Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 44 (1903)
- Issue
- Heft 2 (8.1.1903)
- Date
- 1903-01-08
- Page
- – (sequence 27)
- Language
- German
- Belongs to
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47 i: l - .Nun, und wir?" rief der Russe, .die wir uns davon so viel versprachen?" Der Dänrn-Franzos. indem er die Freiheiten eines Spazierganges ausnutzte, näherte sich zudringlich der Italienerin, und that dies ziemlich ungeschickt und auffallend. Diese blickte von oben auf ihn herab und lächelte fast mitleidig. Der Däne verricth sich durch diese Bewegung. Hätte er ihr Lächeln bemerkt, würde es ihm deutlich gesagt haben: .Hoffe nicht!" Zum Glücke aber bemerkte er es nicht; aber selbst wenn er es gesehen hätte, würde er den angeborenen Muth nicht verloren haben, obgleich ihm die Italienerin augenscheinlich den Kopf verdreht hatte. Sie aber war mehr mit Jwas, als mit den Andern beschäftigt. Nach einer Gesprächspause fragte sie ihn leise: „Sie reisen nach Polen?" „So ist es!" sprach Jwas mit einem Seufzer. „Ich bin abergläubisch, sehr abergläubisch!" sagte sie weiter. ..Auch ich begebe mich gerade nach Polen. Ich erachte es für etwas sehr Bedeutsames, daß ich unterwegs eine so angenehme Bekanntschaft mit einem Polen machte!" „Sie wollen nach Polen, gnädige Frau?" fragte betrübt der junge Mann. ° „Aber Polen ist heutzutage im Munde Europas eine Abstraktion. So viele polnische Länder gibt es, und dennoch kein Polen, nur ein Russisch-, ein Kongreß-, ein Preußisch- oder ein Oesterreichisch-Polen!" „Ah! So weiß ich sogar selbst nicht, nach welchem Polen ich reise. Bitte also, mir zu sagen, in welchem liegt denn Marschau?" fragte die Italienerin. „Das ist gewissermaßen meine geliebte Heimathstadt!" erwiederte der Pole. „Eine der früheren Hauptstädte Polens, die Letzte jenes, unseres idealen Polens, welches heutzutage keine Residenz mehr besitzt, die Hauptstadt Kongreß-Polens!" „Ich werde mich in ihm verlieren!" sprach lachend die Italienerin. „Und wohin reisen Sie. mein Herr? Auch nach Warschau?" „Ja, gnädige Frau. Ich weiß aber weder, wie ich dorthin gelangen soll, noch ob ich, dort angelangt, nicht zu einer noch weiteren Reise gezwungen werde, um das Leben in den asiatischen Steppen zu erforschen!" „Ah! Ihr Herren seid doch Alle so unglücklich!" „Unglücklich, gnädige Frau, das ist zu wenig gesagt," sprach der Pole. „Für das, was mit uns geschieht. gibt cs einen Ausdruck in keiner Sprache! Doch reden wir nicht davon! — Wie kommt es aber, gnädige Frau, daß Sie nach Warschau fahren?" „Ich, ich?" sagte etwas verwirrt die Italienerin. „Nur so — aus Neugierde!" Sie senkte die Augen. „Vielleicht auch," fügte sie nach einer Pause hinzu, „wenn es geht, werde ich im Theater singen!" „Ah! Ich kann Sie versichern, gnädige Frau, daß Sie da sehr gut ausgenommen werden. Oberst Hauke ist den Italienern sehr zugethan.. Und sobald er ' erfahrt...."^ ^. c::; „Sie werden mir helfen, mein Herr?" fragte sie. „Ich? Ich?" rief Jwas lachend. „Ich, gnädige Frau, wenn ich dorthin zurückkehre, wird kein menschliches Auge mich sehen! Ich kehre heim aus Sehnsucht, aus Unruhe! Aber, wollte ich mich dort zeigen, drohte mir Tod oder Verbannung!7 * Die Italienerin blickte ihn an und verstummte plötzlich. „Ich aber, mein Herr," sagte sie nach einer Pause, „könnte Sie doch.dort Wiedersehen!" . Jwas schüttelte traurig das Haupt. Der Dänen-Franzos. welcher das Gespräch belauscht. hatte aus ihm nur gemerkt, daß die Italienerin beabsichtigen müsse, den Russen zu verlassen, der als Flüchtling und Verbannter unter das russische Regime nickt zurückkchren konnte. Soviel politische Geographie verstand er, um dies zu kombiniren. Dies zeugte allerdings von ungewöhnlicher Gelehrsamkeit, wie sich sogar manche fremde Zeitungsschreiber nicht immer rühmen können. „Sie verlassen also, gnädige Frar?, Ihren Reisegefährten?" fragte er lebhaft. ' . „Ich? Wer sagt Ihnen das, mein Herr?" rief die Italienerin, ihn mit den Augen messend. „Ja! Ja!.. Gewiß!" . . .Und dies sagend, blickte sie den Russen mit einem leichten Seufzer zärtlich an. Gromow ' biß sich auf die Lippen und runzelte wüthend die Stirne. „Aber werden Sie. gnädige Frau, so allein , reisen?" rief der Däne. „O nein! Nicht allein!" beantwortete sichtlich betrübt, ftnster die Italienerin. „Sic martern mich aber mit Ihren Fragen, mein Herr! Ich weiß selbst noch nicht, was ich beginnen soll. Aber ich liebe es. nicht, davon zu sprechen. Ich weiß es nicht. Wird es so, oder anders. Wer weiß es?" „Aber wenn Sie befehlen, gnädige Frau, so bin ich bereit. Sie bis an's Ende der Welt zu begleiten!" platzte der feurige Anbeter heraus. „Wenn Sie auch nur scherzen, mein Herr — Scherze dieser Art liebe ich nicht!" erwgederte Lucia streng.. „Sei dem, wie ihm wolle, einen Begleiter werde - ich schon finden!" „Wie schade, daß Sie so grausam ist!" sagteim Geiste der Zudringliche. . .; Der Russe schwieg, in Gedanken vertieft', und mischte sich gar nicht in das Gespräch^','^ ' . „Ich bin sehr begierig auf Polen un? Rußland," , begann die Colomi, wieder zu sich kommend.. „Man. sagt, daß Polen und Russen die Kunst verstehen und