Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 44 (1903)
- Issue
- Heft 3 (12.1.1903)
- Date
- 1903-01-12
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Lilien. Hermann Struck, Leffer Ury. Die Ausstattung ist sehr schön. Zu bedauern ist nur der äußerst melancholische Zug, der durch das Ganze weht. Es fehlen eben die Verheißungen und die Tröstungen unserer heiligen, belebenden Religion. Bremen. Zm „Verein für jüdische Geschichte und Litteratur". hielt dieser Tage Herr Dr. med. Arthur Kahn aus Bonn einen Vortrag über „Das alte und das neue Ghettos vor einem zahlreich erschienenen Publikum. Der Redner verstand es wie selten einer, seine Zuhörer zu fesseln. In großen Zügen schilderte er die düsteren Zeiten der Kreuzzüge, führte dann seine Zuhörer durch das Mittelalter, mit seinen vielen, wechselvollen Epochen des Leidens und geistigen Lebens. ' Die dunkelste Episode des finsteren Mittelalters bildet die Zeit, in der der schwarze Tod Europa entvölkerte, der aber, anstatt die Menschen einander näher zu bringen, wie das sonst bei gemeinsamen Leiden zu sein pflegt, die bösen Leidenschaften noch mehr entfachte. Auch in diesen Zeiten des Unglücks ruhte das geistige Leben unter den Juden nicht. Sobald der äußere Druck nachließ, schnellte der jüdische Volksgeist wieder in die Höhe, und bedeutende, geistige Schöpfungen entstanden in den dunklen Ghettogaffen. In hochdramatischer Weise führte der Redner aus dem Untergang des europäischen Ghettos in das neue Ghetto, das Newyorker, das größte der Welt, hinüber. So erschütternd die bisher entrollten Bilder auf die Zuhörer wirkten, so packend, und lebhaft stellte Herr Dr. Kahn das Newyorker Ghetto, und oft mit wahrhaft köstlichem Humor dar. Das litterarische und schöngeistige Leben des Newyorker Ghettos äußert stch in den Jargontheatern, in zahlreichen, jüdischen Tageszeitungen, in schöngeistigen und wissenschaftlichen Schriften, die alle, selbst von den Aermsien — Hausirern, Handwerkern und Tagelöhnern —: gekauft und gelesen werden. Ungemein viel Scharfsinn - und Humor ist in den politischen Blättern niedergelegt. In den kleinen Gebetstuben finden sich diese Leute am Sabbat und Festtagen zu belehrenden Vorträgen ein. an denen sich die Zuhörer oft selber betheiligen. Hier zeigen sich die geistigen und sittlichen Vorzüge dieser Armen und Unbeachteten in den schönsten Bildern. Das Handwerk ist unter den Ghetto-Juden sehr zahlreich vertreten. Es gibt allein 80,000 jüdische Schneider in Newyork. Diese armen, jüdischen Schneider bilden den friedlichsten Thril des Newyorker Proletariats. — Diese Kleinmalerei war ein Meisterwerk von rhetorischer Schönheit und psychologischer Beobachtungsgabe.. Die größte Wirkung erzielte der Vortragende in seiner Schlußrede, indem er auf die Leiden der Millionen unglücklicher Glaubensbrüder in Rußland, Rumänien, Persien und Marokko hinwies. Bei diesen Schilderungen konnte man aus manchen Augen Thränen perlen sehen. Unstreitig wird dieser Vortrag, der zu den besten e» :: . / - '• und schönsten gezählt werden kann, allen Zuhörern noch 1 lange in Erinnerung bleiben. Der reichlich gespendete Beifall des begeisterten Publikums mochte den Redner , überzeugt haben, daß das hiesige Publikum für solche lichtvolle, tiefdurchdachte Darstellungen volles Verstandniß besitzt. Ein dem Redner dargebrachtes, dreifaches Hoch war der wohlverdiente Ausdruck der Anerkennung > und des Wunsches, denselben noch öfter hier begrüßen * zu können. | Kolbcrg. Dem 28. Jahresberichte über die Ber- , waltung des „Jüd. Kurhospitals* -x sn m im Sool- und Seebade Kolberg, im Jahre 1902. entnehmen wir:. ■ Der noch immer andauernde Niedergang sammtlicher wirtschaftlichen Verhältnisse, unter dessen Druck bekanntlich ja in erster Reihe die gemeinnützigen und auch an unserem Werke der Armen- und Krankenpflege nicht spurlos vorübergezogen. Die zumeist aus der freien Wohlthätigkeit uns zufließenden Mittel zur Erhaltung unseres Hauses sind stark hinter den Vorjahren zurückgeblieben, und zum ersten Male seit einer langen Reihe von Jahren haben wir auch einen nicht unbedeutenden Rückgang der fortlaufenden Jahresbeiträge zu verzeichnen. Wenn gleichwohl die Leistungen unserer Anstalt stch nicht blos auf derselben Höhe erhalten, sondern sogar noch eine weitere Steigerung erfahren haben, so ist das dem glücklichen Umstande zu danken, daß es unseren Anstrengungen gelungen ist. die recht namhaften Ausfälle wenigstens zum Theil durch die Gewinnung neuer Freunde und Erschließung neuer Einnahmequellen wieder zu ergänzen. Dankbar müssen wir anerkennen, daß unsere Anstalt unter den Wohl-, fahrtseinrichtungen unseres Vaterlandes sich Bürgerrecht, und in den weitesten Kreisen zahlreiche Freunde erworben hat und sich ihrer warmherzigen Unterstützung erfreut. Trotzdem können wir angesichts der fortdauernden Ungunst der Zeit uns banger Sorgen nicht erwehren. Nur die unversiegliche Wohlthätigkeitsquelle unserer Freunde, die ja bisher nie versagt hat, ermuthigt uns, > die alte, liebgewordene Arbeit mit frischen Hoffnungen fortzusetzen und in die Geschäfte des neuen Verwaltüngsjahres einzutreten. Nach Abzug des aus dem Vorjahre vorgetragenen Kassenbestandes haben die Rein-Einnahmen nur dir Höhe von 31,241.75 Mk. erreicht, gegen 41,216.71 Mk. im Vorjahre. Dazu gehören als erheblichste Einnahmequelle die Jahresbeiträge im. Betrage von Mark 16.994.50, die gegen das Vorjahr um 1067 Mk. zu-, rückgeblieben sind. Auch die einmaligen Beiträge zeigen gegen das Ltorjähr einen nicht unbedeutenden Rückgang, indem sie im ablaufenden Verwaltungsjahr nur! die Höhe von 3113.50 Mk. erreichten. I Im Berichtsjahre wurden 265 Personen in Frei- J stellen und 116 Personen in Zahlstellen verpflegt. Die I meisten der letzteren zahlten für eine vier- bis sechs- I wöchentliche Kur in unserem Hause zwischen 30 bis 60