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Der Israelit · 1903-01-08 · Heft 2 (8.1.1903) · page 28

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Journal
Der Israelit
Volume
44 (1903)
Issue
Heft 2 (8.1.1903)
Date
1903-01-08
Page
– (sequence 28)
Language
German
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Heben, daß sie nicht selten leidenschaftliche Dilettanten find!" . „Das war so eine Zeitlang!" erwiederte der Jude. „Was in Rußland geschieht weiß ich nicht; dort — verzeihen mir die Anwesenden — liebte man bisher mehr die Künstlerinnen, als die Künste. In Polen bereiten fich Kämpfe vor, ein blutiger Strauß, etwas Grausames und Großes, was die Welt in ihren Tiefen erschüttern wird. Was für ein Sang soll dort in die Ohren klingen, in welche die Zukunft mit dem Geschütze der Jahrhunderte donnert!?" „Nun, so werde ich vielleicht die Freude haben," rief die Italienerin, „daß ich das Siegeslied anstimmen werde." „Oder die Todeshymne!" fügte Jakob finster hinzu. „Oder auch ein Intermezzo-Liedchen, welches uns aufathmen und die Tragödie des Lebens vergessen läßt! Ich bekenne Ihnen," sprach die Colomi, „daß mir dieses ausgekühlte und abgestumpfte, erstarrte, verbrauchte und verlebte Europa vorkommt, wie ein Bouquet, welches ein Lumpenweib aus dem Kehricht aufhebt, daß es mich langweilt, verdrießt und anekelt, da es nicht einen FunkenWön' Leben mehr in fich trägt!" „Niemals .hat? ich von Ihnen, gnädige Frau, so diel Politik erwartet," entgegnete der Däne. „Europa raste, so lang es jung war! Seit es in das Alter der Reife kam, eile est un peu müre. Das ist wahr; aber es ist doch noch ganz angenehm. Was wollen Sie, gnädige Frau? Heutzutage gedeihen die Kinder ganz anders; mit einem Male sind sie alt, aber vernünftig. Der Jüngling von neunzehn Jahren blickt auf die Welt mit der Verachtung eines Zechers, der den Becher bis auf den Grund geleert. Später gibt es kein Leben mehr, aber dafür ist uns auch Alles erlaubt. Es gibt keine Barriere auf der Landstraße des Lebens. Einen Zoll bezahlen wir nicht. Also vorwärts, wohin nur die Augen uns sehen lassen! Schon das ist viel werth. Früher hielten uns tausend Vorschriften, Gesetze und Voruriheile im Zaume. Wir gingen, wie Kinder, am G'ängelbande! Heutzutage wundert sich Niemand mehr über etwas, Niemand verwehrt uns etwas, wenn wir es nur geschickt anfangen!" „Und nichts auch hat noch Werth; nichts will mehr schmecken!" fügte die Italienerin hinzu. „Gnädige Frau!" unterbrach sie der Musikant voll Eifer. „Bevor die Unterhaltung weiter schreitet auf dieser Bahn, beschwöre ich Sie, geneigtest mich anzuhören!" „Sehr gern!" erwiederte Lucia erstaunt, „um was aber handelt es sich?" „Um mein Leben, gnädige Frau!" rief der Italiener. Der Russe wandte sich zu ihm, drohend zugleich und spötttsch. „Darf ich das Wort nehmen?" „Wir Litten!" „Nehmen die Herrschaften auf diesen Banken Platz. Ich beginne!" Er verneigte und.räusperte sich: „Sollte es den Herrschaften auch scheinen können, daß ich nicht zur Sache spreche, so bitte ich doch, mich geduldig zu Ende zu hören!" . - „So ist's! Hespice fmemP flüsterte spöttisch der Däne. „Mein Begleiter hier und ich," fuhr der Italiener fort, „wir sind zwar Kinder dieser Gegenden Italiens, welche sich mit der Mutter noch nicht vereinigen konnten. Wir weinen übet unser Geschick. Fesseln zerrieben uns die Hände. Wir rissen uns los vom Lande der Knechtschaft, unter den Bleidächern hervor, um hier aufzuathmen und Leben zu schöpfen. Wohin wir die Schritte lenken, wo immer ein Mund sich zu uns öffnet, verfolgt uns die Politik, die unpolitische Oekonomie oder gemeinsame Philosophie! Erbarmen Sie sich über uns! Sprechen Sie, wovon Sie wollen, nur von et- Anderem!" „Mein lieber, verzärtelter Italiener!" entgegnete der Dänen-Franzos. „Das ist umsonst! Unser Jahrhundert ißt seine Speise mit dieser Sauce. Sie ent'- gehen ihr nicht!" „Könnte man nicht über Musik sprechen?" „Die Musik wurde zur Zukunftsmusik, und Wagner. ihr Prophet ist, wie Sie wissen, ein erbitterter Politiker!" . „Oder über Kunst?" „Sie wurde zur Pflegetochter der Philosophie und der Geschichte und hält sich unablässig an diele." „Nun dann über das Leben, über Kleinigkeiten, über die Stadt, über das Wetter, oder worüber Sie wollen. Aber ich möchte dabei gern fühlen, daß ich jung und Künstler bin!" „Junge Leute gibt es nicht," erwiederte lächelnd der Jude. „Und die Künstler wurden bei der Belagerung getödtet!" „Was also erübrigt dem, der nach Leben schmachtet?" rief der Italiener. „Eins nur!" sprach der Dane mit großer Wichtigkeit: „Sich zu berauschen!" „Aber was dann?" fragte der Italiener. „Das hängt ab vom Temperamente. Einschlafen oder..." Als sie so plauderten, erklang aus dem Fenster eines benachbarten Hauses Musik. Die Abendluft trug sie heran auf ihren Wogen, so zart und weich, so träumerisch und sehnsuchtsvoll, daß Alle verstummten und lauschten. (Fortsetzung folgt.) DrrantwortULe Redaction: Oscar Lebmann in Mainz. — Expedition des »Israelit". SLottKratze Nr. L Main». Druck und Verlag der Job. Wkrtb'sLen HafbuLdrulkerei C(etien«<BefeIITdiafi in SDZafau. -

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