. Eines Tages sind sie fort, und die letzte Spur der Glücklichen und Unglücklichen verweht, die ihre Spanne Leben drin verbrachten. Nun fällt gar ein ganzes Stadtviertel. — Das Ghetto verschwindet — und worin meine Hand blättert, dieses Buch, es ist ein Abschied, ein letzter Blick auf die erinnerungsreiche, vorn Jammer alles Menschlichen Jahr- *) »Das Präger Ghetto": herausgegeben von der böhmischen graphischen Gesellschaft »Union" in Prag, unter Mitwirkung von Jgnat Herrmann. Dr. Joseph Telge und Dr. Ligmund Winte.r. Zeichnungen von A. Kaspar. hunderte lang heimgesuchte Stätte. In meine jungen Träume freilich gehörte dieses schwarze, traurige Häusergerümpel. dieses Winkelwerk des Elends nicht. Selten allein, häufiger in Gesellschaft zechlustiger, lockerer Gesellen zog ich dort herum, in diesen schmutzigen, feuchten, verdorbenen Gassen, die leer waren von Juden, aber voll von dunstigen Schänken, von lumpigen Gestalten, von Dirnen und lärmenden Kindern. Vorsichtig, zögernd schlichen wir an diesem Durcheinander der Armuth worüber. Die Gaslaternen flackerten traurig über dem alten Gestein, und die Gesänge der Trunkenen störten mit rohem Mißklang die tiefe Stille des jüdischen Friedhofes. Wer von uns hätte damals den inneren Stimmen folgen mögen, die da riefen: Steh still! Wirf einen Blick auf das alte Gemäuer, das düster vor Deinen Blicken aufsteigt! Auf diese räthselhaften Inschriften, die Liebe und Leid und Hoffnung gemeinsam in den verwitterten Stein gegraben! Geh' nicht weiter! Bleib und lass' Dir uralte Geschichten erzählen aus traurigen Zeiten; manch' ergreifend schönes Kapitel wissen sie, große, starke Naturen mit kleinen, zaghaften Gestalten sind darin gemischt. Lächeln unter Thränen lehren sie Dich'! •— Wollten wir es denn? Wir liebten damals die Thränen, um des schönen Schmerzes willen, wir lächelten gerne, weil die Jugend in uns danach verlangte. Beides zusammen, diese schwere Kunst, die das Leben.den reifen Menschen lehrt — wer hätte sie damals üben mögen? Heute freilich zwingt mich dieses BuA das vor mir liegt, mit Wort und Bild an die längst vergessene Stätte zurück. Die Gassen, die wir damals durchzogen, steigen im Geiste wieder herauf. Und wie ich wandere und die Autoren schlicht und einfach die Geschichte jedes Hauses erzählen, füllt sich der leere Platz in meiner Erinnerung mit Gestalten und Bildern; eine ganze Zeit bezieht diese schattenreichen Winkel des Prager Ghettos und noch einmal, ehe sie für immer verstummt, wird die Geschichte dieses seltsamen Häusergewirres lebendig. . Eine langwierige, traurige Leidensgeschichte ist es. Knechtschaft, Pöbelrevolten, Brand kennzeichnen die einzelnen Epochen. Nur selten läßt die Gunst des Schicksals ein Stück blauen Himmels über den engen, krummen Gassen sehen. Augenblicken.der ruhigen Entwickelung folgen Monate der tiefsten. Erniedrigung. Wie viel Thränen, welchen Jammer haben die schmutzigen, ...kleinen Häuser geschaut! Während die Stürme der Weltgeschichte qn ihnen .rüttelten, saß in den finsteren Stuben ein zitterndes Geschlecht.— Wie durch ein Wunder blieb dieses Volk, das zäh an der'dürfttgen Heimath hing, vor Vernichtung bewahrt. Autonom in seinen Rechten und drückenden

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